17. Dezember 2020

Priorisierung der Covid-19 Impfung: Score-Ansatz als Alternative?

Die ständige Impfkommission (STIKO) des RKI hat kürzlich einen Vorschlag zur Priorisierung von Covid-19-Impfungen vorgelegt. Roland Jucknewitz, Oliver Weidinger und Anja Schramm von der AOK Bayern werfen in ihrem Whitepaper einen Blick auf diese Empfehlung und schlagen einen alternativen Score-Ansatz vor, 1 der mehr schwere Covid-19-Erkrankungen verhindern könnte.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Dieser Beitrag erscheint hier mit freundlicher Genehmigung der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft (MWV).

Zusätzliche 3.300 Sterbefälle könnten verhindert werden

Es zeigt sich, dass eine alternative Priorisierung helfen kann, eine Vielzahl kritischer Covid-19-Verläufe zu vermeiden. Ein solches einfaches Score-Verhalten berücksichtigt Vorerkrankungen additiv zum Alter, anstatt in besonderer Weise erkrankte Personen fest in die Prioritätsstufen 3 und 4 einzugliedern. Die Abbildung zeigt, dass nach dem Impfen der 5% am höchsten priorisierten Personen nach dem STIKO-Vorschlag 26,4%, nach der Score-Priorisierung jedoch 45,1% der kritischen Covid-19-Fälle vermieden werden können. In Bezug auf verhinderte Todesfälle beträgt das Verhältnis nach 5% Durchimpfung sogar 37,1% nach STIKO-Vorschlag versus 58,9% mit dem Score-Verfahren. Somit könnten im ersten Monat der Impfung bei bis dahin gleichbleibenden Sterberaten zusätzlich 3.300 Sterbefälle verhindert werden.

Methodik

Mit Daten der AOK Bayern wird die Priorisierung der STIKO in 6 Gruppen umgesetzt, wobei nur die Merkmale Alter, Heimunterbringung und Vorerkrankungen berücksichtigt werden. Berufsbedingte und private Expositions- und Verbreitungsrisiken werden hier zur Vereinfachung ignoriert. Letztere sind ausdrücklich nicht Inhalt des Diskussionsbeitrags. Den ,,Personen mit Vorerkrankungen mit erhöhtem Risiko“ und ,,mit moderatem Risiko“ (STIKO) werden jeweils 10% der Versicherten zugeordnet, die anhand ärztlich kodierter Diagnosen und verordneter Arzneimittel das höchste Risiko für kritische Covid-19-Verläufe haben.

Bei der alternativen Score-Priorisierung wird mit einem logistischem Lasso-Regressionsmodell die Wahrscheinlichkeit eines kritischen Covid-19-Verlaufs in der Gesamtpopulation ermittelt für ein verfeinertes Prädiktionsmodell. Dabei gehen neben Altersgruppen (mit Gruppengrenzen 18, 40, 50, 55, 60, 65, 70, 75, 80, 85 und 90), Geschlecht und Unterbringung in Alters- oder Pflegeheimen auch die 2019 kodierten Diagnosegruppen nach ICD-10DM, sowie die vom 1.1.2019 bis zum 28.2.2020 verordneten Arzneien nach therapeutischen Untergruppen als Morbiditätsvariablen ein. Die Evaluation des Scores erfolgt jeweils in Teilstichproben, die für die Modellschätzung nicht verwendet wurden. Bei diesem Vorgehen sind rund 35% der am höchsten priorisierten 5%-Gruppe weder Heimbewohner noch 80 Jahre alt.

Kritische Covid-19-Verläufe werden definiert als Krankenhausfälle mit Covid-19-Diagnose, bei denen eine künstliche Beatmung nötig war oder neben einer Pneumonie auch eine intensivmedizinische Betreuung, eine Sepsis oder der Tod eingetreten ist. Ausgewertet werden Fälle seit dem 1.3.2020 mit Datenstand 22.11.2020. Bei der Schätzung der möglicherweise zu verhinderten Sterbefälle im ersten Monat der Impfung wurde eine bundesweite tägliche Anzahl an Sterbefällen von 500 angenommen und auf einen Monat hochgerechnet.

Praktische Implikationen

Die zielgenaue Zuweisung des Covid-19-Impfstoffes ist insbesondere in der ersten Phase der Verfügbarkeit von großer Bedeutung, da im Winter weiterhin hohe Infektionszahlen zu erwarten sind. Die mit einem Score-Verfahren größere Anzahl zu vermeidenden Todesfällen dürfte die etwas komplexere Ermittlung der Priorisierungsgruppen rechtfertigen.

In der Praxis sollte die Zuordnung zu den Priorisierungsgruppen einem Score folgen, der neben den Alters- und Heimbewohnergruppen auch den morbiditätsbezogenen Gruppen ein ganzzahliges Gewicht zwischen 1 und 10 zuweist und je Person aggregiert. DIE Vorerkrankungen und Arzneien könnte der Hausarzt bestätigen. Ergänzend oder alternativ könnte die Einteilung für gesetzlich Versicherte anhand der Abrechnungsdaten der GKV relativ aufwandsarm erfolgen. Für die Zusammensetzung der Morbiditätsgruppen kommt neben dem hier beschriebenen Ansatz mit Diagnose- und Arzneimittelgruppen auch eine Kategorisierung nach internationalen Fachpublikationen wie Williamson et al. (2020) oder McKeigue et al. (2020) infrage, wobei auch die Gewichte den Publikationen entnommen werden können.

Limitationen

Die Analyse im vorliegenden Beitrag hat mehrere Limitationen, sodass die konkreten Zahlenwerte mit Bedacht zu interpretieren sind. So ist die verwendete Grundgesamtheit der AOK Bayern möglicherweise nicht repräsentativ für die deutsche Gesamtbevölkerung. Zudem basiert die Analyse auf der Annahme, dass die Impfung in den Risikogruppen gleichermaßen effektiv ist, nämlich 95%. Ferner wurden externe Effekte auf Ungeimpfte ignoriert, die vor allem mit ansteigender Impfquote an Relevanz gewinnen. Zuletzt wird davon ausgegangen, dass jede priorisierte Person die Impfgelegenheit auch wahrnimmt, was den Impferfolg beider Verfahren in ähnlicher Weise überschätzt. Die Autoren gehen jedoch davon aus, dass die qualitativen Aussagen davon nicht wesentlich betroffen sind.  

Das ganze Whitepaper im PDF-Format können Sie hier kostenlos herunterladen.

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  1. Jucknewitz R. et al. Priorisierung der Covid-19 Impfung: ein alternativer Score-Ansatz; Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft.

Bildquelle: © GettyImages/nevodka

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