28. August 2020

Weibliche Pharmakokinetik

Viele Medikamente könnten bei Frauen überdosiert sein

Frauen entwickeln fast zweimal häufiger unerwünschte Nebenwirkungen von Medikamenten als Männer – trotzdem ist relativ wenig über die Auswirkungen des Geschlechts auf die Verträglichkeit von Medikamenten bekannt. Eine unterschiedliche Pharmakokinetik mit höheren Plasmaspiegeln könnte hierbei eine wesentliche Rolle spielen.1

Lesedauer: 1,5 Minuten

Die meisten Medikamente werden bei Frauen und Männern gleich dosiert, obwohl viele Medikamente in Studien überwiegend bei Männern untersucht wurden. Eine mögliche Ursache für die vermehrten unerwünschten Nebenwirkungen (ADRs) bei Frauen könnte sein, dass die Medikamente bei ihnen schlicht überdosiert werden.

Dieser Hypothese gingen Wissenschaftler der Universität Kaliforniens mittels einer Literaturrecherche nach. Sie werteten Studien zu 86 verschiedenen Medikamenten aus, die sich mit Geschlechtsunterschieden in Pharmakokinetik und-dynamik sowie der Rate unerwünschter Nebenwirkungen beschäftigten.

Bei 76 der 86 untersuchten Medikamente wiesen Frauen bei gleicher Dosierung und unabhängige vom Körpergewicht deutlich höhere Plasmakonzentrationen auf. Von den 59 Medikamenten mit klinisch identifizierbaren Nebenwirkungen erwiesen sich bei 88 % die Plasmaspiegel bei Frauen als Prädiktor von ADRs – bei Männern war das nur in 29 % der Fall. Bei 96 % der Medikamente mit höheren Plasmaspiegeln bei Frauen waren diese auch mit vermehrten Nebenwirkungen assoziiert.

Da öffentlich zugängliche Daten zu geschlechtsspezifischen Plasmaspiegeln nur für einen sehr kleinen Teil der zugelassenen Medikamente zur Verfügung stehen, könnte hier möglicherweise ein weit verbreitetes klinisch signifikantes  Problem bei zahlreichen Medikamenten übersehen werden. Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Pharmakokinetik werden in der Dosierung von Medikamenten kaum berücksichtigt, was systematische Überdosierungen mit vermehrten Nebenwirkungen bei Frauen zur Folge haben könnte. Die Autoren fordern daher, evidenzbasiert Dosisempfehlungen speziell für Frauen zu entwickeln.

  1. Irving Zucker et al; Sex differences in pharmacokinetics predict adverse drug reactions in women; Biol Sex Differ (2020); 11, 32; DOI: https://doi.org/10.1186/s13293-020-00308-5

Bildquelle: © gettyImages/seb_ra

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