16. Juni 2020

Internistenkongress 2020

Antibiotikaresistenzen: Was ist für Ärzte wichtig?

Welche Maßnahmen zur Eindämmung von Antibiotikaresistenzen sind in Ihrer Klinik sinnvoll? Und was kann jeder einzelne Arzt hierfür tun? Dr. Evelyn Kramme, Leiterin des ABS-Teams am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, beantwortet hier die wichtigsten Fragen.

Videodauer: 07:06

  • Antibiotikaresistenzen: Was ist für Ärzte wichtig?

    (00:05):
    Marina Urbanietz:
    Frau Dr. Kramme, Sie leiten das ABS-Team am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein und haben als erste Uniklinik deutschlandweit ein Antibiotic Stewardship-Programm eingeführt. Welche Maßnahmen konnten Sie seitdem umsetzen?

    Dr. Evelyn Kramme: Zunächst haben wir mit den Antibiotikavisiten auf den Intensivstationen begonnen. Dadurch konnten wir in diesen Bereichen rationale Antibiotikatherapie-Strategien umsetzen und dies auch sehr schnell auf weitere Stationen ausweiten, auf die sogenannten „Antibiotika-Hauptverbraucher“. Wir konnten mit den Kollegen die Resistenzdaten diskutieren und die Therapiestrategien für die rationale, kalkulierte Therapie nach dem Infektionsschutzgesetz anpassen. Dabei ist es wichtig, dass dies immer in den Diskussionen mit den einzelnen Kliniken und Kollegen geschieht.

    Die Empfehlungen für die kalkulierte Antibiotikatherapie werden dann jeweils an den einzelnen Patienten angepasst. In diesem Rahmen finden dann natürlich auch Schulungen statt.

    (01:30):
    Marina Urbanietz:
    Welche Empfehlungen würden Sie anderen Kliniken geben?

    Dr. Evelyn Kramme: Wichtig ist, wenn man ein Antibiotic Stewardship-Programm beginnt oder an seinem Klinikum entsprechende Maßnahmen umsetzen möchte, erst einmal zu schauen, wo der größte Bedarf ist. Wer sind meine Partner, mit denen ich am besten erst einmal einfache Maßnahmen umsetzen kann? Wer ist interessiert und gewillt, mich dabei zu unterstützen?

    Dies sind möglicherweise Stationen, die hohe Inzidenzen von Clostridium-difficile-assoziierten Infektionen haben. Weil die Patienten isoliert werden müssen, besteht dort immer ein besonderer Druck. Und die Kollegen machen gerne mit. Diese Stationen sollte man sich zunächst aussuchen und dann schauen, welche Maßnahmen dort am wichtigsten sind. Und was kann ich mit meiner Personalstärke, die mir zur Verfügung steht, umsetzen?

    Wenn ich zunächst einmal allein auftrete, ist es natürlich schwierig, für das gesamte Klinikum, Antibiotika-Strategien zu entwickeln und Empfehlungen herauszugeben. In einem solchen Fall wäre es besser, sich zunächst auf einen kleinen Bereich zu fokussieren. Damit kann man der Klinikleitung verdeutlichen, was man bewirken kann, um für die Motivation zu sorgen, die Maßnahmen auf das gesamte Klinikum auszudehnen und dies entsprechend personell zu unterstützen.

    Wenn man bereits mit einem interdisziplinären Team starten kann, kann man es natürlich gleich größer aufstellen und entsprechende infektiologische Maßnahmen in allen wichtigen Bereichen umsetzen.

    (03:18):
    Marina Urbanietz:
    Was ist dabei für jeden einzelnen Arzt wichtig zu wissen?

    Dr. Evelyn Kramme: Jeder Arzt sollte möglichst Bescheid wissen, wie die hausinterne Resistenz-Statistik aussieht. Man sollte Zugang zu diesen Daten haben. Wie sehen die Antibiotika-Verbrauchsdaten aus? Was bedeutet in diesem Zusammenhang die kalkulierte Antibiotikatherapie? Dies sollte auf einem einfachen Weg für alle Ärzte verfügbar sein, das heißt entweder webbasiert oder aber auch in Form von Kitteltaschenkärtchen, damit jeder weiß, wie man passend zu der Resistenzstatistik im eigenen Haus die wichtigsten Infektionen behandeln kann. Aber auch, wen man fragen kann, wenn es darüber hinaus Probleme gibt.

    (04:20)
    Marina Urbanietz:
    Wie ist die aktuelle Situation bezüglich des Antibiotikaeinsatzes in deutschen Kliniken? In welchen Bereichen sehen Sie den größten Optimierungsbedarf?

    Dr. Evelyn Kramme: Es sind natürlich nach wie vor die großen Kliniken, die Universitätskliniken, die auch schwerkranke, komplexe Patienten behandeln, mit Schwerbrandverletzten-Einheiten und großen Intensivstationen. Auch Hämatoonkologien verbrauchen oft sehr viele Antibiotika.

    Es ist in den letzten Jahren auch viel getan worden im Rahmen von ABS-Programmen und der Ausbildung von ABS-Experten. Nichtsdestotrotz sind viele Kliniken immer noch unterbesetzt, was solche Experten betrifft. Es bedarf eines Mandats, eines Deputats für dieses Personal, das entsprechend weitergebildet ist und eben eine entsprechende Personalstärke, um auch klinikweit Maßnahmen umsetzen zu können.

    Der größte Antibiotikaverbrauch findet jedoch nach wie vor im ambulanten Bereich statt. Auch hier ist sicher noch viel Luft nach oben.

    (05:36):
    Marina Urbanietz:
    Gerade in der aktuellen Situation werden die Forderungen nach strengen Hygienestandards – vor allem auch in Kliniken – immer lauter. Denken Sie, die Corona-Krise könnte den Kampf gegen Antibiotikaresistenzen positiv beeinflussen?

    Dr. Evelyn Kramme: Ich denke, dass das Bewusstsein für den hohen Stellenwert der entsprechenden Hygienemaßnahmen in dieser Corona-Zeit gewachsen ist, weil es viel deutlicher war, wie Krankheiten übertragen werden.

    Bei den Resistenzen findet dies ja oftmals viel subtiler statt. Man hofft natürlich auch, wie bei vielen anderen Dingen, die jetzt zügig umgesetzt werden konnten, dass auch eine gewisse Nachhaltigkeit bestehen wird. Ich denke, es wurde auch deutlich, dass Infektiologen einen hohen Stellenwert beim Bekämpfen solcher Krisen und Eindämmen der Antibiotikaresistenzen haben. Dabei ist es wichtig, bereits im Medizinstudium der Infektiologie einen größeren Stellenwert zu geben. Auch die Weiterbildung in der Infektiologie sollte aus meiner Sicht ausgebaut werden.

    Marina Urbanietz: Frau Dr. Kramme, vielen Dank für das Gespräch!

Video-Inhalte im Überblick

  • ABS-Maßnahmen 00:05
  • Empfehlungen für Kliniken 01:30
  • Empfehlungen für Ärzte 03:18
  • Aktuelle Situation in Deutschland 04:20
  • Coronakrise & Kampf gegen Antibiotikaresistenzen 05:36

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