05. April 2020

Kind stirbt an Pilzvergiftung – zwei Ärzte sollen deshalb vor Gericht

Nach dem Tod eines sechsjährigen Mädchens durch eine Pilzvergiftung hat die Staatsanwaltschaft Frankfurt Anklage gegen zwei Mediziner erhoben. Sie wirft einem Hausarzt und einer Anästhesistin vor, das Kind und weitere Familienmitglieder nicht richtig behandelt zu haben, wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft am Mittwoch mitteilte.1

Lesedauer: 2,5 Minuten

Grüner Knollenblätterpilz: Mädchen stirbt neun Monate später an den Folgen

Der Vorwurf lautet auf fahrlässige Tötung in einem Fall und fahrlässige Körperverletzung in drei Fällen. Wann der Prozess beginnt, steht noch nicht fest. Das Landgericht Frankfurt muss die Termine für die Hauptverhandlung erst noch festlegen. Bei der Familie war nach Angaben der Staatsanwaltschaft ein Pilzgift nachgewiesen worden, das im äußerst giftigen Grünen Knollenblätterpilz vorkommt. Das Mädchen war rund neun Monate später an den Folgen der Vergiftung gestorben.

Hausarzt verzichtet auf körperliche Untersuchung

Der 49-jährige Vater hatte der Staatsanwaltschaft zufolge mit seinen drei Töchtern im August 2017 selbst gesammelte Pilze gegessen. Am Morgen darauf suchte er zusammen mit seinen Kindern wegen Übelkeit, Erbrechen und Durchfall einen Frankfurter Hausarzt auf. Der 52 Jahre alte Mediziner habe auf eine körperliche Untersuchung verzichtet, erklärte die Staatsanwaltschaft. Er soll lediglich eine Pilzvergiftung oder Magenverstimmung diagnostiziert, Medikamente gegen Übelkeit und Erbrechen verschrieben und den Patienten empfohlen haben, viel Wasser zu trinken.

Auch Ärztin in Bereitschaftspraxis verzichtet auf körperliche Untersuchung

Als sich der Gesundheitszustand im Tagesverlauf nicht besserte, habe der Vater mit den Kindern im Altern von damals 5, 10 und 12 Jahren am Nachmittag desselben Tages eine Bereitschaftspraxis auf dem Gelände des Frankfurter Uniklinikums aufgesucht. Doch auch dort soll die 45 Jahre alte Ärztin auf eine körperliche Untersuchung verzichtet haben. Die Uniklinik wies darauf hin, dass die Bereitschaftspraxis nicht von ihr betrieben wird.

Kind stirbt bei zweiter Lebertransplantation

Am Tag darauf schwebten der Vater und seine drei Kinder den Angaben zufolge in Lebensgefahr und wurden in verschiedene Krankenhäuser gebracht. Die Leber der jüngsten Tochter war der Staatsanwaltschaft zufolge wegen der Vergiftung so stark geschädigt, dass ihr Ende August 2017 ein neues Organ transplantiert werden musste. Im Mai 2018 sei eine weitere Transplantation nötig geworden, bei der Operation sei das Kind gestorben.

Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft hätte der Tod des Kindes verhindert werden können, wenn die Ärzte rechtzeitig die Pilzvergiftung mit den gebotenen Maßnahmen – Einweisung in ein Krankenhaus und Gegenmittel – behandelt hätten.

Pilzvergiftung: „Dringende ärztliche Intervention nötig“

Bei einer möglichen Pilzvergiftung rät der Toxikologe der Deutschen Gesellschaft für Mykologie, Siegmar Berndt, unbedingt dazu, ein Krankenhaus aufzusuchen. „Da ist dringende ärztliche Intervention nötig“, sagte Berndt der Deutschen Presse-Agentur. In Zusammenarbeit mit Pilzsachverständigen können die Ärzte dann die Giftpilze eingrenzen und die Patienten behandeln.

Das stark wirkende Gift Amanitin des Grünen Knollenblätterpilz kann nach Angaben des Gesundheitsamtes in Frankfurt schon in geringen Mengen tödlich sein. Es wirkt massiv leberschädigend. Der Pilz sei europaweit verbreitet. Es wäre daher möglich, dass diese Art in Syrien nicht bekannt sei, so der Toxikologe Berndt. Die Familie stammte nach Angaben der Staatsanwaltschaft von dort.

1. dpa; 01.04.2020.
Titelbild: © Getty Images/syaber

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