20. Juli 2018

DGIM 2018

Genbasierte Ernährung: Unfug oder sinnvoll?

Immer mehr Firmen werben mit Ernährungsempfehlungen, die basierend auf dem individuellen genetischen Profil langfristig zu einem gesunden Körpergewicht führen sollen. Doch wie sinnvoll sind diese Empfehlungen wirklich? Und für wen könnte sich eine genbasierte Ernährung lohnen?

Lesedauer: 2 Minuten

Der folgende Beitrag wird vertreten durch Dr. Christina Holzapfel vom Institut für Ernährungsmedizin am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. Redaktion und Interview: Dr. Nina Mörsch, Marina Urbanietz & Marie-Theres Karla.

Lukratives Geschäftsmodell: Viele Gentests auf dem Vormarsch

Die genetische Information aller Menschen ist nahezu dieselbe. Lediglich 0,3% interindividuelle Unterschiede führen dazu, dass wir uns optisch und physiologisch voneinander unterscheiden.

Der Zusammenhang zwischen Genen und Ernährung hat in den letzten Jahren neue Forschungsdisziplinen begründet und daneben zu lukrativen Geschäftsmöglichkeiten für mehr oder weniger seriöse Anbieter von Gentests geführt. Folgende Begrifflichkeiten sind in diesem Zusammenhang wichtig:

  • Nutrigenomik: Untersucht die Wechselwirkung zwischen Genom und Ernährung. Ziel ist es, die Effekte von Nährstoffen auf Sequenzvariationen zurückzuführen und die Wirkung von Nahrungsmitteln oder Nahrungsmittelbestandteilen auf die Genexpression und Metabolitenmuster zu untersuchen.
  • Nutrigenetik: Beschäftigt sich mit den Auswirkungen genetischer Variationen auf den Zusammenhang zwischen Ernährung und bestimmten Erkrankungen. Dabei wird u.a. darauf eingegangen, inwieweit SNPs (Single Nucleotide Polymorphisms) mit der Ernährung assoziiert sind.

Genbasierte Ernährungsberatung: Tipps für die Praxis

In unserem 2-minütigen Video-Interview beantwortet Dr. Christina Holzapfel folgende Fragen:

  • Was genau umfasst eine solche Beratung?
  • Wie gefährlich sind solche Versprechen für ein Laienpublikum?
  • Wie sollen Ärzte bei der Beratung solcher gut informierten Patienten vorgehen?

Videodauer: 2 Minuten

Kein Zusatznutzen im Vergleich zu einer personalisierten Ernährungsberatung

Da die Wissenschaft bislang gezeigt hat, dass genbasierte Ernährungsempfehlungen keinen zusätzlichen Nutzen im Vergleich zu einer personalisierten Ernährungsberatung mit konventionellen Ernährungsempfehlungen bringen, ist es nötig, weiterhin im Bereich der Nutrigenomik und Nutrigenetik zu forschen, um mehr Licht ins Dunkel zu bringen.1,2,3  

Viele Forschungsarbeiten fokussieren sich hierbei auf die Suche nach SNPs, die mit der Entstehung von Übergewicht zusammenhängen. Mehr als Hundert SNPs konnten bereits für den Zusammenhang mit dem Körpergewicht identifiziert werden. Ob diese genetischen Varianten auch eine Bedeutung bei der Gewichtsreduktion haben, ist derzeit unklar.4,5

FTO-Gen: Inwieweit ist Übergewicht genetisch bedingt?

Vielversprechende Ergebnisse lieferte die Entdeckung des FTO-Gens („fat mass and obesity associated-Gen“). Die regulatorische Region innerhalb des FTO-Gens wirkt in Vorläuferstufen von Adipozyten. Eine Fehlsteuerung bewirkt eine reduzierte Fettverbrennung und Thermogenese, während die Fettspeicherung gefördert wird.6

Eine Meta-Analyse hierzu ergab keinen signifikanten Unterschied in der Gewichtsabnahme zwischen verschiedenen FTO-Genotypen.7 Außerdem wird der Effekt des Gens durch Sport und Bewegung minimiert – nicht jeder Träger dieses Allels nimmt also zwangsläufig zu.8

Trotz vieler Herausforderungen und offener Fragen sieht Dr. Holzapfel dennoch Potential für die Forschung: „Die genbasierte Ernährung ist für die Wissenschaft sinnvoll, aber in der Praxis momentan nicht evidenzbasiert.“

Dr. rer. nat. Christina Holzapfel arbeitet am Institut für Ernährungsmedizin am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München und ist wissenschaftliche Geschäftsführerin des Kompetenznetzes Adipositas. Im Rahmen des enable-Clusters leitet sie die Nachwuchsgruppe „Personalisierte Ernährung & eHealth“ und untersucht Gen-Ernährungs-Interaktionen sowie Prädiktoren und Determinanten zur Gewichtsreduktion- und erhaltung.

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coliquio News der Woche

Videodauer: 2 Minuten

1. Frankwich K et al. Differences in Weight Loss Between Persons on Standard Balanced vs Nutrigenic Diets in a Randomized Controlled Trial. Clinical Gastroeneterology and Hepatology 2015;13(9):1625-1632.e1.

2. Celis-Morales C et al. Effect of personalized nutrition on health related behaviour change: evidence from the Food4me European randomized controlled trial. International Journal of Epidemiology 2016; 1–11

3. Gardner C et al. Effect of Low-Fat vs Low-Carbohydrate Diet on 12-Month Weight Loss in overweight Adults and the Association With Genotype Pattern or Insulin Secretion. The DIETFITS Randomized Clinical Trial. Journal oft he American Medical Association 2018; 319(7):667-679.

4. Speliotes EK et al. Association analyses of 249,796 individuals reveal 18 new loci associated with body mass index. Nature Genetics 2010; 42:937–48

5. Kronenberg F et al. Genomweite Assoziationsstudien zu Adipositas und was wir daraus lernen. Wiener Medizinische Wochenschrift 2016; 166:88-9

6. Claussnitzer Met al. FTO Obesity Variant Circuitry and Adipocyte Browning in Humans. New England Journal of Medicine 2015; 373:895-907

7. Livingstone M et al. FTO genotype and weight loss: systematic review and meta-analysis of 9563 individual participant data from eight randomised controlled trials. British Medical Journal 2016; 354:i4707

8. Kilpelaine TO et al. Physical Activity Attenuates the Influence of FTO Variants on Obesity Risk: A Meta-Analysis of 218,166 Adults and 19,268 Children. PLoS Medicine 2011; 8(11): e1001116

Bild: iStock.com/polesnoy

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