17. November 2021

Studie: Impfschutz nimmt vor allem bei Älteren ab Lauterbach für Boosterpriorisierung

Eine aktuelle schwedische Studie unterstützt die These von einem Rückgang des Impfschutzes vor schweren Corona-Verläufen nach mehreren Monaten. Deutsche Immunologen und SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach sprechen sich für eine Boosterpriorisierung für Risikogruppen aus.

Lesedauer: 3 Minuten

Einer schwedischen Untersuchung zufolge nimmt der Schutz nach einem halben Jahr stark ab. Deutsche Fachleute warnen zwar vor einer Überbewertung dieser schwedischen Ergebnisse, sehen aber grundsätzlich einen Trend bestätigt, auf den auch andere Studien hindeuten. Booster bei Risikogruppen auf breiter Front seien wichtig.1

Ein Team um Peter Nordström von der Universität Umea hatte schwedische Daten von mehr als 800 000 Geimpften und genauso vielen Ungeimpften ausgewertet. Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass der anfangs sehr gute Schutz vor symptomatischen Infektionen nach mehreren Monaten deutlich nachlässt. Beim Biontech/Pfizer-Impfstoff, den in Deutschland mit Abstand die meisten geimpften Menschen erhalten haben, ist er nach rund sieben Monaten demnach kaum noch gegeben. Bei der Studie handelt es sich um ein sogenanntes Preprint, das noch nicht von Fachleuten begutachtet und in einem Fachjournal erschienen ist. 2

Mit Blick auf schwere Verläufe – also Klinikeinweisungen und Todesfälle – sinkt die Effektivität über alle Impfstoffe hinweg von anfangs 89 Prozent auf 42 Prozent nach sechs Monaten. Der Effekt sei besonders bei gebrechlichen älteren Menschen und Patienten mit Vorerkrankungen zu beobachten. Den schwedischen Forschern zufolge untermauern ihre Ergebnisse die Notwendigkeit von Auffrischungsimpfungen – insbesondere für Hochrisikogruppen.

Deutsche Impfexperten zur schwedischen Studie

Für Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, zeigt die Studie an sich nicht Neues. «Der Schutz vor Infektion lässt mit der Zeit nach. Der Schutz vor schwerer Erkrankung ist deutlich stabiler, lässt zwar auch etwas nach, aber nicht so stark.» Die schwedische Untersuchung sei aber «in Bezug auf die Stärke des Abfalls sicherlich ein Extrembeispiel». Zahlreiche andere Studien zeigten auch einen Rückgang der Wirksamkeit, aber einen nicht so starken. Die höheren Werte in der schwedischen Untersuchung könnten durch methodische Faktoren erklärt werden.

Sebastian Ulbert, Impfstoffexperte vom Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie, warnt: «Man kann sich auf solche Prozentzahlen nicht festnageln». Zu viele Parameter spielten bei der Durchführung einer solchen Datenbank-basierten Untersuchung eine Rolle. Dennoch sei mittlerweile klar, dass der Impfschutz mit der Zeit nachlasse – insbesondere bei älteren Menschen und Vorerkrankten.

Diese müssten schnell eine Auffrischungsimpfung bekommen. «Das hat jetzt Priorität.» Auch beim Booster sei aber mangels verfügbarer Daten noch nicht klar, wie lange der Impfschutz bei Risikogruppen hält.

Lauterbach: Brauchen Priorisierung für Booster-Impfung 3

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat die Ständige Impfkommission (Stiko) aufgefordert, ihre Empfehlung für Booster-Impfungen mit einer Priorisierung zu koppeln. «Wenn wir ohne Einschränkungen den Booster für alle öffnen, legen wir die Priorisierung in die Hände der Praxen. Bei 30 000 Arztpraxen bedeutet das 30 000 unterschiedliche Priorisierungen», sagte Lauterbach dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (Mittwoch). Seine Forderung für Auffrischungsimpfungen ab 18 Jahren: «Die Stiko sollte klar festlegen, welche Gruppe als nächstes dran ist.»

Der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens hatte eine baldige Ausweitung der Empfehlung für Corona-Auffrischungsimpfungen in Aussicht gestellt. Bislang empfiehlt das Gremium eine Auffrischungsimpfung unter anderem Menschen ab 70 Jahren. Auf Nachfrage in der ZDF-Sendung «Markus Lanz» am Dienstagabend machte Mertens klar, dass die Empfehlung «bis 18» gesenkt werden könnte.

Der Vorschlag von Lauterbach lautete: «Aus meiner Sicht müssen die über 70- und 60-Jährigen priorisiert werden, dann auch die über 50-Jährigen.» Da sich der vollständige Schutz der Booster-Impfung erst nach zwei Wochen entfalte, sollten man «schnell die über 50-Jährigen impfen, um sie für die nächsten Wochen zu schützen».

Lauterbach sagte, er rechne damit, dass die Stiko die dritte Impfung bereits fünf Monate nach der zweiten Impfung empfehlen werde. Bei allen weiteren Auffrischungsimpfungen würde aber ein größerer Abstand genügen. «In Zukunft wird das Intervall für eine Auffrischung deutlich größer sein, da wir einen deutlichen Antikörperanstieg und andere verbesserten Abwehrmechanismen nach der dritten Impfung sehen.»

  1. dpa: 17.11.2021
  2. Peter Nordström et al.: Effectiveness of Covid-19 Vaccination Against Risk of Symptomatic Infection, Hospitalization, and Death Up to 9 Months: A Swedish Total-Population Cohort Study (Preprint); The Lancet; 25.10.2021.
  3. dpa: 17.11.2021

Bildquelle: Getty Images / Morsa Images

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