21. April 2021

Wissenschaftler: Pandemie-Bewertung anhand von Klinik-Neuaufnahmen

Zur Bewertung der Pandemie-Lage bringen Experten als Orientierungswert die Zahl der Intensivstation-Neuaufnahmen binnen sieben Tagen ins Spiel. Die bisher verwendete Inzidenz könne Risiken sowohl über- als auch unterschätzen.1

Lesedauer: 3,5 Minuten

Mehrere Indikatoren für gezielte Maßnahmen nötig

Die Inzidenz, also die Zahl der Infektionen pro 100 000 Einwohner binnen einer Woche, korreliere bereits jetzt nicht gut mit der Lage, bekräftigte der Epidemiologe Gérard Krause am Dienstag in einer Video-Schalte des Science Media Center (SMC).

Gebraucht würden mehrere Indikatoren, um die Lage sachgerecht abzubilden und gezielte Maßnahmen zu treffen, so der Experte vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Das Robert Koch-Institut (RKI) liefere zwar eine Vielzahl an Daten, die aber leider nicht berücksichtig würden bei der Entscheidungsfindung, so Krause. „Wenn man gezwungen ist, sich auf nur einen Messwert zu beschränken – und das scheint so zu sein -, dann wäre die Zahl der Neuaufnahmen auf Intensivstationen das, was der Situation am ehesten gerecht wird.“

Sieben-Tage-Inzidenz „kein guter Orientierungspunkt mehr“

Einen Fokus auf schwer Erkrankte zu setzen, werde künftig noch wichtiger, da sich die Sieben-Tage-Inzidenz zunehmend von der eigentlichen gesundheitlichen Lage entkoppele, sagte Krause. Grund seien zwei an sich erwünschte Effekte: zunehmende Tests, etwa an Schulen, und Impfungen der Risikogruppen, die hoffentlich die gesundheitliche Belastung sinken ließen. Die Zahl der Ansteckungen werde allerdings nicht in demselben Maße abnehmen. Damit sei die Sieben-Tage-Inzidenz „kein guter Orientierungspunkt mehr“.

Weil zwischen Ansteckung und Intensivstation einige Tage vergehen, gilt die Inzidenz als Indikator, der frühzeitig anzeigt, wie sich die Lage entwickelt. Aus Sicht von Christian Karagiannidis aus der wissenschaftlichen Leitung des Divi-Intensivregisters wären zeitlich Einbußen aber zu verschmerzen: Der Vorteil der Intensivbetten-Zahlen sei die größere Robustheit. Man sei nicht abhängig von täglichen Schwankungen und Verzögerungen im Meldewesen oder von Testfrequenzen.

„Wir sehen ja wirklich das, was los ist.“ Er sprach sich für eine gemeinsame Betrachtung dieser Zahl in Verbindung mit Prognosemodellen zur Belegung der Intensivbetten aus. Man dürfe nie auf nur einen Wert blicken.

Im Divi-Intensivregister werden Daten zur Betten-Belegung mit Covid-19-Patienten auf Intensivstationen veröffentlicht. Zu Neuaufnahmen inklusive Verlegungen wird ein Bundes-Wert ausgewiesen. Regionale Daten lägen noch nicht vor, daher habe man ein Schätzmodell mit Grenzwerten je nach Bundesland entwickelt, sagte Helmut Küchenhoff, Leiter des Statistischen Beratungslabors der LMU München. Laut einem Bericht von Autoren um Küchenhoff und Krause könnte mit niedrigen Grenzwerten ein „etwaiger Zeitverzug“ kompensiert werden.

Auch Zahl der Neuaufnahmen mit Einschränkungen verbunden

Auch die Neuaufnahmen sind aber mit Einschränkungen verbunden, wie die Wissenschaftler selbst schreiben: So sei etwa die Dauer, in der ein Patient auf der Intensivstation liegt, nicht über längere Zeit konstant, da sie auch vom Alter und veränderten Viruseigenschaften abhänge. Auch müsse bei der Zählung unterschieden werden zwischen Patienten, die ursächlich wegen Covid-19 aufgenommen werden, und solchen mit anderen Krankheiten, aber positivem Sars-CoV-2-Nachweis. Wichtig fänden die Forscher zudem Angaben auch zum Herkunftsort der Patienten – statt zum Standort der behandelnden Intensivstation.

Ärzte und Kliniken warnen vor wachsenden Versorgungsengpässen

Unterdessen warnen Ärzte und Kliniken angesichts der hohen Zahl von Covid-19-Patienten auf deutschen Intensivstationen vor verschärften Engpässen bei der Versorgung anderer Patienten. . „Wenn sich die Infektionslage in den nächsten Wochen nicht entspannt, werden viele Kliniken an den Punkt kommen, dass sie Operationen nicht nur um ein paar Wochen, sondern um Monate verschieben müssen“, sagte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gernot Gaß.

90 Prozent der Kliniken stellten aktuell mehr als 10 Prozent der Eingriffe zurück, 50 Prozent sogar mehr als 20 Prozent. Bei einzelnen Eingriffen, zum Beispiel beim Hüftgelenksersatz, würden im Schnitt schon wieder 40 Prozent abgesagt, so Gaß. „Je länger die dritte Pandemiewelle dauert, desto massiver werden die Engpässe bei planbaren Eingriffen.“

Ähnlich äußerte sich die Deutsche Krebsgesellschaft. „Wenn sich die Infektionslage weiter verschärft, werden die Wartezeiten auf planbare Operationen in den kommenden Wochen noch deutlich zunehmen“, sagte Präsident Thomas Seufferlein den Funke-Zeitungen. „Ich möchte nicht von Triage sprechen, aber viele Kliniken müssen jetzt priorisieren.“

1. dpa; 21.04.2021.

Titelbild: © Getty Images/Morsa Images

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