22. April 2021

Ärztin und Mutter

Zwischen Rabenmutter und Hausfrau

Trotz der guten Gesetzgebung in Deutschland, verursacht die Mutterschaft für junge Ärztinnen immernoch einen deutlichen Karriereknick. Wo die Probleme liegen und was sich ändern muss, fasste die Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes, Dr. Christiane Groß, auf dem diesjährigen DGIM-Kongress zusammen. 1

Lesedauer: 2,5 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf der Sitzung „Der Berufsweg von Frauen in der Medizin“ im Rahmen des DGIM-Kongresses 2021. Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera.

Vorbildliche Gesetzgebung in Deutschland

Das aktuelle Mutterschutzgesetz in Deutschland ist, im internationalen Vergleich, ein sehr gutes. Es beinhaltet für Schwangere und Stillende:

  • keine Mehrarbeit über mehr als 8,5 Stunden
  • keine Nachtarbeit zwischen 20 Uhr und 6 Uhr
  • keine Sonn- und Feiertagsarbeit

Weiterhin darf keine Gefahr für eine Berufserkrankung bestehen. Dazu gehört der Schutz vor:

  • Infektionen,
  • Chemischen Einflüssen,
  • Strahlung,
  • Aggressionsausbrüchen von Patienten.

Die Dozentin, die ihre Kinder in den 80er Jahren bekommen hat, berichtet, dass sie damals trotz Schwangerschaft noch ärztlich tätig sein konnte. Zwar machte sie keine Nachtschichten mehr und führte auch keine Operationen mehr durch, leistete aber dennoch Stationsarbeit und konnte auch weiter im Kreissaal arbeiten.

Weiterbildung stockt, Patientenversorgung erschwert

Durch den Ausschluss von werdenden und stillenden Müttern aus dem OP-Plan stockt die Weiterbildung. Da keinerlei invasive Tätigkeiten, nicht einmal Blutabnehmen, erlaubt ist, funktioniert auch die Stationsarbeit nicht ganz reibungslos. Auch einige Weiter- oder Fortbildungsveranstaltungen dürfen nicht mehr besucht werden. Schwangere und stillende Studentinnen dürfen keinen Patientenkontakt haben.

Die heutigen Mutterschutzgesetze, so gut sie auch sein mögen, haben sich „leider zu einem Bumerang entwickelt“, so die Dozentin.  „Keiner will mehr die Haftung übernehmen, weder der Chefarzt, noch die Krankenhausverwaltung, noch die Behörden.“

Der Karriereknick durch die Mutterschaft ist deutlich. Deshalb verheimlichen viele Ärztinnen ihre Schwangerschaft so lange wie möglich vor den Vorgesetzten und der Personalabteilung. Die Konsequenzen tragen sie dann allein. So zeigte eine dänische Studie den Zusammenhang zwischen Nachtdiensten und Fehlgeburten.

Als Mutter kann man es nicht richtig machen

Die 40-Stunden-Woche ist in der Medizin mehr Ideal als Realität. Nacht- und Wochenenddienste mit Kind sind nur möglich, wenn man einen Partner oder eine andere, zuverlässige Betreuungsperson hat. Auch die Öffnungszeiten von Kitas machen es Eltern im Arztberuf nicht leicht.

Hinzu kommen die widersprüchlichen, gesellschaftlichen Ansprüche an Mütter. Arbeiten sie in einem hohen Pensum, werden sie als „Rabenmutter“ abgestempelt. Arbeiten sie in Teilzeit, fallen trotzdem umso mehr unbezahlte Überstunden an, die Facharztweiterbildung zieht sich und Führungspositionen verschwinden aus der Perspektive.

Nicht zuletzt haben die Mütter Gewissensbisse gegenüber ihren Kollegen, wenn sie pünktlich Feierabend machen und gegenüber ihrer Familie, wenn sie nicht pünktlich nach Hause kommen.

Traditionelle Rollenbilder bleiben bestehen

Obwohl die Elternzeit von Mutter und Vater bezogen und auch aufgeteilt werden kann, waren im Jahr 2020 von allen Ärztinnen und Ärzten, die in Elternzeit waren, 97,5 % weiblich. Fast 90% derjenigen Mediziner, die statt Patientenversorgung den eigenen Haushalt führten, waren ebenso Frauen.

Weniger Rente

Junge Ärztinnen übersehen oft, dass sie während der Teilzeit oder Elternzeit weniger Beiträge in die Rentenversicherung einzahlen. Bis zum 65. Lebensjahr bleibt dann ein Defizit zur Rente der Männer bestehen.

Überzeit wird in Deutschland „wegignoriert“

„Das wird immer so wegignoriert – wir Ärztinnen und Ärzte, insbesondere in Krankenhäusern haben keine 40-Stunden-Woche, sondern das sind vierzig plus,” erklärt Dr. Groß in der anschließenden Paneldiskussion. „Wenn wir in die nordischen Länder sehen, dann wird die Arbeitszeit von 40 Stunden inklusive Wochenenden und Nachtdiensten gemacht. Damit ist natürlich eine Vereinbarkeit von Arbeit und Familie viel besser durchzuführen.”

Im Hinblick auf Skandinavien fügt Anne Sophie Dahm vom Verein “Feministische Medizinerinnen* e.V. hinzu: „Ich finde den Blick nach Finnland interessant, wo Elterngeldzahlungen daran gekoppelt sind, dass die Elternzeit 50:50 aufgeteilt wird.” Schließlich sei ein Kind nicht nur das Anliegen der Frau – ein Rollenbild, das sich auch im vortschrittlichen Deutschland hartnäckig hält.

  1. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin 2021, Sitzung: „Der Berufsweg von Frauen in der Medizin“.

Bildquelle: © Getty Images/Dean Mitchell

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