26. April 2021

DGIM-Kongress 2021

Klimawandel als Gesundheitsrisiko: Welche Erkenntnisse sind gesichert?

Die Pandemie hat gezeigt, dass wir globale Probleme nicht so kontrollieren können, wie wir es gerne tun würden, im Gegenteil. Prof. Dr. Lothar H. Wieler sprach auf dem digitalen DGIM-Kongress 2021 über aktuelle Erkenntnisse zum globalen Klimawandel als Gesundheitsrisiko.

Lesedauer: 4 Minuten

Der folgende Beitrag basiert auf dem Vortrag von Prof. Dr. Lothar H. Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts im Rahmen der Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM) vom 19. April 2021. Redaktion: Sebastian Schmidt 

Menschen sind Verursacher und Treiber der Covid-19-Pandemie

Wir dringen in exotische Umwelten ein, reduzieren die Biodiversität, verdichten Ballungsräume, verschmutzen die Luft und globalisieren den Handel von Waren sowie die Mobilität von Menschen. Dies alles erhöht die Wahrscheinlichkeit der Ausbreitung infektiöser Atemwegserkrankungen. Das gilt auch für den Klimawandel.

Der menschgemachte Klimawandel ist eine der größten Bedrohungen für unsere Gesundheit, für das Leben auf unserem Planeten wie wir es bisher kennen. Die meisten von uns haben Veränderungen in der Natur bereits wahrgenommen. Der Klimawandel ist erfahrbar geworden durch die Zunahme von zum Beispiel Waldbränden und Waldsterben, extreme Wetterlagen, zum Beispiel Starkregen oder Hitze.

Welche Erkenntnisse sind gesichert?

Die Erderwärmung nimmt zu. Auch in Deutschland. Die Auswirkungen des Klimawandels sind regional sehr unterschiedlich. Während die globale Erderwärmung seit vorindustrieller Zeit 1.2 Grad Celsius beträgt, liegt sie in Deutschland schon bei 1.6 Grad Celsius. Der Trend dabei ist erschreckend. Neun der zehn wärmsten Jahre in Deutschland lagen innerhalb der letzten 20 Jahre! Nicht alle haben dadurch bereits gesundheitliche Schäden davongetragen oder diese bemerkt. Dennoch ist jeder und jede betroffen, direkt oder indirekt.

Was früher ungewöhnlich heiße Sommer waren, ist jetzt Normalität.

Für das Jahr 2020 schätzt man 4000 hitzebedingte Todesfälle. Betroffen sind insbesondere Ältere, Personen mit Vorerkrankungen, Kleinkinder und Menschen, die bei Hitze arbeiten müssen. Auch das Arbeiten in Schutzausrüstung wird deutlich erschwert. In Städten kommt das Phänomen der Wärmeinseln hinzu. Der Temperaturgradient kann circa 10 Grad Celsius betragen zwischen Stadtzentrum und außerhalb. Es kommt mit den Luftschadstoffen, zum Beispiel Feinstaub, Stickstoffoxide und bodennahes Ozon eine simultane Belastung hinzu, die weitere Todesopfer fordert.

Sonnenschutz und Hygiene werden wichtiger

Wie groß die Auswirkungen des Klimawandels sind, hängt vom Verhalten und der Anpassung des Menschen ab. Wärmere Temperaturen erfordern stringentere Hygiene, um Lebensmittel-übertragene Infektionskrankheiten zu vermeiden. Sonnenschutz ist essenziell, wenn sich Menschen mehr im Freien aufhalten, um UV-bedingte Schädigungen möglichst zu vermeiden.

Allergiker sind durch verfrühte Pollensaison belastet

Allergien belasten prädisponierte Menschen zusätzlich durch die verfrühte Pollensaison. Auch neu vorkommende Pflanzen können problematisch sein. Ambrosia ist hierfür ein Beispiel. Der Deutsche Wetterdienst gibt regionale Warnungen zu Hitze und UV-Strahlung heraus sowie Informationen zu Pollenflug. Diese Angebote können helfen, sich vor wetter- und klimabedingten Gesundheitsrisiken zu schützen.

Stechmücken auf dem Vormarsch?

Klimaveränderungen haben Einfluss auf das Vorkommen von Mückenarten, die Tropenkrankheiten übertragen können. Aedes albopictus, die Tigermücke, ist bereits heimisch in Gebieten von Deutschland. Bisher sind noch keine Übertragungen von Krankheiten über diese Mücken bekannt geworden. Sie sind aber theoretisch Vektor – also Überträger – für zum Beispiel Dengue, Zika und Chikungunya. Das Vorkommen von Mücken wird daher gemonitort und auch die bestehende Meldepflicht von Stechmücken-übertragenen Erkrankungen ist wichtig, um frühzeitig Ausbruchs-geschehen zu erkennen.

Zu rechnen war auch mit dem Vorkommen von West Nil-Fieber. Dieses Virus findet man seit 2018 auch in Deutschland. Leider gab es bereits einzelne schwer verlaufende Fälle und 2020 einen ersten Todesfall. Das Virus ist vermutlich über Vögel hierhergekommen und wird vor allem über die heimische Mücke Culex übertragen. Der Klimawandel kann auch die Etablierung solcher Krankheitserreger begünstigen, also nicht nur die der Vektoren.

Mehr FSME-Hotspots in Deutschland

Ähnlich wie bei Mücken ist auch eine Veränderung des Vorkommens von Zeckenarten zu beobachten, die verschiedene Krankheiten übertragen können. Bekannt sind vor allem Borreliose und Frühsommer-Meningoenzephalitis – kurz FSME. FSME kann man impfen und man sollte dies in den Risikogebieten auch tun. Wichtig bleibt trotzdem, sich vor Zeckenstichen zu schützen. Übertragen werden können auch andere Erkrankungen, zum Beispiel Rickettsien. Das meist gefürchtetste Pathogen, das Krim-Kongo-viral-hämorrhagische Fiebervirus wurde glücklicherweise bisher noch nicht in Hyalomma-Zecken in Deutschland nachgewiesen.

Was bedeuten diese Erkenntnisse?

Ärzte und Ärztinnen werden zunehmend differentialdiagnostisch Krankheiten in Erwägung ziehen, die wir bisher eher nur aus der Reisemedizin kennen. Bereits bekannte Erkrankungen werden je nach Wetterereignissen zunehmen und auch die mentale Gesundheit kann durch den Klimawandel negativ beeinflusst werden.

Wir müssen uns im Klaren sein, dass der Klimawandel bereits jetzt durch Dürre und Überflutungen in anderen Regionen der Welt die Lebensgrundlage vieler Menschen bedroht. Diese Menschen benötigen Unterstützung.

Pandemie darf Blick auf Klimawandel nicht versperren

Ja, seit über einem Jahr steht Corona im Fokus. Die Pandemie darf uns aber nicht daran hindern, andere Bedrohungen, sogar noch größere, ebenso entschlossen anzugehen. Weniger Fleischkonsum und aktive Bewegung anstelle motorisierter Fortbewegung, das sind Beispiele dafür, wie wir sogenannte Zivilisationskrankheiten vermeiden können und dabei einen Beitrag leisten, die Klimakatastrophe zu verhindern. Die WHO propagiert dies als Co-Benefits.

Es ist wie bei der Pandemie: Es gibt ein zu spät

Artensterben, antimikrobielle Resistenzen, Schadstoffbelastungen, Globalisierung und Klimawandel begünstigen unter anderem Pandemien: Hier gilt es, komplexe Zusammenhänge zu erforschen, aber auch unser Handeln so zu verändern, dass sich die nächsten Generationen – unsere Kinder und Kindeskinder – auf eine lebbare und lebenswerte Zukunft freuen können. Es ist wie bei der Pandemie: Es gibt ein zu spät. Dann hilft auch keine Notbremse mehr.

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