Die Leitlinienempfehlungen gelten für erwachsene Menschen mit einer Querschnittlähmung in der akuten, subakuten und chronischen Phase. Werden die Empfehlungen auf Kinder und Jugendliche übertragen, müssen sie an die besondere Situation angepasst, erweitert oder besonders interpretiert werden.
Leitlinie ist neu strukturiert
In der aktualisierten Fassung wurde die Struktur der Leitlinie grundlegend überarbeitet (Assessments, Interventionen). Zudem wurden die Schlüsselfragen nach dem PICO-Schema optimiert. Eine wesentliche Neuerung ist die Zuordnung der therapeutischen Maßnahmen zu den Kategorien der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF). Interventionen werden nun gezielt danach bewertet, ob sie Körperfunktionen, Strukturen, Aktivitäten oder die Partizipation beeinflussen.
Außerdem wurden apparativ unterstützte Interventionen rekategorisiert: Sie werden nicht mehr als isolierte Maßnahmen betrachtet, sondern als Bestandteil des Gesamtziels „Funktionsfähigkeit“. Gestrichen wurde hingegen das Kapitel zu zeitlichen Meilensteinen im Behandlungspfad, da hierfür aktuell keine ausreichende Evidenz vorliegt.
Diagnostisches Instrumentarium erweitert
Um die Rumpfstabilität und des Sturzrisikos zu beurteilen empfiehlt die Leitlinie nun zusätzlich die Berg Balance Scale, den Functional Reach Test sowie den MiniBest. Für das neurologische Assessment bleibt der ISNCSCI (International Standards for Neurological Classification of Spinal Cord Injury) der bevorzugte Standard in der akuten, subakuten und chronischen Phase der Rehabilitation.
Besonderes Augenmerk liegt auf der Verlaufskontrolle der Funktionsfähigkeit. Hierzu sollten folgende Instrumente phasengerecht eingesetzt werden:
- SCIM III (Spinal Cord Independence Measure): Zur umfassenden Beschreibung der Unabhängigkeit im Alltag
- WISCI I & II (Walking Index for SCI): Zur Beurteilung der Gehkategorie, unabhängig von der aktuellen Gehfunktion
- TUG (Timed Up and Go): Sobald Aufstehen, Gehen und Drehen (ggf. mit Hilfe) möglich sind
- Gehtests (10, 2 und 6 MWT): Um die Gehgeschwindigkeit und -ausdauer zu evaluieren, sobald die entsprechenden Gehstrecken oder -zeiten bewältigt werden können.
Die Leitlinie betont, dass die Beurteilung des Sturzrisikos bei gehfähigen Patientinnen und Patienten nicht isoliert durch ein Assessment erfolgen darf, sondern stets klinische Einflussfaktoren einbeziehen muss.
Einige Empfehlungen für die Praxis
Die therapeutischen Interventionen zielen u. a. primär darauf ab, Muskelkraft und -tonus, Koordination und Gleichgewicht/motorisches Lernen, Gelenkbeweglichkeit und Sensibilität zu verbessern und Schmerz zu reduzieren.
Ein zentraler Bestandteil ist zudem die neurophysiologisch basierte Physiotherapie, die über alle Phasen hinweg in den Prozess integriert werden sollte, um u. a. Tonus, Schmerzen, Gelenkbeweglichkeit, Koordination und das motorische Lernen zu fördern. Ergänzt wird dies durch regionale/fokale und/oder DLA/ADL (Daily life activties/ activities of daily life)-bezogene Bewegungstherapie (sowohl Hands-on als auch Hands-off), mit und ohne Hilfsmittel, um die Selbstständigkeit im Alltag zu steigern.
Desweiteren empfiehlt die Leitlinie folgende Maßnahmen:
- mobilisieren und dehnen: Individuell angepasst, um z. B. die Gelenkbeweglichkeit zu erhalten und den Muskeltonus zu verbessern
- passive Maßnahmen: Physikalische Therapie und manuelle Entstauungstherapie werden befundorientiert (z. B. bei Weichteilschmerzen oder Lymphödemen) eingesetzt.
- Trainingstherapie: Medizinische Trainingstherapie und z. B. Heimprogramme sollten fachlich angeleitet werden, um Kraft und Ausdauer sowohl in nicht gelähmten als auch in inkomplett gelähmten Bereichen sicher zu steigern.