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Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin

22. Apr. 2023

Antinukleäre Antikörper: Was sie Ihnen verraten – und was nicht

Antinukleäre Antikörper (ANA) werden bei vielen Erkrankungen nachgewiesen, vor allem des rheumatischen Formenkreises. Ein positiver Befund hat jedoch nicht zwangsläufig pathogenetische Relevanz. Lesen Sie im Folgenden, was Sie in puncto ANA-Diagnostik wissen sollten – und was Sie den Rheumatologen überlassen dürfen.

Lesedauer: ca. 4 Minuten

Antinukleäre Antikörper
Einfach mal ankreuzen? Die Bestimmung der antinukleären Antikörper hat großen diagnostischen Wert – allerdings nur bei entsprechender Indikation. (Foto: Getty Images / jarun011)

Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag von Dr. med. Kristin Wiefel, Universitätsklinik Carl Gustav Carus, Dresden, auf dem 129. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e.V. | Autorin: Marie Fahrenhold

„Das mit den ANA ist ja immer so eine ganz diffizile Frage – auch für uns Konsilärzte, weil wir dann gerne durch die Klinik rennen und darüber philosophieren, wenn andere ANA bestimmt haben“, leitet Dr. med. Kristin Wiefel von der Medizinischen Klinik und Poliklinik III., Bereich Rheumatologie, der Universitätsklinik Carl Gustav Carus, Dresden, ihren Vortrag ein.

Antinukleäre Antikörper (ANA) sind Autoantikörper, die gegen intrazelluläre Strukturen (Kern und Zytoplasma) gerichtet sind und ein charakteristisches Merkmal von systemischen Autoimmunerkrankungen darstellen. Insbesondere für die Diagnostik von Kollagenosen wie z. B. des systemischen Lupus erythematodes (SLE), der Mixed Connetive Tissue Disease (MCTD) oder des Sjögren Syndroms (SJS) ist das ANA-Screening von Bedeutung. 6

Im Kopf behalten: Prävalenz von ANA

Als Goldstandard der ANA-Bestimmung gilt die indirekte Immunfluoreszenztechnik (IFT) an humanen Tumorzelllinien (meist Hep2-Zellen). 4 Dabei liefert die IFT zwei Ergebnisse, erinnert die Referentin:

  1. In welcher Titerstufe sind ANA nachweisbar?
  2. In welchem Muster liegen ANA vor?

Doch es gebe einen weiteren wichtigen Faktor, der für die korrekte Einordnung bedacht werden sollte, erklärt Wiefel: die allgemeine Prävalenz von ANA. In einer im Jahr 1997 veröffentlichten multizentrischen Studie 1 mit freiwilligen Gesunden zwischen dem 20. und 60. Lebensjahr konnten ANA in niedrigeren Titern von 1:40 bei bis zu 32 % und 1:160 (geringe Sensitivität) bei 5 % der Teilnehmenden nachgewiesen werden.

Demgegenüber steht eine etwa 1%ige Prävalenz für ANA-assoziierte Erkrankungen in der Allgemeinbevölkerung. Das bedeute, so die Expertin, dass niedrig-titrisch positive ANA häufig falsch-positive Ergebnisse seinen und keinerlei Krankheitswert hätten. Niedrig-titrige ANA können allerdings auch am Beginn oder in der Remission einer Kollagenose oder einer autoimmunen Lebererkrankung auftreten. 4

Prävalenz von ANA
  • hohe Prävalenz (ca. 30 %) von niedrig-titrigen ANA bei gesunden Personen
  • ca. 1%ige Prävalenz von ANA-assoziierten Erkrankungen in der Allgemeinbevölkerung

Ein niedrig-titriger positiver ANA-Nachweis ist oft ein falsch positives Ergebnis ohne pathogenetische Relevanz.

Diagnostik ja, Monitoring nein

Im weiteren Krankheitsverlauf, wenn denn eine ANA-assoziierte Erkrankung diagnostiziert wurde, seien ANA in der Regel nicht zum Monitoring der Krankheitsaktivität geeignet, erklärt die Rheumatologin weiter. Eine wiederholte Bestimmung, auch im hausärztlichen Bereich, sei daher nicht unbedingt sinnvoll.

Als Ausnahme nennt sie das Monitoring der Krankheitsaktivität des SLE. Hier könne man durch Veränderungen der Antikörper gegen doppelstrang (ds) DNA einen gewissen Verlauf abschätzen.

Immunfluoreszenzmuster: typisch, aber nicht spezifisch

Zusätzlich zur Titerstufe ergibt sich je nach Antigenlokalisation ein charakteristisches ANA-Fluoreszenzmuster, das bestimmte Hinweise auf den/die zugrunde liegenden Autoantikörper geben können.

Die Beschreibung dieser Muster war bis zur Einführung der ICAP (International Consensus on Antinuclear Antibody Pattern)-Nomenklatur nicht einheitlich (z.B. nukleär gesprenkelt – nukleär granulär). Auch war die Angabe zytoplasmatischer Fluoreszenzmuster auf dem ANA-Befund nicht geregelt. Um einen Konsens bezüglich der Vielfalt an auf der Hep2-Zelle erkannten Fluoreszenzmustern (nukleär, zytoplasmatisch, mitotisch) zu finden, wurde die ICAP-Nomenklatur eingeführt.

ANA-Nomenklatur nach ICAP-Klassifikationsmuster

Mithilfe der ICAP-Klassifikation (International Consensus on Antinuclear Antibody Pattern) konnte vor einigen Jahren ein Konsens für die einheitliche Nomenklatur der unterschiedlichen ANA-Immunfluoreszenzmuster erzielt werden. 

Zur offiziellen ICAP-Website >>

Durch die Einführung von Code-Nummern soll eine gemeinsame Nomenklatur mit einer von der Sprache unabhängigen Vergleichbarkeit erzielt werden. 2,6 Laut Wiefel relevante und häufigste Immunfluoreszenzmuster sind folgende:

nukleär

  • homogen (AC-1)
  • dicht fein gesprenkelt (AC-2)
  • zentromer (AC-3)
  • gesprenkelt (AC-4,5)
  • nukleolär (AC-8,9,10)

zytoplasmatisch

  • gesprenkelt (AC-19,20)

Das ANA-Immunfluoreszenzmuster allein ist in der Regel aber nicht spezifisch für eine bestimmte Kollagenose. Daher sollte je nach diagnostischer Fragestellung und ANA-Muster die Bestimmung der ANA-Spezifitäten durch eine entsprechende Subdifferenzierung mit einem Solid-Phase Assay folgen (Stufendiagnostik). Zu wissen, welcher der zahlreichen Assays sich im konkreten Fall eignet, sei dann allerdings Aufgabe der Rheumatologen, betont Wiefel.

Wann ist die Bestimmung von ANA sinnvoll?

„75 % meiner Konsiltätigkeit macht aus, dass einfach mal ANA angeklickt wurden und dann sind sie da – und was machen wir denn jetzt damit?“ wirft die Konsilärztin in den Raum – und plädiert dafür, sich vorab die kritische Frage zu stellen, wann eine Bestimmung von ANA überhaupt sinnvoll ist. Grundsätzlich gilt: Je höher die klinische Wahrscheinlich ist, dass eine Patientin oder ein Patient eine systemische Autoimmunerkrankung hat, umso mehr kann das Ergebnis der ANA-Testung hilfreich bei der Diagnosestellung sein.

Die evidenzbasierte Guideline 3 besagt: Ein ANA-Screening ist

  • sehr sinnvoll bei Verdacht auf (V.a.) SLE und Systemische Sklerose (SSc),
  • sinnvoll bei V.a. SJS und Polymyositis/Dermatomyositis (PM/DM) und
  • kann hilfreich sein bei der juvenilen idiopathischen Arthritis (JIA) mit asymptomatischer Uveitis und zur Abklärung eines sekundären Raynaud-Phänomens.
Zur Guideline >>

Krankheiten, die mit positiven ANA assoziiert sein können

ANA sind typischerweise bei Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises zu beobachten, können jedoch auch in unterschiedlicher Frequenz bei zahlreichen anderen Autoimmunerkrankungen sowie Malignomen nachweisbar sein 4:

System, Autoimmunerkrankungen

  • SLE, SSc, SJS, MCTD, drug-induced SLE
  • Rheumatoider Arthritis (RA), PM/DM, JIA

Infektionen

  • Epstein-Barr-Virus, HIV, Hepatitis-C-Virus, Parvovirus B19
  • subakute bakterielle Endokarditis
  • Syphilis

Malignome

  • lymphproliferative Erkrankungen
  • paraneoplastische Syndrome

Organspezifische Autoimmunerkrankungen

  • Hashimoto-Thyreoiditis („gar nicht so selten“)
  • Autoimmunhepatitis
  • primär biliäre Zirrhose
  • Morbus Basedow

Andere

  • chronisch-entzündliche Darmerkrankungen
  • idiopathische Lungenfibrose

Quellen anzeigen
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