15. Februar 2018

Leitlinien berücksichtigen die Bedürfnisse älterer Menschen nur ungenügend

Ärzte brauchen wissenschaftlich fundierte Leitlinien für ältere und mehrfacherkrankte Patienten. Darauf weist jetzt die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM) hin. (Lesedauer: ca. 1 Minute)

Die meisten Studien auf Monopathologie ausgerichtet

Die meisten Studien werden an Patienten mittleren Alters durchgeführt, die genau an der Krankheit leiden, gegen die sich das Mittel richtet – sie sind also auf eine sogenannte Monopathologie ausgerichtet. „Diese Ergebnisse aus klinischen Studien einfach auf alte Patienten zu übertragen, ist meist nicht wissenschaftlich fundiert, ja möglicherweise sogar riskant“, erklärt Professor Dr. med. Cornel Sieber, Vorsitzender der DGIM.

Keine Grundlagen für evidenzbasierte Therapie alter Menschen

„Die Leitlinien gehen auf die speziellen Bedürfnisse alter Menschen aber häufig gar nicht ein. Wir Ärzte haben deshalb bei einer parallel bestehenden Multimorbidität meist keine fundierten wissenschaftlichen Grundlagen für eine evidenzbasierte Versorgung alter Menschen“, betont Professor Sieber, Chefarzt der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Geriatrie am Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg, der als Lehrstuhlinhaber für Innere Medizin – Geriatrie auch das Institut für Biomedizin des Alterns der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg in Nürnberg leitet.

Keine Heilung, sondern Selbständigkeit im Fokus

Auch die Behandlungsziele alter Menschen unterscheiden sich von denen jüngerer: Bei ihnen steht aufgrund der verbleibenden Lebenszeit oft nicht die Heilung, sondern Selbständigkeit und Lebensqualität trotz diverser Krankheiten im Vordergrund. „Dass alte Menschen mit mehreren Krankheiten eine spezielle Diagnostik und Therapie brauchen, muss auch seinen Niederschlag in der Aus-, Fort- und Weiterbildung des medizinischen Personals finden,“ sagt Professor Sieber. Entscheidend sei darüber hinaus die enge Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen bei der ärztlichen Behandlung älterer Menschen – ein sogenanntes geriatrisches multidisziplinäres Team, beispielsweise mit der Pflege und Physiotherapie.

Durch die demografische Entwicklung in Deutschland werden spezifische Herausforderungen an das Gesundheitssystem immer stärker. Unsere Gesellschaft wird in den kommenden Jahren aus immer mehr alten Menschen bestehen, deren wissenschaftlich fundierte Versorgung gesichert werden muss. „Bei der Zulassung von Medikamenten muss die besondere Situation von alten Patienten berücksichtigt werden“, fordert Professor Sieber. „Wir brauchen eine intensivere altersmedizinische Forschung, um auch alte Patienten nach evidenzbasierten Maßstäben – wohl in adaptierter Form – behandeln zu können.“

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Titelbild: iStock. Bildnachweis: Ljupco.

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