08. Dezember 2020

Corona-Impfstoff

Gesundheitspersonal wird unterschiedlich priorisiert

Die ersten Coronavirus-Impfstoffe stehen bald zur Verfügung. Doch wer hat Priorität? Die Ständige Impfkommission STIKO legt nun genauere Vorschläge für eine Reihenfolge vor.1,2

Lesedauer: 3,5 Minuten

Laut dem Entwurf empfiehlt die Kommission die Impfung zunächst bestimmten Personengruppen anzubieten, die ein besonders hohes Risiko für schwere oder tödliche Verläufe einer Covid-19-Erkrankung haben oder die beruflich entweder besonders exponiert sind oder engen Kontakt zu vulnerablen Personengruppen haben. Zum Start der Corona-Impfungen in Deutschland sollen deshalb zuerst folgende Gruppen die Impfung erhalten:

1. Sehr hohe Priorität (> 8,6 Millionen Menschen):

  • Ältere über 80,
  • Senioren – und Pflegeheimbewohner,
  • Personal mit besonders hohem Infektionsrisiko in medizinischen Einrichtungen wie Notaufnahmen und in der Betreuung von Corona-Patienten (etwa 1 Millionen Menschen),
  • Personal in medizinischen Einrichtungen mit engem Kontakt zu vulnerablen Gruppen z.B. in der Hämato-Onkologie oder Transplantationsmedizin,
  • Pflegepersonal in der ambulanten und stationären Altenpflege (etwa 1,2 Millionen Mensche) sowie andere Beschäftigte in Senioren- und Pflegeheimen mit Kontakt zu Bewohnern.

Anschließend sollen folgende weitere Gruppen mit besonderen Risiken vorrangig geimpft werden:

2. Hohe Priorität (6,7 Millionen Menschen):

  • Senioren zwischen 75 und 80 Jahre,
  • Menschen mit Demenz oder einer geistigen Behinderung in Einrichtungen sowie dort tätiges Personal.

3. Moderate Priorität (ca. 5,5 Millionen Menschen):

  • Ältere zwischen 70 und 75, Vorerkrankte mit erhöhtem Risiko und ihre engsten Kontaktpersonen,
  • Menschen in Asylbewerber- und Obdachlosenunterkünften,
  • enge Kontaktpersonen von Schwangeren,
  • Personal mit moderatem Infektionsrisiko in medizinischen Einrichtungen und Kliniken sowie
  • Personal in Gesundheitsämtern.

4. Erhöhte Priorität ( rund 6,9 Millionen Menschen):

  • Menschen zwischen 65 und 70,
  • Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher,
  • Menschen mit prekären Arbeits- oder Lebensbedingungen wie Saisonarbeiter, Beschäftigte in Verteilzentren oder in der fleischverarbeitenden Industrie.

5. Gering erhöhte Priorität (9 Millionen Menschen):

  • Menschen von 60 bis 65 Jahre,
  • Personal in “Schlüsselpositionen” der Landes- und Bundesregierungen,
  • Beschäftigte im Einzelhandel sowie in der “kritischen Infrastruktur” wie Feuerwehr, Bundeswehr, Polizei, Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) und Abfallwirtschaft.

“Niedrige” Impf-Priorität haben demnach alle übrigen Menschen unter 65 Jahre, was etwa 45 Millionen entspricht. „Mittelfristig ist es das Ziel, allen Menschen einen gleichberechtigten Zugang zu einer Impfung gegen Covid-19 anbieten zu können”, heißt es in dem Entwurf. Die Empfehlung solle künftig auch nach Verfügbarkeit von mehr Impfstoffen aktualisiert werden, dabei könnten auch Zielgruppen angepasst werden.

Vorerkrankungen und Schwangerschaft spielen untergeordnete Rolle

„Das zunehmende Alter ist der unabhängige Faktor, der mit Abstand die höchste Risikoerhöhung mit sich bringt”, heißt es in der Empfehlung. Vorerkrankungen und eine Schwangerschaft spielten im Vergleich dazu eine untergeordnete Rolle. So war die Sterberate bei einer Studie mit Covid-19-Patienten im Krankenhaus bei Betroffenen zwischen 50 und 59 Jahre 2,6-mal höher als bei Unter-50-Jährigen. Zwischen 60 und 69 lag sie 5-mal höher, bei 70- bis 79-Jährigen 8,5 mal höher.

Stellungnahme bis Donnerstag möglich

Länder und medizinische Fachgesellschaften können zu diesem Entwurf nun noch Stellung nehmen – wegen besonderer Eilbedürftigkeit bis diesen Donnerstag. Grund für eine Prioritätensetzung ist, dass zum möglichen Auftakt von Impfungen zu Beginn des neuen Jahres nur kleinere Impfstoffmengen erwartet werden. Endgültig festlegen soll die Impf-Prioritäten dann eine Verordnung des Bundesgesundheitsministeriums, die noch im Dezember kommen soll.

Verband spricht von „blindem Fleck bei niedergelassenen Ärzten“

Bereits geäußert hat sich der Virchowbund (Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands). Demnach zeige die STIKO in dem gestern vorgelegten Beschlussentwurf für die Priorisierung bei der anstehenden Covid-19-Impfung in der Einstufung von Personal in medizinischen Einrichtungen, dass sie offenkundig einen blinden Fleck im niedergelassenen Bereich hat. „Erneut hält die von universitärer Expertise dominierte Ausarbeitung einem Praxistest in der Versorgung nicht stand. Anders ist es nicht zu erklären, dass die STIKO nicht berücksichtigt, was beispielsweise Vertragsärzte in der Corona-Pandemie leisten und wie sie Patienten versorgen“, erklärt der Bundesvorsitzende des Verbandes der niedergelassenen Ärzte Deutschlands (Virchowbund), Dr. Dirk Heinrich.

So würden Rettungsdienst und Notaufnahmen richtigerweise mit der höchsten Priorisierung versehen, während der kassenärztliche Notdienst zwei Stufen niedriger eingestuft wird. „Dass im Kassenärztlichen Notdienst und in den Praxen niedergelassener Allgemeinärzte bis heute rund 94 Prozent aller Corona-Abstriche gemacht werden, blendet die STIKO-Beschlussempfehlung völlig aus“, stellt Dr. Heinrich fest. 19 von 20 der COVID-19-Erkrankungen werden im niedergelassenen Bereich behandelt, hier in erster Linie von den Hausärzten, den HNO-Ärzten und den Pneumologen. Auch diese Gruppe komme nur auf die dritthöchste Prioritätenstufe bei medizinischem Personal.

„Besonders bizarr wird die Einstufung von allen übrigen niedergelassenen Ärzten, die laut STIKO nur ein ‚moderates Expositionsrisiko‘ haben. Sie teilen sich diese Einstufung mit dem Reinigungspersonal in Kliniken und Praxen. Wir fordern daher umgehend und zwingend für das noch bis zum 10. Dezember 2020 andauernde Stellungnahmeverfahren das Votum der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, der Bundesärztekammer und der im bisherigen Verfahren noch nicht eingebundenen fachärztlichen Fachgesellschaften einzuholen“, fordert Dr. Dirk Heinrich.

Kritik auch von Patientenschützern

Vom der Deutschen Stiftung Patientenschutz kam Kritik. Mehr als acht Millionen Menschen scheinbar gleichberechtigt bei der Priorität auf Nummer eins zu setzen, könne nicht funktionieren, sagte Vorstand Eugen Brysch der Deutschen Presse-Agentur. „Deshalb müssen zunächst die Pflegebedürftigen und Schwerstkranken die Chance auf eine Impfung bekommen. Erst danach sind Menschen an der Reihe, die in medizinischen und pflegerischen Bereichen arbeiten. An dritter Stelle gilt es, die systemrelevanten Berufe zu stellen.”

1. dpa, 07.12.2020
2. STIKO-Impfempfehlung: Praxistest nicht bestanden: Blinder Fleck bei niedergelassenen Ärzten. Pressemitteilung Virchowbund; 08.12.2020.

Bild: © GettyImages/sittithat tangwitthayaphum

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