30. Dezember 2020

Zuviel Corona-Impfstoff verabreicht

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Arzt

Am Sonntag unterlief einer Krankenschwester in Stralsund ein Fehler bei der Aufbereitung des SARS-CoV-2-Impfstoffs. In der Folge hat ein Arzt 8 Mitarbeitern ohne Prüfung versehentlich die fünffache Dosis des Corona-Impfstoffs verabreicht. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Mediziner.1-4

Lesedauer: 3,5 Minuten

5-fache Dosis an Corona-Vakzin verabreicht

Nach der Impfpanne in einem Stralsunder Pflegeheim wird eine Frau weiter in einer Klinik behandelt. Meldungen der Deutschen Presseagentur zufolge leidet sie unter Kopfschmerzen und Schwindel. Die anderen sieben Betroffenen waren bereits am Sonntag, dem Tag des Vorfalls, beziehungsweise Montag wieder nach Hause geschickt worden. Sie sind alle Mitarbeiter eines Stralsunder Pflegeheims.

Details zur fehlerhaften Impfung
Entgegen den Anweisungen des Impfstoffherstellers Biontech/Pfizer habe eine Krankenschwester den Inhalt der Gläser zwar mit der korrekten Menge Kochsalzlösung gemischt. Dann habe sie dem Arzt aber Spritzen mit dem kompletten Inhalt statt nur mit einem Fünftel des Volumens zum Impfen gereicht. „Das hat sie achtmal gemacht. Dann waren die acht Gläser alle, mit denen eigentlich 40 Leute geimpft werden sollten.“ Der Sprecher des Landkreises verwies darauf, dass Biontech/Pfizer sogar eine bebilderte Schreibtischunterlage zur Aufbereitung des Impfstoffs mitgeliefert habe.

Hersteller: In Studie keine schwerwiegenden Folgen nach Überdosierung beobachtet
Der Landkreis Vorpommern-Rügen berichtet in einer Mitteilung, 2 dass nach Informationen von Biontech größere Dosen (100 Mikrogramm, die übliche Dosis liegt bei 30 Mikrogramm) des Impfstoffes in der Phase-1-Studie bereits an Probanden ohne schwerwiegende Folgen getestet worden seien. Es seien keine bleibenden, unerwünschten Ereignisse gemeldet worden. Lokale Reaktionen an der Injektionsstelle und grippeähnliche Symptome träten dosisabhängig auf und seien im Allgemeinen leicht bis mittelmäßig und vorübergehend.

Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen aufgenommen

Nach Strafanzeigen von nicht direkt betroffenen Bürgern hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung gegen den betroffenen Arzt eingeleitet. Die Behörde hätte aber auch von Amtswegen ein eigenes Verfahren eingeleitet, betont der Stralsunder Oberstaatsanwalt Marc Engelhardt gegenüber der Ostsee-Zeitung (OZ). 3

In den kommenden Tagen wird der Arzt nach Angaben der Staatsanwaltschaft von der Polizei zu dem Vorfall vernommen. Möglicherweise werde auch ein Sachverständiger ein Gutachten erstellen, um zu klären, wem eine mögliche Pflichtverletzung vorzuwerfen sei. Gegenüber der OZ habe sich der Arzt sehr betroffen gezeigt und angegeben, sich bei den Geimpften entschuldigt zu haben. 2 Er fühle sich schuldig, die Krankenschwester nicht kontrolliert zu haben. Gleichzeitig machte er aber auch den Organisatoren Vorwürfe und kritisierte die Vorbereitung auf die Impfungen: „Ich bin da hingefahren in der Annahme, dass ich eingewiesen werde.“ Stattdessen habe es nur den Infozettel gegeben, so seine Darstellung.

Als Strafrahmen für eine fahrlässige Körperverletzung sieht das Gesetz eine Geldstrafe beziehungsweise eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren vor.

Impfpannen: Wie sieht es mit der Haftpflicht aus?

Nach einem Bericht der Ärztezeitung 4 müssen sich Ärzte während Corona-Impfkampagnen – zumindest was die Deckung durch die Haftpflich angeht – keine Sorgen machen. Darauf würden verschiedene Versicherungsexperten hinweisen. Für die Deutsche Ärzteversicherung gelte dies auch für Vorfälle wie dieser in Stralsund. Die Versicherung gehe davon aus, dass dieser Fall in die Staatshaftung beim Impfen falle. Auch bei einem vergleichbaren Versehen in der Hausarztpraxis, stehe der Arzt (zumindest bei der Deutschen Ärzteversicherung) nicht ohne Deckung da.

Der Versicherungsmakler Ecclesia sieht das nach dem Bericht der Ärztezeitung ähnlich, auch wenn sich dieser nicht konkret zu dem Stralsunder Vorfall äußern möchte. „Nach Einschätzung unserer Expertinnen und Experten gehören die gerade erst angelaufenen ersten Impfungen unter den Bedingungen einer Pandemie in den Bereich des Infektionsschutzes und der allgemeinen Gefahrenabwehr“, wird ein Sprecher von Ecclesia dort zitiert. Damit seien sie als hoheitliche Aufgabe zu betrachten.

Versicherer haben Berushaftpflichtpolicen angepasst
Bereits kurz vor Beginn hatten einige Haftpflichtversicherungen die Arzthaftpflichtdeckung bei bestehenden Berufshaftpflichtpolicen um die Corona-Impfung erweitert. Dadurch sind die Ärzte bei ihrer Tätigkeit in Impfzentren, als auch bei späteren Impfungen in der eigenen Praxis abgesichert. Auch für Mediziner mit einer Ruhestandsversicherung gilt die Ausweitung der Deckung. Mehr dazu lesen Sie hier in dem Beitrag: “Ärzte in Corona-Impfzentren: Durch Arzthaftplicht abgesichert“.

  1. Material der dpa vom 28. und 29.12.2020
  2. Landkreis Vorpommern-Rügen, 28.12.2020: Impfzwischenfall im Landkreis Vorpommern-Rügen
  3. Ostsee-Zeitung, 30.12.2020: Nach Corona-Impfpanne in Stralsund: Jetzt ermittelt der Staatsanwalt gegen den Arzt
  4. Ärztezeitung 29.12.2020: Überdosis Corona-Vakzine geimpft? Ärzte müssen sich nicht sorgen

Bild: © GettyImages/zoranm

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG.

coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653