24. August 2021

WHO: Taliban-Regime könnte Ausbreitung von SARS-CoV-2 fördern

Aufgrund der aktuellen Entwicklung in Afghanistan befürchtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass sich die medizinische Versorgung der Bevölkerung noch weiter verschlechtert und es zu Ausbrüchen von Infektionskrankheiten kommt. Da die Taliban Impfungen ablehnten, könnte es auch zu einer raschen und unkontrollierten Ausbreitung von SARS-CoV-2 kommen.

Lesedauer: 3 Minuten

Laut WHO gab es in Afghanistan zwischen dem 3. Januar und dem 20. August 152.448 gesicherte COVID-19-Fälle und 7054 Todesfälle. „Da sich die Lage in Afghanistan weiterhin rapide verschlechtert, ist die WHO äußerst besorgt über die Entwicklung der Sicherheitslage und der humanitären Bedürfnisse im Land, einschließlich des Risikos von Krankheitsausbrüchen und der Zunahme der COVID-19-Übertragung”, heißt es in einem WHO-Update vom 17. August.

Chaos am Flughafen behindert Versorgung mit medizinischen Gütern

So verzögere die chaotische Situation am Flughafen die dringend benötigte Versorgung mit wichtigen medizinischen Gütern. Die überfüllten medizinischen Einrichtungen und Lager mit Menschen, die vor Krieg und Taliban geflohenen seien, erschwerten die Infektionsprophylaxe und erhöhten das Risiko für den Ausbruch von Infektionskrankheiten und die Übertragung des Corona-Virus.

Bilsang zu wenige Impfdosen verabreicht

Nach Angaben der WHO wurden in dem 40 Millionen Einwohner zählenden Land bis zum 14. August insgesamt nur knapp 1,9 Millionen Impfdosen verabreicht. Nach Ansicht von Epidemiologen müssten mindestens 70 Prozent der Bevölkerung geimpft werden, um das COVID-19-Virus wirksam einzudämmen.

In Gebieten, in die schutzsuchende Menschen geflohen sind, darunter Kabul und andere Großstädte, gibt es nach Berichten vor Ort zunehmend Fälle von Durchfall, Unterernährung, Bluthochdruck, COVID-19-ähnlichen Symptomen und Komplikationen im Bereich der reproduktiven Gesundheit. Darunter versteht man das uneingeschränkte körperliche und seelische Wohlbefinden in Bezug auf alle Bereiche der Sexualität und Fortpflanzung des Menschen. 

Abhängig von regionalen Kommandeuren

Nach Aussage des UN-Beraters Shahid Meezan hängt vieles von den Entscheidungen der lokalen Kommandeure in bestimmten Gebieten abhängt. „Im ostafghanischen Distrikt Paktia zum Beispiel haben die Taliban Aushänge angebracht, die vor Impfungen warnen und Gesundheitsteams entmutigen“, wird er von dem Internetportal SciDev.Net. zitiert.

„Wenn die Impfungen gestoppt werden, wird es schwierig sein, COVID-19 in Afghanistan zu kontrollieren”, sagt Musa Joya, Dozent für medizinische Physik an der Universität für medizinische Wissenschaften in Kabul, der derzeit an der Universität in Teheran promoviert.

Bevölkerung hat kein Vertrauen in das medizinische System

„Die Menschen haben kein Vertrauen in das medizinische System und vermeiden es, Krankenhäuser aufzusuchen; das Gesundheitssystem des Landes ist nicht in der Lage, Sauerstoff und andere Medikamente bereitzustellen, die importiert werden müssen”, sagt Joya laut dem Internetportal. „Außerdem glauben die meisten Afghanen nicht, dass die Impfung gegen das Virus Leben rettet.“ Sie schützten sich daher nicht und überließen das Geschehen der Vorsehung.  „Diese beiden Faktoren – keine Impfung und kein Selbstschutz – werden mit Sicherheit zu einer Katastrophe führen”, so Joya.

Auch der US-Wissenschaftler Professor Carl Latkin von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Maryland ist pessimistisch, was die Fähigkeiten des Landes angeht, die COVID-19-Pandemie bewältigen, da es an medizinischem Fachwissen, Geld und Versorgungsketten mangelt. „COVID-19 kann sich schnell ausbreiten und  einer äußerst instabilen und beunruhigenden Situation noch mehr Schmerz und Elend hinzufügen”, wird Latkin von dem Portal zitiert. Es könnte allerdings auch sein, dass die Ausbreitung des Coronavirus  gebremst werde, indem viele Menschen aus Angst vor den Taliban zu Hause blieben.

Beispiel Polio-Impfung?

Professor Amesh Adalja, leitender Wissenschaftler am Johns Hopkins Center for Health Security, ist überzeugt, dass die sich verschlechternden Bedingungen in Afghanistan die Versorgung der Menschen mit COVID-19-Impfstoffen beeinträchtigen: „In der Vergangenheit wurde befürchtet, dass die Taliban die Polioimpfung ablehnen, und in der Tat ist Afghanistan ein Gebiet, in dem das Polio-Wildvirus noch immer zirkuliert.” Der Nationale Notfallplan (NEAP) macht dem Bericht zufolge die von den Taliban verhängten Impfverbote dafür verantwortlich, dass es nicht gelungen ist, die Kinderlähmung in Afghanistan auszurotten. Das Land gehöre nach wie vor zu den letzten Refugien des Polio-Wildvirus. Im vergangenen Jahr seien in Afghanistan 56 Fälle der durch das Polio-Wildvirus verursachten Krankheit gemeldet worden.

Dieser Beitrag erschien im Original bei univadis.de.

Bildquelle: © Getty Images7KeithBinns

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