28. Oktober 2019

Krebsforschung schaut nach Ulm

Hilft Methadon bei der Tumortherapie?

Hoffnung für Krebskranke oder Irrweg? Nach kontroversen Debatten um das Mittel Methadon soll erstmals eine Therapiestudie zeigen, ob sich damit Tumore wirksam bekämpfen lassen – oder nicht. 1

Lesedauer: 2 Minuten

Erste klinische Studie über Methadon zur Tumortherapie

Nach kontroversen Debatten unter Wissenschaftlern hat sich die Deutsche Krebshilfe entschlossen, mit 1.6 Millionen Euro eine umfangreiche Therapiestudie über Methadon in der Tumortherapie an der Universitätsklinik Ulm zu fördern. Beteiligt werden Patienten mit Dickdarmkrebs, der bereits Metastasen gebildet hat, und bei denen die Chemotherapie nicht mehr anschlägt.

„Die Krebszellen dieser Patienten sind unempfindlich gegen diese Medikamente geworden“, erläutert Studienleiter Professor Thomas Seufferlein, der Ärztliche Direktor der Klinik für Innere Medizin I der Ulmer Uni. „Unsere Hypothese ist, dass Methadon den Tumor wieder empfindlich für Chemotherapeutika machen kann.“

Die Annahme stützt sich auf experimentelle Forschungen der Chemikerin Claudia Friesen vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Ulm. 2008 kam sie zu dem Schluss, dass Blutkrebszellen vermehrt absterben und ihre Widerstandskraft gegen die Chemotherapie abnimmt, wenn sie mit Methadon behandelt werden. Spätere Forschungen mit Zellkulturen anderer Tumoren schienen die Vermutung zu erhärten.

  • Zu einem Ansturm auf Methadon und einer Welle der Hoffnung auf Heilung war es 2017 gekommen, nachdem Claudia Friesen im Fernsehen von ihren Laborergebnissen berichtet hatte und zudem in Medien auf Fälle hingewiesen worden war, in denen Krebspatienten nach Methadon-Einnahme eine Besserung erfahren haben sollen. Klar war damals schon, dass Einzelfälle in der Medizin nicht als Beweis für die Wirksamkeit eines noch weitgehend unerprobten Mittels gelten können.

    Entsprechend deutlich war – und ist teils heute noch – die Kritik einiger Kollegen von Friesen. Vor einem unseriösen „Methadon-Hype“ warnte etwa Professor Wolfgang Wick, Direktor der Neurologischen Uniklinik Heidelberg und Leiter einer Forschungsabteilung am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). Wenn Vermutungen ohne gesicherte Datenlage in der Öffentlichkeit diskutiert würden, könnten Patienten leicht das Gefühl bekommen, von bereits bestehenden Möglichkeiten abgeschnitten zu werden, mahnte er.

    Die Langfrist-Studie in Ulm begrüßt Wick: „Die Idee, dass man da mit einer zusätzlichen Behandlung eine gewisse Chemosensibilisierung erreicht, finde ich beim Darmkrebs plausibler als bei Hirntumoren.“ Wünschenswert wäre es, so der Professor, dass auch entsprechende Forschungen zu Hirntumoren sowie zu anderen Krebsarten stärker gefördert würden.

„Ich sehe die Studie wirklich komplett ergebnisoffen.“

„Wir wollen untersuchen“, so Professor Seufferlein, „ob Methadon bewirken kann, dass auch bei Patienten mit fortgeschrittenem Darmkrebs bestimmte Chemotherapeutika besser in die Krebszellen eindringen und dadurch effektiver wirken können“. Die Betonung liegt für den Mediziner auf „ob“: „Ich sehe die Studie wirklich komplett ergebnisoffen.“ Zudem würden Resultate allein für die Situation eines fortgeschrittenen Dickdarmkrebses und nicht für andere Tumorarten sowie allein für das konkrete Chemotherapeutikum und die konkrete Dosierung von Methadon gelten. „Man kann die Ergebnisse dann weder in die eine noch in die andere Richtung generalisieren.“

Die Studie soll im ersten Quartal 2020 starten. Seufferlein rechnet längerfristig mit jeweils etwa 30 Patienten, die neben der Chemotherapie auch Methadon erhalten, im Vergleich zu anderen, die – wie bislang üblich – mit Chemotherapie sowie bei Bedarf mit Morphium oder anderen Schmerzmitteln behandelt werden. Erste belastbare Resultate könnten frühestens Anfang 2022 vorliegen.

Noch gibt es keinen endgültigen Beschluss zur staatlichen Finanzierung. Aber mit der Entscheidung der gemeinnützigen Stiftung Deutsche Krebshilfe zur Förderung einer ersten klinischen Studie zu einer möglichen Methadon-Wirkung bei Darmkrebs ist ein Anfang gemacht.

  1. dpa, 28.10.2019

Bildquelle: picture alliance/Thomas Burmeister/dpa

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