08. April 2021

Deutschland will Gespräche mit Russland über Sputnik V

Deutschland will mit Russland über mögliche Lieferungen des Corona-Impfstoffs Sputnik V sprechen. Unterdessen folgt die Regierung mit Blick auf den Impfstoff von Astrazeneca weiter den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission.1

Lesedauer: 3,5 Minuten

Spahn sucht bilateral Gespräche mit Russland

Noch vor kurzem hatte Berlin die EU-Kommission zu Verhandlungen über den russischen Corona-Impfstoff aufgefordert. Die Brüsseler Behörde handelt aber nicht wie erhofft. Nun will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bilateral ausloten, ob Sputnik die Impfkampagne beschleunigen könnte. Die EU-Kommission habe erklärt, dass sie über das russische Präparat keine Verträge wie mit anderen Herstellern schließen werde, so Spahn. Daraufhin habe er bei einer Videokonferenz der EU-Gesundheitsminister erklärt, „dass wir dann bilateral auch mit Russland reden werden“.

Zulassung durch EMA Voraussetzung für möglichen Sputnik-Einsatz

Zugleich betonte Spahn, dass es zunächst eine Zulassung des Impfstoffs durch die Europäische Arzneimittelagentur EMA geben müsse. Dafür müsse Russland Daten liefern. Auch müsse geklärt werden, wie viel Impfstoff Russland kurzfristig liefern könne. Doch haben einige Bundesländer schon vor einer möglichen EU-Zulassung Alleingänge gestartet. Bayern unterzeichnete am Mittwoch einen Vorvertrag über 2,5 Millionen Sputnik-Dosen, Mecklenburg-Vorpommern zog am Donnerstag mit einer Option auf eine Million Dosen nach.

Die Europäische Arzneimittelagentur EMA hatte Anfang März ein Prüfverfahren für Sputnik V im Rahmen einer sogenannten Rolling Review begonnen. Dabei werden Testergebnisse bereits geprüft, auch wenn noch nicht alle Daten vorliegen und noch kein Zulassungsantrag gestellt wurde. Im April wollen EMA-Experten Produktion und Lagerung des Impfstoffs in Russland begutachten. Die EU-Staaten Ungarn und Slowakei haben Sputnik bereits auf eigene Faust angeschafft, Ungarn erteilte eine Notfallzulassung.

Stiko-Vorsitzender: Daten zu Sputnik V „sehen sehr gut aus“

Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens, sagte im ZDF-„Morgenmagazin“, die publizierten Daten zu Sputnik V „sehen sehr gut aus“, er wisse aber nicht, was der EMA an zusätzlichen Daten vorliege. „Wenn der Impfstoff geprüft und zugelassen wird, hätte ich persönlich dagegen nichts einzuwenden.“ Der Gesundheitspolitiker und CDU-Europaabgeordnete Peter Liese forderte, man dürfe nicht aus politischen Gründen auf Sputnik verzichten. Falls die EMA das Präparat positiv bewerte und falls Russland schnell liefern könne, müsse man den Impfstoff auch aus Russland importieren. Schließlich könne es bei anderen Impfstoffen zu Lieferproblemen kommen. Jedoch sei er gegen nationale oder regionale Alleingänge; die EU-Kommission müsse handeln.

Spahn betonte nun, dass geklärt werden müsse, welche Mengen des Sputnik-Impfstoffs wann geliefert werden könnten. Darüber werde man erstmal mit Russland reden. „Um wirklich einen Unterschied zu machen in unserer aktuellen Lage, müsste die Lieferung schon in den nächsten zwei bis vier, fünf Monaten kommen – ansonsten haben wir so oder so mehr als genug Impfstoff.“

Der Impfstoff-Beauftragten der EU-Kommission, Thierry Breton, erwartet durch Sputnik V hingegen keine schnell Entlastung. Auf die Frage, ob Präparate etwa aus Russland oder China dazu beitragen könnten, bis zum Sommer 70 Prozent der Erwachsenen in der EU zu impfen, schrieb der er am Donnerstag: „Ich fürchte, die Antwort ist nein.“ Jedes Unternehmen, das einen neuen Impfstoff produzieren wolle, brauche mindestens zehn Monate. Deshalb müsse man sich auf die Produktion jener Impfstoffe konzentrieren, die in der EU bereits zugelassen oder kurz davor seien.

Zugleich zeigte Breton sich optimistisch, dass es auch ohne Impfstoffe wie Sputnik V bis Ende Juni genügend Dosen in der EU gibt, um rund 70 Prozent der Erwachsenen zu impfen. Im ersten Quartal seien 108 Millionen Dosen geliefert worden, für das zweite Quartal rechne er mit 360 Millionen weiteren.

Astrazeneca weiter nicht bei Menschen unter 60 Jahren empfohlen

Spahn betonte außerdem am Donnerstag mit Blick auf den Impfstoff von Astrazeneca, dass dieser weiterhin nicht bei Menschen unter 60 Jahren eingesetzt werden sollte. „Wir bleiben dabei, dass wir den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission folgen“, sagte er. Die EMA hatte am Mittwoch trotz sehr seltener Fälle von Blutgerinnseln in Hirnvenen jüngerer Menschen weiterhin uneingeschränkt grünes Licht für die Anwendung des Impfstoffes gegeben. Doch auch andere EU-Staaten schränkten den Gebrauch ein. So sollen in Belgien zunächst nur Menschen über 55, in Spanien und Italien nur Menschen über 60 mit Astrazeneca geimpft werden.

Mertens sieht keine Widersprüche bei Experteneinschätzungen

Der Vorsitzende der deutschen Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens, hat der Wahrnehmung widersprochen, es gebe Meinungsverschiedenheiten unter Experten. Es gebe keinen Widerspruch zwischen den Einschätzungen der EU-Arzneimittelbehörde EMA, dem Paul-Ehrlich-Institut und der Stiko, sagte der Virologe Thomas Mertens am Donnerstag im RBB-Inforadio. Dass der Astrazeneca-Impfstoff in seltenen Fällen zu schweren und auch lebensgefährlichen Nebenwirkungen führen könne, bestreite niemand.

Die Entscheidung über den Wechsel von Astrazeneca zu einem anderen Präparat für die Corona-Zweitimpfung in Deutschland soll erst in der kommenden Woche fallen. Zunächst wollten die Gesundheitsminister der Länder am nächsten Dienstag mit Spahn und dem Stiko-Vorsitzenden Mertens noch offene Fragen diskutieren, hieß es am Donnerstag es aus den Reihen der Länderminister.

1. dpa; 08.04.2021.
Titelbild: © Getty Images/Veronika Viskova

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