28. Mai 2019

Cannabis bei chronischen Schmerzen

Erstaunlich viele Therapieabbrüche

Ärzte müssen ihr Verschreibungsverhalten, die Indikation, aber auch eventuelle Nebenwirkungen einer Cannabisbehandlung verbindlich an die Bundesopiumstelle melden. Auf dem diesjährigen Deutschen Anästhesiecongress (DAC 2019) wurde nun die Vorabauswertung der Ergebnisse präsentiert. 1

Lesedauer: 1,5 Minuten

Viele Meldefehler

Zwar sind alle Ärzte gesetzlich verpflichtet, die Behandlungsdaten von Cannabispatienten zu melden, doch offenbar unterbleibt das in vielen Fällen. Der Gesetzgeber hat es versäumt, entsprechende Sanktionen vorzugeben. Die erste Bewertung der gemeldeten Daten ist deshalb mit Vorsicht zu interpretieren, gibt Dr. Peter Cremer-Schaeffer, Leiter der Bundesopiumstelle, zu bedenken.

Die meisten Patienten erhalten Dronabinol

Trotzdem zeigen sich bei der Auswertung der ersten 4700 Datensätze interessante Tendenzen. Hauptindikation für den Cannabiseinsatz sind chronische Schmerzen, die im Median acht Jahre erfolglos behandelt worden waren. Der durchschnittliche Schmerzpatient ist 57 Jahre alt. Zwei Drittel erhalten Dronabinol. Verschrieben werden die Cannabisprodukte vornehmlich von Anästhesisten, gefolgt von Hausärzten. Bei den gemeldeten Nebenwirkungen steht die Müdigkeit mit 16 % im Vordergrund. Gefolgt von Problemen, wie Schwindel (13 %), Schläfrigkeit (7 %), Appetitsteigerung (5 %) und Gedächtnisstörungen (4 %). Unerwünschte Übelkeit, oftmals eine Indikation für den Einsatz von Cannabinoiden, wurde in 7 % als Nebenwirkung beobachtet.

Therapieabbrüche in 37% der Fälle

Mit 37 % bewertet Cremer-Schaeffer die Rate der Therapieabbrüche als überraschend hoch. Fast die Hälfte der Abbrüche geht auf eine Wirkungslosigkeit zurück (45 %). Ein Fünftel der Therapien wurde beendet, weil gravierende Nebenwirkungen auftraten (31 %). Gerade an diesem interessanten Punkt waren leider keine Nachfragen möglich, da die Datenerhebung doppelt anonymisiert erfolgt, so der Bonner Experte.

Weiteres gravierendes Problem: Kassenregresse!

In der anschließenden Diskussion zeigte sich ein weiteres, gravierendes Problem der Gesetzgebung: mögliche Kassenregresse. Zwar sind die Kassen nun im Prinzip gezwungen, bei hinreichend belegter Indikation, den Einsatz von Cannabis zu genehmigen. Trotzdem raten die anwesenden Schmerzmediziner zur Vorsicht. Den Kassen bleibt durchaus noch die Alternative unter dem Aspekt “Prüfung der Wirtschaftlichkeit”, Regressforderungen zu erheben. Solange dieser Aspekt nicht verbindlich geklärt ist, weigern sich offenbar einige Schmerzmediziner, prinzipiell auf Cannabis zurückzugreifen.

  1. Deutscher Anästhesiecongress (Leipzig, 9.-11. Mai 2019), Hauptsitzung: HS S103 Cannabis – Erkenntnisse und Erfahrungen 2 Jahre nach Änderung der Gesetzgebung.

Bildquelle: ©iStock/CasarsaGuru

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