16. Dezember 2020

Manaus: Wo bleibt die Herdenimmunität? 

Eigentlich sollte es in der brasilianischen Stadt am Amazonas schon längst vorbei sein mit Corona. Laut einer neuen Studie waren bis Oktober bereits 76% der Einwohner mit dem Virus infiziert. Dennoch werden täglich etwa 290 Neuinfektionen gemeldet. 1-4 

Lesedauer: 2 Minuten 

Schlechte Lebensbedingungen befeuern die Ausbreitung 

Überfüllte Haushalte und Nachbarschaften, Reisen in vollen Booten, begrenzter Zugang zu Trinkwasser – diese Bedingungen sind mit dafür verantwortlich, dass SARS-CoV-2 sich seit März dieses Jahres fast ungehindert in Manaus ausbreiten konnte. Dabei hoffen viele darauf, dass die Stadt mit fast 2,2 Millionen Einwohnern als Paradebeispiel für die Herdenimmunität gelten wird.  

Herdenimmunität in der Theorie 

Herdenimmunität tritt dann ein, wenn genügend Mitglieder einer Population immun gegen einen Erreger geworden sind und somit auch diejenigen schützen, die noch keinen Kontakt zum Erreger hatten. Das Problem bei diesem Gedanken: Das Konzept stammt eigentlich aus der Impfstoffforschung und basiert auf mathematischen Modellen, die das echte menschliche Verhalten nicht abbilden können. Weiterhin müsste dafür eine dauerhafte Immunität gegen den Erreger bestehen – mehr dazu erfahren Sie in diesem Artikel bei coliquio.  

Seroreversion ab Jahresmitte

Wissenschaftler um die Immunologin Prof. Ester Sabino (Universität São Paolo) haben zwischen Februar und Oktober 2020 über 8.000 Proben von Blutspendern in Manaus auf IgG-Antikörper gegen das SARS-CoV-2-Nukleokapsid untersucht.

Zunächst mussten die Forscher die Konzentration, ab der der Antikörpertest laut Hersteller (Abbott) als positiv gilt, herabsetzen, um eine ausreichende Sensitivität zu erreichen. Während die Antikörper-Prävalenz im April in Manaus noch bei 4,8% lag, erreichte sie im Juni ihren Höhepunkt mit 52,5%. Danach sank sie stetig – es kam zur „Seroreversion“. Im Oktober lag die gemessene IgG-Prävalenz dann bei 25,8%.

Modellrechnung zur Infektionsrate 

Mithilfe von Modellrechnungen schätzten die Forscher schließlich, dass bis Oktober etwa 76% der Einwohner von Manaus (95%-KI: 66,6-97,9%) bereits eine Infektion mit SARS-CoV-2 durchgemacht haben. Das liegt über der geschätzten Herdenimmunitäts-Schwelle von 60-67%.
Die Infektionssterblichkeit (IFR) lag bei 0,17%, wenn die Ansteckung mittels PCR-Test nachgewiesen war. Die IFR stieg auf 0,28% wenn die Forscher auch Verstorbene mit Covid-19-Symptomen einbezogen.

Vegleich mit der ersten Welle

Seit Wochen werden täglich etwa 290 Neuinfektionen gemeldet (Stand 16.12.). In der ersten Welle lag der maximale 14-Tages-Durchschnitt bei 566.3 Zum Vergleich: Hamburg mit 1,9 Millionen Einwohnern hat in den letzten 7 Tagen 2.300 neue Fälle gemeldet, im Schnitt also knapp 239 Fälle pro Tag.4 Derzeit versterben täglich etwa 7 Menschen in Manaus an oder mit einer SARS-CoV-2-Infektion. Zum Höhepunkt der ersten Welle lag diese Zahl bei 39,5.3

Insgesamt sind in Manaus bereits 3201 Menschen mit einer bestätigten SARS-CoV-2-Infektion verstorben. In Hamburg sind 491 Todesfälle zu verzeichnen.4

Warnung für ungehinderte Ausbreitung

Die Autoren sehen in ihren Daten eine Warnung für das, was geschieht, wenn sich die Infektion ungehindert ausbreiten kann. Des Weiteren müsse sich nun auch zeigen, wie lange die Immunität gegen SARS-CoV-2 in der Realität wirklich anhält.  

  1. Buss et al.: Three-quarters attack rate of SARS-CoV-2 in the Brazilian Amazon during a largely unmitigated epidemic. Science 08 Dec 2020: eabe9728
  2. Pressemitteilung des Imperial College London: Three quarters of Brazilian Amazon have been infected with COVID-19 since March. 08.12.2020. 
  3. Offizielle Website des Gesundheitsministeriums von Brasilien, Daten abgerufen am 16.12.2020 unter dem Filter „Município=Manaus“.
  4. Robert Koch-Instiut: COVID-19: Fallzahlen in Deutschland und weltweit. Abgerufen am 16.12.2020.

Bildquelle: © Getty Images/Daniel Figueiredo

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