Die Erfahrungen fallen dabei unterschiedlich aus: Während einige Betroffene von einer gesteigerten Libido oder einem insgesamt verbesserten sexuellen Erleben sprechen, klagen andere über einen Rückgang des sexuellen Verlangens oder über sexuelle Funktionsstörungen. Diese widersprüchlichen Beobachtungen werfen die Frage auf, welche Mechanismen hinter diesen Effekten stehen könnten.
Mögliche Wirkmechanismen: Stoffwechsel, Hormone und Gehirn
Die bisherigen Forschungsergebnisse sprechen dafür, dass die Auswirkungen von GLP-1-RA auf die sexuelle Funktion sehr unterschiedlich ausfallen können. Sie scheinen von einem komplexen Zusammenspiel körperlicher, psychologischer und neurobiologischer Faktoren abzuhängen. Da diese Medikamente das körpereigene Hormon GLP-1 nachahmen, greifen sie tief in den Stoffwechsel ein – mit Effekten, die sich sowohl unmittelbar als auch indirekt auf die sexuelle Gesundheit auswirken können.
In der wissenschaftlichen Diskussion geht es u.a. um Einflüsse auf das Belohnungssystem des Gehirns, um neuronale Signalwege zur Appetitregulation sowie um die Regulation von Sexualhormonen infolge metabolischer Veränderungen. Gerade diese Vielschichtigkeit der Wirkmechanismen könnte erklären, warum Patientinnen und Patienten so unterschiedliche Veränderungen ihres sexuellen Empfindens und Verlangens erleben.
Hormonelle Effekte und sexuelle Funktion bei Männern
Eine systematische
Übersichtsarbeit und Metaanalyse aus dem Jahr 2025 untersuchte Männer mit Übergewicht oder Adipositas, die mit GLP-1-Rezeptoragonisten behandelt wurden. Die Auswertung zeigte deutliche Anstiege des Gesamt-Testosterons sowie der Gonadotropine luteinisierendes Hormon (LH) und follikelstimulierendes Hormon (FSH). Parallel dazu kam es zu einer signifikanten Reduktion von Körpergewicht, Body-Mass-Index, Taillenumfang und HbA1c-Werten.
Im Vergleich zu anderen antidiabetischen oder gewichtsreduzierenden Therapien gingen GLP-1-RA mit höheren Gonadotropinspiegeln und einem Anstieg des Sexualhormon-bindenden Globulins einher. Zudem ließ sich eine messbare Verbesserung der erektilen Funktion beobachten. Die Serum-Androgenspiegel waren dabei mindestens vergleichbar, teilweise sogar höher als unter alternativen Therapieoptionen.
Die Autoren diskutieren zwar einen möglichen direkten Effekt auf die Hoden, sehen den zentralen Nutzen der Therapie jedoch vor allem in einer hormonellen Rebalancierung bei Männern mit Adipositas-bedingtem funktionellem Hypogonadismus. Diese hormonelle Normalisierung könnte sich in einem gesteigerten sexuellen Verlangen, einer verbesserten Erektionsfähigkeit sowie einer günstigeren Spermatogenese widerspiegeln.
Verbesserte Erektionsfunktion bei Diabetes und Adipositas
Eine weitere
Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 widmete sich Männern mit Typ-2-Diabetes und Adipositas, die unter erektiler Dysfunktion litten. Auch in dieser Analyse zeigten GLP-1-Rezeptoragonisten positive Effekte auf die Erektionsfähigkeit. Als wahrscheinlicher Mechanismus wird die Wiederherstellung eines metabolischen und vaskulären Gleichgewichts diskutiert, das für eine normale männliche sexuelle Reaktion von zentraler Bedeutung ist.
Diese Ergebnisse werden durch weitere
Studien gestützt: Bei Männern mit Typ-2-Diabetes und erektiler Dysfunktion führte die Kombination von Metformin mit Liraglutid oder Dulaglutid zu einer signifikanten Verbesserung der Werte im International Index of Erectile Function. Besonders deutlich profitierten Patienten, die einen ausgeprägten Gewichtsverlust erreichten oder bereits unter vaskulären Beeinträchtigungen litten.
Nicht jeder profitiert – individuelle Risiken beachten
Die Daten machen jedoch deutlich, dass nicht alle Patienten in gleicher Weise von diesen Effekten profitieren. Unerwünschte sexuelle Nebenwirkungen können vor allem bei Menschen mit neuroendokrinen Erkrankungen, einem bereits bestehenden Testosteronmangel oder relevanten Arzneimittelinteraktionen auftreten. In seltenen Fällen berichten Betroffene sogar über einen Rückgang des sexuellen Verlangens oder eine Verschlechterung der erektilen Funktion. Solche Konstellationen erfordern eine sorgfältige und individuell abgestimmte Nutzen-Risiko-Abwägung.
Bei gesunden Männern ohne metabolische Grunderkrankungen zeigte sich hingegen kein relevanter Einfluss von GLP-1-Rezeptoragonisten auf die Libido oder die gonadalen Hormonspiegel. So blieben in einer 4-wöchigen Studie mit Dulaglutid sowohl das sexuelle Verlangen als auch die gemessenen Hormonparameter unverändert.
Begrenzte, aber aufschlussreiche Daten bei Frauen
Die Datenlage zur sexuellen Wirkung von GLP-1-basierten Therapien bei Frauen ist bislang deutlich schlechter. In einer
Veröffentlichung wurde der Fall einer 71-jährigen postmenopausalen Frau beschrieben, die nach Beginn einer Behandlung mit Liraglutid plötzlich eine vollständige Anorgasmie entwickelte. Hormonelle oder psychische Auffälligkeiten lagen nicht vor. Die Patientin berichtete vielmehr über einen ausgeprägten Verlust der klitoralen Sensibilität sowie der sexuellen Lust.
Als mögliche Ursachen diskutierten die Autoren sowohl periphere Mechanismen, etwa eine verminderte genitale Durchblutung, als auch zentrale Effekte durch eine Modulation von Dopamin- und Noradrenalin-Signalwegen in Hirnregionen, die für Belohnung und sexuelle Erregung relevant sind. Nichtmedikamentöse Maßnahmen und eine begleitende Sexualtherapie blieben unter Liraglutid wirkungslos, ebenso ein Wechsel auf Semaglutid. Erst nach der Umstellung auf Tirzepatid stellte sich die Orgasmusfähigkeit wieder ein, was auf mögliche substanzspezifische Effekte hindeutet.
Ein
weiterer Fallbericht beschreibt eine 36-jährige Frau mit Adipositas, die nach Beginn einer Therapie mit Tirzepatid über vermindertes sexuelles Verlangen, vaginale Trockenheit und Anorgasmie klagte. Nach dem Absetzen des Medikaments verschwanden die Beschwerden vollständig, traten jedoch bei erneuter Einnahme erneut auf. Auch hier spricht der enge zeitliche Zusammenhang klar für einen medikamentenbedingten Effekt. Therapeutisch kamen neben Sexualtherapie auch Lebensstiländerungen und unterstützende medikamentöse Maßnahmen zum Einsatz.
Die sexuelle Reaktion bei Frauen ist das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels aus Östrogen, Progesteron, Testosteron und psychosozialen Faktoren. Diese Vielschichtigkeit erschwert eine eindeutige Zuordnung sexueller Veränderungen zu einer einzelnen pharmakologischen Ursache. Entsprechend vorsichtig müssen Schlussfolgerungen aus Einzelfällen interpretiert werden.
Veränderungen im sozialen und sexuellen Verhalten
Neben den klinischen Studien finden sich in der Literatur auch Hinweise auf weitergehende, eher lebensweltliche Effekte von GLP-1-basierten Therapien. So ergab eine US-amerikanische
Umfrage unter rund 2.000 alleinstehenden Erwachsenen, dass 59% angaben, GLP-1-Medikamente hätten ihr Dating-Leben verändert. Mehr als die Hälfte, nämlich 52%, berichtete zudem über Veränderungen in ihrem Sexualleben. Innerhalb dieser Gruppe gaben 18% eine Zunahme des sexuellen Verlangens an, während 16 Prozent einen Rückgang empfanden. Männer berichteten dabei häufiger als Frauen über gesteigertes Selbstvertrauen und ein erhöhtes Gefühl von Attraktivität.
Fachleute mahnen jedoch zur Vorsicht bei der Interpretation solcher Ergebnisse. Die Umfrage basiert auf Selbstauskünften, unterscheidet nicht zwischen medizinischer und rein kosmetischer Anwendung der Medikamente und bildet vor allem subjektive Wahrnehmungen ab. Rückschlüsse auf gesicherte physiologische Effekte lassen sich daraus daher nur eingeschränkt ziehen.
Sexualanamnese als Teil der Therapie
Angesichts der wachsenden Hinweise auf mögliche sexuelle Effekte von GLP-1-RA empfehlen Experten, die sexuelle Gesundheit aktiv in die Betreuung von Patientinnen und Patienten einzubeziehen. Offene Gespräche über Libido, sexuelle Erregung und Zufriedenheit können dabei helfen, mögliche medikamentenbedingte Veränderungen von anderen Ursachen zu unterscheiden. Auf dieser Grundlage lassen sich gemeinsam fundierte Entscheidungen über die Fortführung, Anpassung oder gegebenenfalls auch Umstellung der Therapie mit GLP-1-RA treffen.
Dieser Beitrag ist im Original erschienen auf El Médico Interactivo, Teil des Medscape Professional Network.