In Deutschland leiden sieben Prozent der 8- bis 17-Jährigen – also etwa 500.000 Kinder und Jugendliche – an so starken andauernden oder wiederkehrenden Schmerzen, dass sie in ihrem Alltag und in der Schule stark eingeschränkt sind. Wird die chronische Schmerzerkrankung nicht oder falsch behandelt, kann sie bis ins Erwachsenenalter fortbestehen und enorme negative Folgen für die Betroffenen und die Gesellschaft haben.
Unter Leitung der Deutschen Schmerzgesellschaft wurde gemeinsam mit zwölf weiteren Fachgesellschaften und Patient:innenorganisationen erstmals eine Leitlinie für die stationäre, interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie (IMST) bei Kindern entwickelt. Sie soll die Behandlungsqualität verbessern und verhindern, dass Kinder unzureichend versorgt werden.1,2
Was Kindern mit starken Schmerzen am besten hilft
Die effektivste Behandlungsmethode für schwere chronische Schmerzerkrankungen bei Kindern ist die stationäre IMST. Sie zielt darauf ab, die Schmerzen zu verringern und die Lebensqualität der Kinder zu steigern. „Schulbesuch und sportliche Aktivtäten sollen wieder möglich werden und die Kinder sollen Freude am Lernen und am Leben haben“, sagt Dr. Julia Wager, wissenschaftliche Leitung des Lehrstuhls für Kinderschmerztherapie und Pädiatrische Palliativmedizin an der Universität Witten/Herdecke (UW/H) und wissenschaftliche Leiterin am Deutschen Kinderschmerzzentrum der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln. Unter ihrer Leitung wurde die Leitlinie erstellt. „Ziel der Behandlung ist es vor allem, die Einschränkungen durch den Schmerz zu verringern, damit Kinder und Jugendliche wieder aktiv am Alltag teilnehmen können“, so Wager.
Dafür empfiehlt die Leitlinie, dass die stationäre IMST in einer Klinik für Kinder und Jugendliche und mit einem interdisziplinären, pädiatrisch geschulten Behandlungsteam erfolgen soll, das auf die emotionalen und entwicklungsbedingten Bedürfnisse dieser Gruppe eingehen kann. „Wir sehen die Leitlinie als einen echten Meilenstein für die intensive multimodale Schmerztherapie und nicht nur im Bereich der Kinder und Jugendlichen“ sagt Dr. Julia Wager.1,2
Indikationsstellung und stationäre Aufnahme
Eine stationäre IMST ist für Patientinnen und Patienten ab einem Mindestalter von 6 Jahren indiziert, wenn ambulante Behandlungsversuche in der Primärversorgung versagt haben oder als nicht angemessen eingestuft werden. Zusätzliche Voraussetzungen für die stationäre Aufnahme sind eine hohe schmerzbedingte Beeinträchtigung der Lebensqualität, des Schulbesuchs oder der Alltagsaktivitäten. Auch bei dauerhaft starken Schmerzen, bestehendem Medikamentenfehlgebrauch oder einer hohen psychosozialen Belastung sowie psychischen Begleiterkrankungen sollte die stationäre Einweisung erfolgen. Die Unterbringung erfolgt in der Regel ohne Begleitpersonen in spezialisierten pädiatrischen Einrichtungen.1
Multidimensionales Assessment und Behandlungsziele
Basis jeder Therapieplanung ist ein multidimensionales Schmerzassessment zu Beginn der Aufnahme. Hierbei sollen biopsychosoziale Aspekte unter Verwendung validierter, altersentsprechender Instrumente erfasst werden. Neben der Schmerzintensität stehen funktionelle Bewegungseinschränkungen, Ängstlichkeit, Depressivität, Schlafstörungen sowie dysfunktionale Kognitionen und Coping-Strategien im Fokus. Die Therapieziele werden gemeinsam mit den jungen Patientinnen und Patienten und deren Sorgeberechtigten festgelegt. Vorrangiges Ziel der IMST ist nicht allein die Schmerzreduktion, sondern die Förderung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität, der emotionalen Stabilität sowie die Wiederherstellung der Schul- und Arbeitsfähigkeit.1
Anforderungen an das interdisziplinäre Team
Die medizinische Leitung einer pädiatrischen IMST muss durch eine Fachärztin oder einen Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin oder für Kinder- und Jugendpsychiatrie mit der Zusatzbezeichnung Spezielle Schmerztherapie erfolgen. Das Kernteam ist interdisziplinär besetzt und umfasst neben der ärztlichen Leitung
- weitere pädiatrische Fachärztinnen und Fachärzte,
- approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -therapeuten bzw. Fachphysiotherapeutinnen und -therapeuten,
- Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie
- spezialisiertes Pflegepersonal.
Ergänzt wird dieses Team durch mindestens zwei weitere Berufsgruppen, wie etwa Fachkräfte der Ergotherapie, Kunst- oder Musiktherapie, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter oder pädagogische Fachkräfte. Wöchentliche interdisziplinäre Teambesprechungen sind obligatorisch, um den Behandlungsverlauf engmaschig abzustimmen.1
Struktur und Umfang der therapeutischen Leistungen
Die Behandlungsdauer der stationären IMST sollte zwischen zwei und sechs Wochen liegen. Der therapeutische Mindestumfang sieht täglich mindestens eine Zeitstunde an aktiven, übenden Verfahren vor. Hierzu zählen Physiotherapie, Psychotherapie, medizinische Trainingstherapie oder Entspannungsverfahren. Ergänzend dazu müssen täglich drei Stunden weitere Angebote wie Schulbesuch, Milieutherapie oder Bewegungsangebote stattfinden. Die psychotherapeutische und ärztliche Betreuung umfasst zudem mindestens ein Einzelgespräch pro Woche von jeweils mindestens 30 Minuten Dauer, wobei auch die regelmäßige Einbindung der Eltern in die Gespräche festgeschrieben ist.1