27. April 2018

DGIM Kongress 2018

Borreliose: Sinn und Unsinn der Diagnostik

Die tatsächliche Borreliose ist unterdiagnostiziert, die vermeintliche hingegen überdiagnostiziert. Dies wird oft auf den unreflektierten Einsatz von serologischen Tests zurückgeführt. Wann macht Serologie wirklich Sinn und in welchen Fällen sind die Ergebnisse irreführend?

Lesedauer: 3 Minuten

Der folgende Beitrag basiert auf einem Vortrag von Prof. Dr. Frank Erbguth, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, der auf dem diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin vorgestellt wurde. Redaktion und Interview: Dr. Nina Mörsch, Marina Urbanietz.

Wann ist eine Serologie angezeigt?

Die serologische Diagnostik ist zwar ein wichtiger Baustein der Borreliose-Diagnosestellung, die Diagnose „Borreliose“ basiert jedoch auf einer sequentiellen klinischen geleiteten Aufarbeitung inklusive der Berücksichtigung anderer Erkrankungen und nicht primär auf Labortests. Bei folgenden objektivierbaren Erkrankungen ist die Borrelien-Ätiologie möglich und die serologische Diagnostik angezeigt:

  • Haut: Erythema migrans, Lymphozytom, Acrodermatitis
  • Nervensystem: Schädigungen der (Hirn-) Nerven mit Sensibilitätsstörungen, Paresen und Schmerzen sowie Gehirn- oder Rückenmarksläsionen  
  • Gelenke: Mono-, Oligoarthritis
  • Extrem selten: Augen z.B. Choreoiditis; Herz (Karditis z.B. AV-Block bei jungen Patienten)

Erythem: Negative Serologie schließt Borrelien-Ätiologie nicht aus

Das Erythema migrans manifestiert sich oft schon so früh, dass die Serologie nur in der Hälfte aller Fälle positive Ergebnisse liefert. Beim Erythem in frühen Stadien gilt daher: der negative Serologie-Befund schließt die Borrelien-Ätiologie nicht aus. Prof. Dr. Erbguth rät davon ab, ein Erythema migrans mithilfe eines serologischen Tests bestätigen zu lassen. Patienten mit typischem Erythema migrans sollten klinisch diagnostiziert und antibiotisch behandelt werden.

Wann sollte auf eine Serologie verzichtet werden?

Bei den schwer fassbaren, meistens unspezifischen und subjektiven Symptomen (u.a. Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, diffuse Schmerzen) liefern die serologischen Tests laut Prof. Erbguth in 20 Prozent aufgrund der entsprechenden Serumnarben aller Fälle falsch-positive Ergebnisse. Und dies sowohl bei der Bestimmung von IgG als auch von IgM-Antikörpern. In solchen Fällen empfiehlt er ausdrücklich, auf die serologische Diagnostik ganz zu verzichten.

Serodiagnostik: Sensitivität nach Symptomatik (modifiziert nach Erbguth F.)
KlinikSerologieSensivitätInzidenz
ZeckenstichUnsinnig--
EMNicht empfohlenca. 50%10-100
Neuro-B. < 6 WochenCSF + ASI (> 1,5)ca. 75%< 10
Neuro-B. > 6 WochenCSF + ASIca. 99%< 10
Neuro-B. > 6 MonatenCSF + ASIca. 99%< 1
LymphozytomSerum IgG + IgM> 80%< 1
Lyme-ArthritisSerum IgGca. 95%< 1
Lyme-KarditisSerum IgG + IgM> 80%< 1

Leider werden durch selbsternannte Borreliose-Spezialisten auch definierte neurologische Erkrankungen, wie beispielsweise eine Multiple Sklerose, nur aufgrund von positiven Serumtitern als Borreliose fehldiagnostiziert.

„Borreliose-Impfung“ & bundesweite Meldepflicht

In diesem 4-minütigen Videointerview beantwortet Prof. Frank Erbguth folgende Fragen:

  • Die S3-Leitlinie „Neuroborreliose“ wurde vor Gericht angefochten: Was sind die genauen Hintergründe?
  • Warum ist die Zeckenuntersuchung auf Borrelien keine geeignete Diagnostik-Methode?
  • Ist eine bundesweite Borreliose-Meldepflicht sinnvoll?
  • Welche Differenzialdiagnosen kommen bei der typischen Borreliose-Symptomatik infrage?
  • Stichwort „Borreliose-Impfung“: Wie ist der aktuelle Stand?

Videodauer: ca. 4 Minuten

Andere Testverfahren

  • Kultur (Modified Kelly-Pettenkofer-Medium): zeitaufwändig (bis 6 Wo.), wenig sensitiv
  • PCR: problematische Standardisierung, wenig sensitiv, Zielsequenzen z.B. ospA, fla (Flagellin-Gen), p66-Gen, 16S rDNA

Die Kultur bzw. PCR ist allenfalls indiziert bei atypischen Manifestationen, frühen antikörpernegativen Patienten, Patienten mit Immunschwäche bzw. Immunsuppression (z.B. unter Rituximab).

Nicht wissenschaftlich belegt und daher NICHT empfohlen:

  • Untersuchung von Zecken
  • Lymphozyten-Transformations-Test (LTT)
  • Visual-Contrast-Sensitivity-Test (VCS)
  • CD3-/CD57+ Test“
  • Fluoreszenz-/Dunkelfeld-Mikroskopie von Borrelien
  • Antibiotika-Wirkung als „ex-iuvantibus-Beweis“: antiphlogistische, analgetische, synapsenstabilisierende, Placebo-Effekte (Makrolide, Doxycyclin, Ceftriaxon)

Hier erfahren Sie das Wichtigste zu den 3 Borreliose-Stadien, deren Symptomatik und die leitliniengerechte Therapie.

1. Petersen BB et al. Season is an unreliable predictor of Lyme neuroborreliosis. Dan Med J 2015;62(6): A5084

2. Druschky A, Erbguth F et al. Akt Neurol 1996, 23: 118-120

3. Wittwer B et al. J Stroke Cerebrovasc Dis 24, 2015: 1671-1678

4. Back T et al. J Neurol 2013; 1569-1575

Bildquelle: ©iStock.com/anakopa

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