12. Mai 2021

Kritik an Spahns Impfziel für Jugendliche

Impfangebote für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren bis zum Ende der Sommerferien – das Ziel ist klar formuliert. Doch ist es realistisch? Unterdessen haben sich Vertreter von Ärzteverbänden gegen eine Aufhebung der Corona-Impfpriorisierung ausgesprochen.1

Lesedauer: 3,5 Minuten

EMA-Entscheidung über Zulassung noch im Mai erwartet

Die Zielvorgabe für Corona-Impfungen von Kindern und Jugendlichen bis zum Ende der Sommerferien ist zum Teil mit viel Skepsis aufgenommen worden. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte bezeichnete die Pläne als „überambitioniert“. Die Ständige Impfkommission (Stiko) mahnte zur Geduld, weil Impfungen von Kindern genau geprüft werden sollten. Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung forderte derweil bereits einen genauen Fahrplan für eine solche Impfaktion.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte am Dienstag bekräftigt, dass bis zum Ende der Sommerferien den 12- bis 18-Jährigen in Deutschland ein Impfangebot gemacht werden soll. Am Dienstagabend gab die EMA auf dpa-Anfrage bekannt, dass sie noch im Mai über die Zulassung des Corona-Impfstoffs der Hersteller Biontech und Pfizer für Kinder ab zwölf Jahren entscheiden will. Das Verfahren könne angesichts von Fortschritten bei der Bewertung beschleunigt werden und Ende des Monats abgeschlossen sein.

„Wir wollen in jedem Fall die Daten zur Impfung von Kindern genau prüfen, bevor eine generelle Impfempfehlung für Kinder gegeben werden kann“, sagte der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens der „Welt“. „Derzeit diskutierte Argumente wie Urlaub können nicht die primären entscheidungsrelevanten Argumente der Stiko sein.“ Wenn die Zulassung für Kinder von 12 bis 15 Jahren erteilt sei, „dann sollten tatsächlich Kinder mit schweren Vorerkrankungen zuerst geimpft werden“.

Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte: „Wir wollen keine Notfallzulassung“

Der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach, zweifelt an den Zeitplänen für die Corona-Impfungen bei Kindern. Nach einer möglichen EMA-Zulassung geht er davon aus, dass die Zustimmung der Stiko einige Zeit dauern könnte. „Deswegen halte ich die derzeit verkündeten Zeitpläne mit Terminen im Spätsommer für überambitioniert“, sagte Fischbach der „Rheinischen Post“. „Am Ende wollen wir die Kinder mit einem zugelassenen und sicheren Impfstoff impfen. Wir wollen keine Notfallzulassung, und es darf auch keine Impfpflicht geben.“

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, betonte, dass der Impfstart bei Kindern und Jugendlichen gut vorbereitet werden müsse. „Sonst habe ich die Sorge, dass er sich verzögert“, sagte er dem „Handelsblatt“. Die Jugend brauche eine klare Perspektive, etwa für einen normalen Schulalltag. Grundsätzlich sei eine Impfaktion unter Kinder und Jugendlichen schnell zu schaffen, Gassen sieht neben den niedergelassenen Kinder- und Jugendärzten dabei auch den öffentlichen Gesundheitsdienst in der Verantwortung. „Gemeinsam ist das in relativ kurzer Zeit zu schaffen“, erklärte Gassen. So könnten beispielsweise Reihenimpfungen auch in den Schulen organisiert werden. „Nur so können wir viele Jugendlichen auf einen Schlag impfen.“

Ärzteverbände gegen Aufhebung der Corona-Impfpriorisierung

Die Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund und der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes haben sich unterdessen dafür ausgesprochen, Corona-Impfstoffe auch weiterhin gemäß der Priorisierung zu verabreichen. „Ich halte es für falsch, die Impfpriorisierung jetzt schon komplett preiszugeben“, sagte Marburger-Bund-Chefin Susanne Johna der „Rheinischen Post“. „Es sind ja noch gar nicht alle Personen mit Vorerkrankungen und erhöhtem Risiko geimpft. Die sollten auch in den Impfzentren noch Vorrang haben.“ Bund und Länder dürften bei ihren Entscheidungen nicht der Devise „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ Vorschub leisten. Dann hätten die „Schwächeren, die am wenigsten drängeln, am Ende das Nachsehen.“

Ulrich Weigeldt, Vorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes, sagte der „Rheinischen Post“: „So lange eine Knappheit an Impfstoffdosen besteht, ist die Priorisierung für die Hausärztinnen und Hausärzte eine wichtige Leitlinie, um besonders gefährdete Patientinnen und Patienten schnell auszumachen und frühzeitig zu schützen.“ Zugleich sprach er sich aber für ein der Situation angepasstes Vorgehen der Ärzte vor Ort aus. „Ein starres Festhalten, vielleicht sogar noch über Länder mit unterschiedlichem Impffortschritt hinweg, wäre sinnlos, ja sogar hinderlich.“ Flexibilität und Pragmatismus brächten die Impfkampagne bereits jetzt voran. Wenn etwa kurz vor Praxisschluss noch Impfstoff übrig sei, dann sollte dieser unabhängig von der Priorisierung noch verabreicht werden.

Zunehmend aufgeheizte Stimmung in Impfzentren

Weigeldts Vorstandskollegin Anke Richter-Scheer berichtete der Funke Mediengruppe von einer zunehmend aufgeheizten Stimmung in den Impfzentren wegen immer mehr Vordränglern. „Wir erleben jeden Tag Diskussionen mit Leuten, die jetzt unbedingt schnell geimpft werden wollen, obwohl sie noch nicht an der Reihe sind. Die Stimmung wird aggressiv“, erklärte die stellvertretende Verbandsvorsitzende. Das liege auch daran, dass die Priorisierung immer weiter ausgeweitet werde, „sodass es für viele immer weniger nachvollziehbar ist, warum der eine schneller an der Reihe sein soll als der andere.“ Hinzu komme, dass viele jetzt ihre Zweitimpfung vorziehen wollten, um so schnell wie möglich von Erleichterungen für Geimpfte zu profitieren oder sorglos in den Urlaub fahren zu können.

Hausärzte in Baden-Württemberg & Bayern sollen ohne Priorisierung impfen dürfen

Hausarztpraxen in Baden-Württemberg dürfen bereits ab Montag alle bisher verfügbaren Corona-Impfstoffe ohne Rücksicht auf die staatlich vorgegebene Priorisierung verimpfen. Sie können nun vollständig selbst entscheiden, wer die Impfung gegen das Coronavirus zuerst braucht, nicht wie bisher nur in Bezug auf das Vakzin von Astrazeneca, wie das Sozialministerium in Stuttgart am Mittwoch mitteilte. Zuerst hatten „Stuttgarter Zeitung“ und „Stuttgarter Nachrichten“ über die Pläne berichtet (Mittwoch). Bayern will ab dem kommenden Montag die Priorisierung für alle Corona-Impfstoffe bei Hausärzten aufheben. Das kündigte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Mittwoch nach Angaben von Teilnehmern in einer Rede bei der Klausur der CSU-Landtagsfraktion in München an. In den Impfzentren soll es demnach aber bei dem bisherigen Verfahren mit Priorisierungen bleiben.

1. dpa; 12.05.2021.
Titelbild: © GettyImages/Marina Demidiuk (Symbolbild).

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