19. Januar 2021

EU-Kommission will 70 Prozent Corona-Impfrate bis zum Sommer

Ein Kraftakt beim Impfen soll die Corona-Pandemie in der Europäischen Union binnen weniger Monate wirksam eindämmen. Unterdessen fällt in Deutschland die Lieferung des Biontech-Impfstoffes vorübergehend geringer aus.1

Lesedauer: 4 Minuten

Impfung als Wende im Kampf gegen das Virus – Warnung vor Mutationen

„Unser Ziel ist, bis zum Sommer 70 Prozent unserer erwachsenen Bevölkerung geimpft zu haben», erklärte Kommissionschefin Ursula von der Leyen am Dienstag in Brüssel. «Das könnte die Wende in unserem Kampf gegen das Virus sein.» Zugleich warnte die Brüsseler Behörde dringend vor mindestens drei neuen, besonders ansteckenden Virusmutationen. „Wenn wir jetzt nicht entschlossen handeln, können wir das Risiko einer möglicherweise noch härteren dritten Infektionswelle womöglich nicht mehr eindämmen», sagte Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides.

Schon jetzt sind in der EU im Zusammenhang mit dem Coronavirus mehr als 400 000 Menschen gestorben. Die Kommission machte ihre neuen Vorschläge vor einem EU-Videogipfel am Donnerstag, bei dem die EU-Staats- und Regierungschefs erneut das gemeinsame Vorgehen beraten wollen. Topthema ist die Beschleunigung der Impfkampagne. Dies soll mit Zulassung weiterer Impfstoffe und dem Ausbau der Produktion geschehen. Schon Ende Januar könnte das Mittel von Astrazeneca für den europäischen Markt genehmigt werden.

Ambitionierte Impfziele – mit weichen Fristen

Kommissionsvize Margaritis Schinas sieht ein baldiges Ende der Knappheit an Impfstoffen: „Am Ende des ersten Quartals wird Europa eine beeindruckende Menge von Dosen haben.» Bereits bis März soll ein erstes Impfziel erreicht sein: 80 Prozent der Menschen über 80 Jahre und des Medizin- und Pflegepersonals. Die Frist für das zweite Ziel – 70 Prozent der Erwachsenen – ist recht weich: Sommer sei die Zeit von Juni bis Ende August, sagte Schinas auf Nachfragen.

Mögliche Vorteile für Geimpfte in den EU-Staaten weiter umstritten

Daneben soll es beim Videogipfel auch um einen gemeinsamen Impfpass und mögliche Privilegien für Geimpfte gehen. Die Kommission plädiert für ein gemeinsames Impfzertifikat und eine Einigung der EU-Staaten bis Ende Januar. So könnten die Zertifikate rasch nutzbar werden „in den Gesundheitssystemen in der EU und darüber hinaus». Aus dem Impfdokument soll erkennbar sein, wer wann in welchem EU-Staat welchen Impfstoff bekommen hat, auch um etwaige Nebenwirkungen zurückzuverfolgen. Ob Geimpfte Vorteile genießen – zum Beispiel Zugang zu Restaurants und Kinos oder erleichterte Urlaubsreisen – ist in den EU-Staaten allerdings umstritten.

Virusmutationen: Kommission drängt auf genauere Untersuchung

Mit Blick auf die neuen Virusmutationen drängt die Kommission die Mitgliedsstaaten, mehr Virusproben genauer zu untersuchen. Nötig ist dafür die sogenannte Genom-Sequenzierung. Die EU-Staaten sollten mindestens fünf, besser zehn Prozent der positiven Testergebnisse sequenzieren. Bisher seien es vielerorts weniger als ein Prozent. „Wenn wir nicht testen und sequenzieren, sind wir blind», sagte Kyriakides. Zugleich mahnt die Kommission, durch Distanz- und Hygieneauflage vor allem beim Reisen die Übertragung des Virus zu verhindern. Von allen nicht notwendigen Reisen solle dringend abgeraten werden. Reisebeschränkungen und Testpflichten befürwortet die Kommission, Grenzschließungen lehnt sie hingegen ab.

Kommende Woche vorübergehend weniger Biontech-Impfstoff

Unterdessen kommt Deutschland bei den verfügbaren Corona-Impfdosen trotz vorübergehend geringerer Lieferungen der Hersteller Biontech und Pfizer wohl noch relativ glimpflich davon. Für diese Woche ist eine etwas größere Impfstoff-Lieferung für die Länder vorgesehen, kommende Woche dürften dann aber deutlich weniger Dosen ankommen. Das geht aus einem neuen Lieferplan von Biontech hervor, der kurzfristig angekündigte Umbauten in einem Abfüllwerk berücksichtigt. Ab Anfang Februar soll die Zahl der Dosen dann jedoch über Plan liegen, wie das Bundesgesundheitsministerium am Dienstag erläuterte. Hintergrund dafür ist, dass jetzt sechs statt fünf Impfdosen aus einer Ampulle entnommen werden können.

In dieser Woche bekommen die Länder demnach 842 400 Dosen bezogen auf die nun geltende Maßgabe von sechs Dosen je Ampulle. Bisher genannt worden waren 667 875 Dosen bezogen auf fünf mögliche Dosen. In der Woche ab dem 25. Januar sollen dann aber nur 485 550 Dosen kommen. In der Woche ab dem 1. Februar folgen demnach 684 450 Dosen und in den Wochen ab dem 8. Februar und ab dem 15. Februar je 742 950 Dosen. In der Woche ab dem 22. Februar sollen es dann 906 750 Dosen sein. Die Umbauten im belgischen Pfizer-Werk Puurs sollen höhere Kapazitäten schaffen. Bund und Länder hatten die kurzfristige Information dazu kritisiert.

Die Länder gehen mit dem neuen Lieferplan unterschiedlich um. In Bayern, Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Hessen, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Thüringen müssten derzeit keine Termine für nötige Zweitimpfungen nach der ersten Dosis abgesagt werden, teilten die jeweiligen Behörden mit. In Berlin könnte die Terminvergabe jedoch gestreckt werden. In Sachsen-Anhalt sind die Landkreise und Städte für Impfungen zuständig, die Stadt Halle hat beispielsweise Zweitimpfungen gesichert.

Niedersachsen plant mit Verzögerungen bei Erstimpfungen. In Bayern wurden teils Termine zur Erstimpfung abgesagt, in Rheinland-Pfalz und dem Saarland wurden manche verschoben. Weniger neue Impftermine soll es vorerst in Baden-Württemberg geben. In Bayern, Brandenburg, Sachsen, Saarland, Schleswig-Holstein und Hamburg seien zunächst keine neuen Termine zur Impfung geplant, so die jeweiligen Behörden. Brandenburg will im Lauf der Woche über den künftigen Impfumfang entscheiden. In Hamburg sei wegen schwankender Liefermengen eine sehr zurückhaltende Planung erforderlich, hieß es von der Gesundheitsbehörde.

1. dpa; 19.01.2021.
Titelbild: © Getty Images/Darwel

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