16. März 2018

Aus dem Kollegenkreis

Was ein junges Herz ausmacht und wie wir es lange erhalten können

Im Vorfeld des diesjährigen Internistenkongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) diskutieren Experten über die wichtigsten Aspekte rund um das Leitthema Geriatrie. (Lesedauer: 2 Minuten)

Heute im Gespräch mit der coliquio-Medizinredaktion: Professor Dr. med. Ursula Müller-Werdan, Inhaberin des Lehrstuhls für Innere Medizin mit Schwerpunkt Geriatrie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

Professor Dr. Müller-Werdan, seit Jahren treiben Sie die Geriatrie-Forschung in Deutschland aktiv voran. Was sind dabei die wichtigsten Ziele und Schwerpunkte?

Wesentliche Ziele der biomedizinischen Alternsforschung sind sowohl die Verlängerung der Lebenszeit (“life span“), als auch die Verlängerung der Gesundheitsspanne (“health span“) also die Zahl der Lebensjahre, die ohne die Last chronischer Erkrankungen verbracht werden.

Altern geht bei höher entwickelten Lebewesen mit Seneszenz einher, also mit sichtbaren oder messbaren Stigmata eines Alterungsprozesses, der natürlich erscheint. Ein Grundproblem bei der wissenschaftlichen Analyse derartiger „physiologischer“ Alterungsprozesse besteht in der Abgrenzung zu „pathologischen“ Prozessen im Rahmen der Entstehung von Alterskrankheiten, die sich auf dem Boden vorbestehender Alterungsprozesse entwickeln.

Herzalterungsprozesse ist einer Ihrer Forschungsschwerpunkte. Wie hängen kardiologische Erkrankungen und Alterungsprozesse zusammen?  

Gerade bei den Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Alter geht man davon aus, dass diese sich infolge eines über viele Jahre inapparent verlaufenden Alterungsprozesses von Herz und Gefäßen entwickeln: es können Jahrzehnte vergehen, ehe der Patient trotz bereits länger vorhandener starker Gefäßverkalkungen eine gesundheitliche Beeinträchtigung erlebt. Nicht selten ist sogar ein akuter Herzinfarkt aus subjektiv empfundener völliger Gesundheit heraus das erste Zeichen einer Herzerkrankung.

Wie kann man einer vorzeitigen Herzalterung vorbeugen?

Die bekannten behandelbaren kardiovaskulären Risikofaktoren (z. B. Bluthochdruck, hohe LDL-Cholesterinwerte, Zigarettenrauchen, Diabetes mellitus und Übergewicht, aber auch chronische Entzündungsprozesse und körperliche Inaktivität) begünstigen verschiedene Herz-Kreislauf-Leiden, die sich wechselseitig bedingen können.

Es gibt typische Krankheitskaskaden (zum Beispiel Bluthochdruck als Ursache von Herzschwäche und Herzrhythmusstörungen bei Vorhofflimmern), man spricht auch von einem kardiovaskulären Kontinuum. Eben diese Risikofaktoren führen auch zu einer beschleunigten Alterung von Herz und Gefäßen. Das Vermeiden schädlicher Einflüsse und die frühzeitige Behandlung von Risikofaktoren sind von daher die besten Maßnahmen, um einer vorzeitigen Alterung von Herz und Gefäßen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen.

Trotz der offensichtlich großen Bedeutung der Geriatrie gibt es in Deutschland nur wenige entsprechende Lehrstühle. Wo sehen Sie die Gründe dafür?

Altersmedizinische Inhalte wurden erst 2004 explizit in der Approbationsordnung verankert. Durch die Vertretung des Fachs in der universitären Lehre hat die Geriatrie erheblich an Profil gewonnen. Tatsächlich sind gerade in jüngerer Zeit mehrere Professuren für Geriatrie an den Medizinischen Fakultäten in Deutschland geschaffen worden.

Professor Dr. med. Ursula Müller-Werdan ist Direktorin der Klinik für Geriatrie und Altersmedizin an der Charité in Berlin sowie Chefärztin und Medizinische Geschäftsführerin des Evangelischen Geriatriezentrums Berlin.  Sie ist President elect der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer.

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