11. Mai 2016

Sepsis: Neue Diagnose-Kriterien im Überblick

Ein internationales Expertengremium hat die Definition der Sepsis überarbeitet und klinische Kriterien zur Krankheitsbewertung evaluiert. Auf dem diesjährigen DGIM-Kongress gab Dr. med. Matthias Kochanek (Universitätsklinikum Köln) einen Überblick über die kürzlich im Journal of the American Medical Association (JAMA) veröffentlichte Neufassung der Definition.1,2,3

Erfahren Sie in diesem Beitrag von Marina Glouchko, coliquio-Redaktion, wie Sie mit dem neuen Diagnose-Tool auch außerhalb der Intensivstation septische Patienten schnell und einfach erkennen.

Neue Erkenntnisse der letzten 15 Jahre hinsichtlich Pathophysiologie, Epidemiologie und klinischem Management der Sepsis machten aus Sicht von Experten eine Aktualisierung der Definition einer Sepsis und des septischen Schocks notwendig.

Sepsis: SIRS-Kriterien nicht mehr aktuell

Die Sepsis wird jetzt als „lebensbedrohliche Organdysfunktion aufgrund einer fehlregulierten Körperantwort auf eine Infektion“ definiert.5 Die wichtigste prinzipielle Veränderung ist der Verzicht auf die SIRS-Kriterien, die sich als unspezifisch und von geringem klinischen Nutzen erwiesen haben. Dr. Kochanek verweist in diesem Zusammenhang auf die Ergebnisse einer australischen Kohortenstudie mit über 1 Million Patienten: Danach weist etwa 1 von 8 Patienten eine SIRS-negative Sepsis auf, somit werden 12,1 % der septischen Patienten übersehen.4

Neue Sepsis-3-Kriterien: Schnell & einfach septische Patienten erkennen

  1. Dokumentierte oder suspekte Infektion: Voraussetzung für eine Sepsis ist nach wie vor das Vorliegen einer Infektion (Abszess, Dekubitus, Positive BK, Peritonitis, Harnwegsinfekt, etc.).Kochanek betont, dass der Grad einer suspekten Infektion bislang noch nicht genau definiert ist und deshalb die Vorgehensweise bei einer Otitis media oder einer Bronchitis weiterhin unklar bleibt.
  2. qSOFA-Score: Das neue und einfache Diagnostik Tool qSOFA (quickSOFA) hat sich als hochprädiktiv und zuverlässig auch außerhalb von Intensivstationen erwiesen. qSOFA basiert auf dem SOFA-Score (Sequential Organ Failure Assessment) und besteht aus 3 Kriterien:
    • Atemfrequenz: mindestens 22/min
    • Systolischer Blutdruck: maximal 100 mmHg
    • <strong>Eingeschränkter mentaler Status
  3. Weitere Organdysfunktionen:</strong> Falls weitere Organdysfunktionen vorliegen, muss ein SOFA-Test durgeführt werden.
  4. SOFA-Score: Das Schlüsselelement der neuen Konsensus-Definition ist der auf Intensivstationen etablierte SOFA-Score („Sequential (Sepsis-Related) Organ Failure Assessment Score“), der die Organfunktion anhand der sechs KriterienAtmung, Koagulation, Leberfunktion, Herzkreislauffunktion, Glasgow Coma-Scale und Nierenfunktion misst. Liegt der SOFA-Score über 2, dann spricht man von einer Sepsis.
  5. Septischer Schock: Ein schwerer septischer Schock liegt vor, wenn trotz ausreichender Flüssigkeitszufuhr zur Aufrechterhaltung eines Blutdrucks von 65 mm/Hg Vasopressoren eingesetzt werden müssen und der Laktatspiegel über 2 mmol/l steigt.

Abb.: Sepsis und septischer Schock Konsensus Definition Sepsis-3 2016 (modifiziert nach Kochanek M.; Hallek M.)

Wichtig: Nicht alle Patienten passen ausnahmslos in das oben beschriebene Schema, erläutert Kochanek. Fallen beim Vorliegen einer Infektion die qSOFA-Ergebnisse negativ aus (oder SOFA-Ergebnisse < 2) und besteht weiterhin der Verdacht auf eine Sepsis, sollte im Rahmen einer Reevaluation der qSOFA-Test nochmals durchgeführt werden.

Sepsis-3: Auch neue Kriterien nicht ohne Probleme

Aus Expertensicht sind die neuen Sepsis-Kriterien einfach und praktisch umsetzbar. Doch auch sie bergen einige Probleme:

  • Die Einschlusskriterien der Sepsis für die Krankenkassen entsprechen diesem Schema leider nicht, wodurch die Abrechnungsformalitäten erschwert werden.
  • Die Betrachtung des qSOFA-Kriteriums „mentaler Status“ ist nur eingeschränkt einsetzbar, da die Kenntnis des vorherigen mentalen Status vorausgesetzt wird. Dies ist vor allem in einer Notfallaufnahme oft nicht der Fall, deswegen wird von einem „guten“ mentalen Status ausgegangen, wodurch sich die Betrachtung und die Dynamik entsprechend verändern.

  1. Christopher W. Seymour et al. JAMA. 2016;315(8):762-774. doi:10.1001/jama.2016.0288: Assessment of Clinical Criteria for SepsisFor the Third International Consensus Definitions for Sepsis and Septic Shock (Sepsis-3)
  2. Mervyn Singer et al. JAMA. 2016;315(8):801-810. doi:10.1001/jama.2016.0287: The Third International Consensus Definitions for Sepsis and Septic Shock (Sepsis-3)
  3. Manu Shankar-Hari et al. JAMA. 2016;315(8):775-787. doi:10.1001/jama.2016.0289: Developing a New Definition and Assessing New Clinical Criteria for Septic Shock
  4. M. Kochanek, M. Hallek. 122. DGIM-Kongress 2016: Sepsistherapie – State of the Art
  5. Deutsches Ärzteblatt, 24.02.2016: Sepsis-3: Neue Definition stellt Organversagen in den Mittelpunkt

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