08. September 2021

Aktuell hoffnungsvolle Corona-Zahlen – aber wie lange noch?

Mit der Sieben-Tage-Inzidenz und der für die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus entscheidenden Reproduktionszahl sehen aktuell zwei wichtige Indikatoren etwas besser aus. Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, warnt dennoch vor einer heftigen vierten Corona-Welle im Herbst.1

Lesedauer: 4,5 Minuten

Ist der Ansteckungstrend gestoppt?

Erstmals seit zwei Monaten ist die Sieben-Tage-Inzidenz bei den Corona-Ansteckungen an zwei Tagen hintereinander gefallen. Das Robert Koch-Institut (RKI) gab den Wert am Mittwoch mit 82,7 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb einer Woche an (Dienstag 83,8; Montag 84,3; Mittwoch der Vorwoche: 75,7). Zuletzt war die Inzidenz Anfang Juli zwei Mal hintereinander gefallen.

Auch die für die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus entscheidende Reproduktionszahl lässt hoffen. Der Sieben-Tage-R-Wert liegt seit kurzem wieder unter 1 (Mittwoch: 0,97), zuvor lag er viele Wochen teils deutlich darüber. Der Wert gibt an, wie viele weitere Menschen ein Infizierter rechnerisch ansteckt. Bleibt er für längere Zeit unter 1, flaut die Pandemie ab.

Die Zahl der innerhalb eines Tages übermittelten Neuinfektionen stieg im Vorwochen-Vergleich marginal. Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI binnen eines Tages 13 565 Corona-Neuinfektionen. Vor einer Woche hatte der Wert bei 13 531 Ansteckungen gelegen.

Ob es sich bei der positiven Entwicklung lediglich um eine Momentaufnahme oder um eine Trendumkehr handelt, ist unklar. Auch über mögliche Gründe – beispielsweise Impffortschritte, Kontaktverhalten der Bürger, Reisegeschehen – kann vorerst nur spekuliert werden. Ein Rückgang bei den PCR-Tests wurde zuletzt nicht verzeichnet – im Gegenteil. Laut dem Labor-Verband ALM wurden in der Woche bis 5. September zehn Prozent mehr Tests ausgewertet als in der Vorwoche.

Zahl der Corona-Patienten in Kliniken wird wichtigste Messlatte

Bereits am Dienstag hatte der Bundestag beschlossen, dass die Zahl der Corona-Patienten in den Kliniken künftig die wichtigste Messlatte sein soll, bislang hatte sich die Politik hauptsächlich an den Infektionszahlen orientiert. Die Länder sollen demnach weitgehend vor Ort festlegen können, ab wann strengere Alltagsbeschränkungen nötig werden. „Wesentlicher Maßstab“ für zu ergreifende Maßnahmen soll insbesondere die Zahl aufgenommener Corona-Patienten in den Kliniken je 100 000 Einwohner in sieben Tagen sein. Berücksichtigt werden sollen aber auch „weitere Indikatoren“. Genannt werden die Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen, verfügbare Intensivkapazitäten und die Zahl der Geimpften. Die Länder sollen dann festlegen können, wo kritische Schwellenwerte liegen.

Hintergrund ist, dass die bisher als zentraler Indikator genutzte Zahl der Neuinfektionen (Inzidenz) angesichts von Millionen Geimpften nicht mehr so stark und direkt auf die Klinikbelastung durchschlägt.

Die Zahl der in Kliniken aufgenommenen Corona-Patienten je 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen gab das RKI in seinem Lagebericht am Dienstag mit 1,69 an (Montag 1,64). Der bisherige Höchstwert lag um die Weihnachtszeit bei rund 15,5. Ein bundesweiter Schwellenwert, ab wann die Lage kritisch zu sehen ist, ist für die Hospitalisierungs-Inzidenz unter anderem wegen großer regionaler Unterschiede nicht vorgesehen.

RKI-Chef warnt vor heftiger vierter Welle

Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, hat unterdessen vor einer heftigen vierten Corona-Welle im Herbst gewarnt. „Wenn wir die aktuellen Impfquoten nicht drastisch steigern, dann kann die aktuelle vierte Welle im Herbst einen fulminanten Verlauf nehmen“, sagte Wieler am Mittwoch in Berlin. „Die Pandemie ist noch nicht vorbei.“ Schon jetzt steige die Zahl der Menschen, die im Krankenhaus behandelt werden müssten – insbesondere auch bei jüngeren Menschen. Die allermeisten von ihnen seien ungeimpft.

Je mehr Menschen sich impfen ließen, desto weniger schlimm verlaufe die vierte Welle und desto früher sei die Pandemie beendet, betonte der RKI-Chef. „Es liegt in unseren eigenen Händen, viele schwere Verläufe und auch Todesfälle zu verhindern.“ Das Risiko, mit einer Corona-Infektion ins Krankenhaus zu müssen, sei bei Geimpften derzeit zehnmal geringer als bei Ungeimpften.

Laut Schätzungen des RKI seien durch Impfungen zwischen Januar und Juli etwa 77 000 Krankenhausaufenthalte und rund 20 000 Fälle auf Intensivstationen verhindert worden. Das sei ein „wirklich großartiger Erfolg der Impfung“, sagte Wieler. Schätzungsweise hätten Impfungen in dem Zeitraum über 700 000 Infektionsfälle vermieden.

„Was uns wirklich allen klar sein muss: Wer sich nicht impfen lässt, wird sich auf absehbare Zeit mit Sars-CoV-2 infizieren“, warnte Wieler. Er betonte: „Alle, die sich impfen lassen können, sich aber noch nicht haben impfen lassen: Bitte lassen Sie sich impfen. Und das gilt für alle Menschen in unserem Land, die älter als zwölf Jahre sind.“

Virologe Dittmer warnt vor Überlastung der Intensivstationen

Auch der Direktor der Virologie am Universitätsklinikum Essen hat angesichts steigender Inzidenzzahlen bei Ungeimpften vor einer Überlastung der Intensivstationen gewarnt. „Wir machen uns langsam das Gesundheitssystem kaputt“, sagte Ulf Dittmer der Düsseldorfer „Rheinischen Post“. Die Kräfte in den Intensivstationen kämen angesichts der steigenden Fallzahlen wieder an ihre Grenze. In seiner Klinik liege die Zahl der Kranken mit schweren Symptomen bei 23. Davon seien 20 ungeimpft, der Jüngste sei 20 Jahre alt.

Dittmer forderte deshalb eine Diskussion über die Impfpflicht. „Darüber müssen wir reden“, sagte er. Schon jetzt gebe es in Nordrhein-Westfalen keinen freien Platz mehr für die Behandlung mit einer Herz-Lungen-Maschine (Ecmo). „Hier müssen wir bereits auswählen, welchen Patienten wir an das Gerät anschließen.“

Spahn erneuert Impfappell

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat derweil erneut an die Bevölkerung appelliert, sich gegen Corona impfen zu lassen. „Jede einzelne Impfentscheidung entscheidet auch darüber, wie sicher wir gemeinsam durch Herbst und Winter kommen“, sagte der CDU-Politiker am Mittwoch in Berlin. Spahn verwies darauf, dass auf Intensivstationen momentan vor allem nicht geimpfte Menschen wegen Covid-19 behandelt würden. „Es geht darum, dass das Gesundheitswesen nicht überlastet wird.“ Die Zahl der Ungeimpften sei noch zu groß. Auf diesem Stand könne nicht sichergestellt werden, dass es nicht wieder zu einer sehr starken Be- oder Überlastung komme.

Zu Fragen nach einem möglichen erneuten Lockdown, die ihm oft gestellt würden, sagte Spahn: «Die Debatte muss doch andersherum gehen: Wir haben das Mittel in der Hand, uns zurück in Freiheit und Normalität zu impfen“. Man sei schon ein ganzes Stück vorangekommen, „aber wir müssen eben noch einige, viele weitere überzeugen, diesen Weg mit uns zu gehen.“

66 Prozent der Bevölkerung sind Spahns Angaben zufolge mindestens einmal geimpft, 61,6 Prozent hätten vollen Impfschutz, wie der Minister auf Twitter schrieb. Deutschland ist nach seiner Einschätzung im Vergleich zu anderen Ländern besser durch die vergangenen eineinhalb Jahre der Pandemie gekommen. „Das Vereinigte Königreich hat auf die Bevölkerung bezogen mehr als doppelt so viele Todesfälle wie Deutschland“, sagte er.

1. dpa; 08.09.2021.

Titelbild: © Getty Images/Jira Pliankharom

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG.

coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653