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Herr Dr. Tusk, wie kamen Sie zur Sportmedizin?
Tusk: Zur Sportmedizin kam ich schon als Schüler. Während meines letzten Schuljahres vor dem Abitur hatte ich einen Skiunfall und kam mit Kreuzbandriss ins Krankenhaus. Dort fand ich spannend, was die mit mir gemacht haben. So bin ich eigentlich zur Medizin und zur Sport-Orthopädie gekommen. Auch während des Studiums habe ich mich sehr für die Sportmedizin interessiert, einfach weil ich selbst viel Sport gemacht habe. Gleitschirmfliegen wurde meine große Leidenschaft, und als mein Studium zu Ende ging und ich ein Thema für meine Doktorarbeit gebraucht habe, fiel mir auf, dass es noch keinerlei sportmedizinische Untersuchungen zu Gleitschirmfliegern gibt. Also habe ich meine Doktorarbeit über die sportmedizinischen Aspekte des Gleitschirmfliegens geschrieben und dadurch meinen Zugang zur Sportmedizin gefunden. Das Thema hat mich von früh an begeistert.
Sie waren lange Jahre als Mannschaftsarzt im Fußball tätig. Wie kamen Sie dazu?
Tusk: Ja, bis vor circa einem Jahr war ich mit einem Kollegen zusammen in der Frauenmannschaft von Eintracht Frankfurt tätig. Die sind damals vom FFC Frankfurt zur Eintracht fusioniert. Los ging es aber 2005 bei den Kickers Offenbach. Das ist als Frankfurter Arzt etwas schwierig, für Kickers Offenbach gearbeitet zu haben – ich weiß nicht, ob Sie das wissen...
Sie spielen auf die Rivalität zwischen den Fußballclubs aus Frankfurt und Offenbach an?
Tusk: Ja, genau. Die Kickers Offenbach sind damals in die zweite Bundesliga aufgestiegen und brauchten einen neuen Mannschaftsarzt. Und da hieß es dann ‚Der Tusk kann doch was‘. So kam ich zunächst zu Kickers Offenbach in der zweiten Bundesliga. Und da sich die Physiotherapeuten von der zweiten Bundesliga und der ersten Bundesliga Frauenfußball kannten, kam ich 2006 zur Frauenmannschaft des FFC Frankfurt. Der FFC Frankfurt war zu dieser Zeit der FC Bayern München des Frauenfußballs. Wir haben uns mit dem FFC Turbine Potsdam immer um den ersten Platz, also um die Deutsche Meisterschaft, geprügelt. So kam ich zum Frauenfußball. Mein Sohn dachte am Anfang, Fußball sei ein Frauensport, weil er mich oft zu Spielen begleitet hat und dort nur Frauen gespielt haben. Erst später hat er herausgefunden, dass durchaus auch Männer Fußball spielen.
Das klingt, als wäre damit ein Traum für Sie in Erfüllung gegangen
Tusk: Ich glaube, das ist der Traum jedes Sportmediziners, der eine Mannschaft oder einzelne Athleten betreut. Der Traum, einmal bei Olympia dabei zu sein, dem größten Sportfest der Welt. Für mich war es etwas Besonderes – und dass wir dort Gold geholt haben, gehört zu den Top-5-Erlebnissen meines Lebens. Wir sind dann mit dem Siegerflieger von der Lufthansa nach Hause gebracht worden, das war schon beeindruckend. Aber das ist natürlich nicht der Alltag und passiert nicht jedem Sportmediziner.
Und was muss ich anstellen, um dieses Glück zu haben? Muss ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein oder kann ich darauf hinarbeiten?
Tusk: Viele junge Kolleginnen und Kollegen möchten am liebsten direkt bei einem Fußballverein wie Eintracht Frankfurt anfangen. Aber das ist nicht der übliche Weg. Zuerst fängt man bei sich zu Hause im Verein an, um Erfahrungen zu sammeln – und das oftmals am Wochenende und ehrenamtlich. Viele Kollegen aus der Sportmedizin haben in ihrer Jugend schon Sport getrieben und dadurch einen persönlichen Bezug zur Sportart.
Wie sind die Verdienstmöglichkeiten als Mannschaftsarzt?
Tusk: Inzwischen legen die Vereine etwas mehr Wert auf die Sportmedizin. Teilweise werden die Kollegen heute direkt angestellt – das betrifft aber nur den Fußball. Bei allen anderen Sportarten macht man das ehrenamtlich, zum Spaß und als Hobby. Die Vereine sind froh, wenn sie sich die Spieler einigermaßen leisten können. Vielleicht wird mal eine kleine Vergütung ausgezahlt oder die Flugkosten werden übernommen, wenn es zu Wettkämpfen geht. Aber im Wesentlichen – vom Fußball abgesehen – ist der Job als Mannschaftsarzt eine Sache, die man aus Leidenschaft macht und weil man dem Sport verbunden ist.
Sie sind an der Klinik für Sport-Orthopädie in Frankfurt tätig. Behandeln Sie da auch Freizeitsportler oder kommen vorrangig Profis zu Ihnen?
Tusk: Meine Abteilung nennt sich Sportorthopädie und Endoprothetik und wir sind mittlerweile das größte Endoprothetikzentrum in Hessen. Ich würde schätzen, es sind zu 3/4 Amateure und zu 1/4 Profis, die zu uns kommen. Wir sind auf Knie und Hüfte spezialisiert, daher sehe ich sehr viele Profis mit Kniebeschwerden – beispielsweise frühere Fußballer, die jetzt ein neues Knie oder eine neue Hüfte brauchen.
Welchen Tipp haben Sie für junge Ärztinnen und Ärzte, die mit dem Gedanken spielen, die Zusatzweiterbildung Sportmedizin zu absolvieren: wer ist dafür geeignet und inwiefern lohnt es sich?
Tusk: Letztendlich kann jeder Sportmedizinerin oder Sportmediziner werden. Im Rahmen der Ausbildung lernen die Ärztinnen und Ärzte einmal alle Sportarten kennen. Das ist auch das Schöne an der sportmedizinischen Weiterbildung: Sie besteht zu 50 % aus Theorie und zu 50 % aus Praxis, damit man sich auch vorstellen kann, welche Belastungen eine Sportart mit sich bringt. Dazu gehören auch Bergsport, Wintersport, Wassersport, Mannschaftssport.
Wie ist der übliche Werdegang – wie werde ich Sportmedizinerin oder Sportmediziner?
Tusk: In Deutschland gibt es keinen Facharzt für Sportmedizin, sondern es handelt sich um eine Zusatzbezeichnung, die nur in Verbindung mit einem Facharzttitel erlangt werden kann. Dadurch ist die Sportmedizin breit gefächert. Ich bin beispielsweise Sportorthopäde, also Orthopäde mit Zusatzbezeichnung Sportmedizin, und damit für Verletzungen oder Überlastungsschäden zuständig.
Dann gibt es noch die Sportinternisten, die für die kardiopulmonale Fitness zuständig sind, und die ‚Exoten‘: Sportgynäkologen, Sportaugenärzte, Sportzahnärzte und so weiter. Zu solchen spezialisierten Kolleginnen und Kollegen schicken wir die Leute gerne. Geht es beispielsweise um Schwangerschaft und Sport, kann ein Sportgynäkologe einschätzen, inwieweit die Sportlerin noch trainieren darf. Aber im Wesentlichen sind es Orthopäden und Unfallchirurgen sowie Internisten, die die Zusatzbezeichnung Sportmedizin tragen.
Die Endoprothesen-Patienten werden immer jünger und haben einen hohen sportlichen Anspruch. Durch die Verbindung aus Sportorthopädie und Endoprothetik können die Patienten nach der Behandlung wieder Ski fahren oder laufen gehen oder sonst sportlich aktiv sein.
Dr. med. Ingo Tusk, Chefarzt der Klinik für Sportorthopädie und Endoprothetik, Frankfurter Rotkreuz-Kliniken e.V.
Wie sind die Verdienstmöglichkeiten in der Sportmedizin?
Tusk: Rein finanziell betrachtet bringt die Zusatzbezeichnung Sportmedizin nichts. Wer niedergelassen in der Praxis ist, kann bei einigen Krankenkassen einen Sportmedizin-Check-up abrechnen – aber um Geld geht es bei der Sportmedizin nicht, sondern um die Verbundenheit mit dem Sport.
Die Sportmedizin ist ein vergleichsweise junges Fach – welche Entwicklungen finden Sie hier besonders spannend?
Tusk: Spannende Entwicklungen gibt es zum Beispiel im Bereich der Leistungssteigerung durch gesunde Ernährung. Hier gibt es immer wieder neue Erkenntnisse. Heute kann man Athletinnen und Athleten den Rat geben ‚Wenn ihr euch richtig ernährt, könnt ihr 3 % Leistungssteigerung erzielen, ohne auch nur eine Runde im Fitnessstudio gedreht zu haben‘.
Ebenfalls spannend finde ich die Individualisierung des Trainings, gerade bei den Mannschaftssportarten. Das zyklusbasierte Training ist eines der Themen, bei denen sich viel tut und die jahrelang nicht im Vordergrund standen.
Dieser Beitrag erschien erstmals im Juli 2024.
Für viele Sportmediziner ein Traum
Einmal mit der Mannschaft Gold holen
Für Dr. med. Ingo Tusk ging dieser Traum in Erfüllung. Hier feiert er mit Saskia Bartusiak, der damaligen Kapitänin der Deutschen National-Elf im Frauenfußball, die Goldmedaille. Deutschland hatte im Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro bei den olympischen Spielen 2016 Gold geholt.
Einmal mit der Mannschaft olympisches Gold holen – für viele Sportmedizinerinnen und Sportmediziner ein Traum. Für den Sportorthopäden Dr. med. Ingo Tusk ging dieser Traum in Erfüllung. Im Interview gibt er uns einen Einblick in seine Tätigkeit als Sportmediziner.
19.02.2026Lesedauer: ca. 6 MinutenVon: Nathalie Haidlauf
In Deutschland gibt es keinen Facharzt für Sportmedizin, sondern es handelt sich um eine Zusatzbezeichnung, die nur in Verbindung mit einem Facharzttitel erlangt werden kann.