Kernbotschaften
In einer Mitteilung der DGN und DMKG heißt es über die aktualisierte Leitlinie, sie bilde die hohe Dynamik im Bereich der Kopfschmerzforschung ab und mache deutlich, dass Migräne-Patientinnen und -Patienten dank neuer medikamentöser und nicht-medikamentöser Therapien immer besser zu behandeln seien.
„Wie sich zeigte, hat sich das Therapiespektrum in den vergangenen Jahren stark erweitert, so dass es für nahezu alle Betroffenen Behandlungsmöglichkeiten gibt“, betont Prof. Dr. Hans-Christoph Diener (Essen), der neben Privatdozentin Dr. Stefanie Förderreuther (München), Prof. Dr. Peter Kropp (Rostock) und Prof. Dr. Uwe Reuter (Greifswald) federführender Autor der Leitlinie ist. Grundsätzlich unterscheidet man in der Migränetherapie zwischen der Akuttherapie und der prophylaktischen Therapie zur Vermeidung der Attacken. „Beides muss immer zusammengedacht werden, auch wenn die neuen prophylaktischen Therapien sehr wirksam sind und die Anzahl und Schwere der Migräneanfälle stark reduzieren“, betont Diener.
Was gibt es Neues in der Leitlinie?
Nach Angaben des Autorenteams gibt es folgende Neuigkeiten:
Für die Behandlung akuter Migräneattacken sind Eletriptan, Rizatriptan und Sumatriptan am wirksamsten.
Die Fixkombination von 85 mg Sumatriptan und 500 mg Naproxen hat im Vergleich zur Monotherapie mit Sumatriptan oder Naproxen eine bessere Wirksamkeit für Schmerzfreiheit nach 2 Stunden und für anhaltende Schmerzfreiheit bis zu 24 Stunden; die unerwünschten Arzneimittelwirkungen seien akzeptabel, so die Leitlinie.
Lasmiditan, ein Serotonin-1F-Rezeptoragonist, ist in Dosierung von 50 mg, 100 mg und 200 mg zur Behandlung akuter Migräneattacken wirksamer als Placebo. Vergleichsstudien zu den Triptanen liegen bisher jedoch nicht vor. Das Medikament hat keine vasokonstriktiven Eigenschaften und kann daher bei Pat. mit Kontraindikationen gegen Triptane verwendet werden. Lasmiditan kann zu zentralen Nebenwirkungen führen, unter anderem Müdigkeit und Schwindel. Bis 8 Stunden nach der Einnahme von Lasmiditan darf kein Kraftfahrzeug geführt und dürfen keine gefährdenden Maschinen bedient werden.
Rimegepant, ein oraler CGRP-Rezeptorantagonist, ist in einer Dosis von 75 mg bei der Behandlung akuter Migräneattacken wirksamer als Placebo. Vergleichsstudien zu den Triptanen liegen allerdings bisher nicht vor. Die Verträglichkeit bei der Behandlung akuter Migräneattacken sei gut, heißt es in der Leitlinie.
Die Remote Electrical Neuromodulation ist bei der Therapie akuter Migräneattacken und in der Migräneprophylaxe wirksam. Dies gilt auch für die externe transkutane Stimulation des N. trigeminus im supraorbitalen Bereich (Cefaly®). Beide Verfahren sind bisher aber keine Kassenleistung; zudem seien die Kosten nicht unerheblich, so die Fachgesellschaften.
Die monoklonalen Antikörper gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor sind in der Prophylaxe der episodischen und chronischen Migräne wirksam. Sie haben ein sehr gutes Verträglichkeitsprofil. Die 50 %-Responderraten liegen für die monoklonalen Antikörper nach 3–6 Monaten zwischen 30 und 62 Prozent. Die 50 %-Responderraten für Placebo liegen zwischen 17 und 38 Prozent. Die Wirksamkeit der Antikörper kann innerhalb von 4–12 Wochen evaluiert werden. Ein nennenswerter Prozentsatz von Patienten, die innerhalb der ersten 12 Wochen keine Wirkung zeigen, erzielt eine ausreichende Besserung auf CGRP-Antikörper in den nächsten 12 Wochen. Bei der chronischen Migräne kann ein verzögertes Ansprechen auftreten, sodass ein Ansprechen noch nach 5–6 Monaten beobachtet werden kann. Gemäß Zulassung ist der Behandlungserfolg nach 3 Monaten zu überprüfen (für Eptinezumab nach 6 Monaten). Die Wirksamkeit der Antikörper und der Gepante konnte auch für Pat. mit Kopfschmerzen bei Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln gezeigt werden. Alle monoklonalen Antikörper sind zugelassen zur Migräneprophylaxe bei Erwachsenen mit mindestens vier Migränetagen pro Monat.
Es liegt eine randomisierte Vergleichsstudie zwischen einem monoklonalen Antikörper gegen den CGRP-Rezeptor (Erenumab) und einem traditionellen Migräneprophylaktikum (Topiramat) vor. Dabei war Erenumab besser wirksam und besser verträglich als Topiramat.
„Monoklonale Antikörper gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor oder Gepanten sollten nach derzeitigem Kenntnisstand nicht bei Menschen mit erhöhtem Risiko für vaskuläre Erkrankungen eingesetzt werden“, erklärt Diener. „Wer davon betroffen ist, muss dennoch nicht auf eine wirksame medikamentöse Migräneprophylaxe verzichten und kann auf Topiramat oder Onabotulinumtoxin A ausweichen.“
Rimegepant ist auch in der Prophylaxe der episodischen Migräne wirksam und zugelassen.Das Gepant hatte in einer randomisierten, doppelblinden Vergleichsstudie über drei Monate die gleiche Wirksamkeit wie Galcanezumab in der Prophylaxe der episodischen Migräne.
Atogepant (1 x 60 mg) ist bei der Prophylaxe der episodischen und chronischen Migräne wirksam. Es wirkt auch bei Patienten mit Kopfschmerzen durch Übergebrauch von Schmerz- und Migränemitteln.
Propranolol hat in der Prophylaxe der chronischen Migräne eine vergleichbare Wirksamkeit wie Topiramat.
Eine prophylaktische Medikation mit Topiramat, OnabotulinumtoxinA, einem Gepanten oder einem monoklonalen Antikörper gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor kann auch bei bestehendem Medikamentenübergebrauch begonnen werden.
Sport ein Muss für alle Migräne-Kranken
„Eine wirksame und kostengünstige Möglichkeit der Anfallsprophylaxe ist Ausdauersport“, betont Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der DGN. Auch Kraftsport, Entspannungsübungen, Biorhythmushygiene bezüglich Schlaf und Mahlzeiten sowie Methoden der Stressbewältigung können helfen, Migräneattacken zu vermeiden, doch leider werden diese Empfehlungen oft nicht umgesetzt. „Viele Betroffene wünschen sich zwar eine nicht medikamentöse Therapie, finden jedoch nicht die Zeit, Basismaßnahmen wie Entspannungstechniken und Ausdauersport regelmäßig zu praktizieren. Die Einnahme eines Medikaments scheint bequemer, insbesondere, wenn es gut vertragen wird. Was aber dabei nicht bedacht wird, ist, dass durch die Kombination von nicht medikamentösen und medikamentösen Verfahren ein besserer Therapieeffekt erreicht wird als mit einem allein. Sportliche Betätigung sollte daher ein ‚Muss‘ für alle Migräne-Patientinnen und -Patienten sein.“
Dieser Beitrag ist im Original auf Univadis.de erschienen.