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Wenn man die Häufigkeit der Verletzungsart betrachtet, sind ein Drittel aller Verletzungen Muskelverletzungen, auch ein Viertel aller Trainingsausfälle sind auf Muskelverletzungen zurückzuführen. Die Inzidenz liegt bei 9 Verletzungen auf 1.000 Stunden Spielzeit.
Am häufigsten betroffen ist die ischiocrurale Muskulatur (Hamstrings), die Beuger an der Oberschenkelrückseite. Die zweithäufigste Gruppe der Muskelverletzungen betrifft die Adduktoren, vor allem den M. adductor longus. Das sind typische Verletzungen beim Fußball, besonders beim Schuss, wenn das Bein mit Kraft nach innen geführt wird. Diese Verletzungen sind häufig langwierig und können bis zur Sportaufgabe führen.
Beim Blick auf die Lokalisation kommen vor allem Verletzungen an den unteren Extremitäten vor. Dabei ist der Oberschenkel zu 25% betroffen, 15% betreffen das Kniegelenk, danach folgen Sprunggelenks- (ca. 13%), Unterschenkel- (11%) und Fußverletzungen (8%).
Kopfverletzungen, wie ein Nasenbeinbruch oder multiple Brüche im Gesicht und eine Gehirnerschütterung, sind gar nicht so selten und ernstzunehmende Verletzungen. Seltener sind Verletzungen an Hüfte, Schulter oder Ellenbogen.
Fußballer sind verletzungsanfällig, mit mindestens zwei Verletzungen pro Saison pro Spieler in der 1. und 2. Bundesliga. Fußball ist ein Kontaktsport, der mit Risiken verbunden ist.
Gibt es Unterschiede zwischen Profi- und Amateurbereich?
Behr: Im Freizeit- und Amateurbereich hat man noch häufiger Verletzungen als im Profibereich, und oft auch schwerere Verletzungen. Das liegt am weniger hohen Trainingszustand, Profis haben zudem bereits gute athletische Voraussetzungen. Auch bei der Behandlung gibt es enorme Unterschiede zwischen Profi- und Amateursport, etwa dadurch, dass die schnelle Diagnostik nicht vorhanden ist.
Das ärztliche Vorgehen im Falle einer Verletzung
Behr: Das kommt natürlich ganz auf die Verletzung an und lässt sich nicht pauschal beantworten. Vor allem im Profibereich zählt der Faktor Geschwindigkeit, da von vielen Seiten immenser Druck herrscht, damit der Spieler wieder einsatzbereit ist. Daher wird manchmal schneller operativ vorgegangen als bei Hobbyspielern, wo zunächst andere Methoden versucht werden können. Entscheidend sind aber immer die Diagnose und die Prognose.
Die Diagnosestellung ist im Profisport viel schneller, da ständig Ärzte und Physiotherapeuten nah am Team sind. Die erste Diagnose wird oft noch auf oder am Spielfeldrand gestellt. Daher besteht der Vorteil, dass die Verletzung direkt beobachtet werden kann. Im Amateurbereich gibt es meist eine längere Verzögerung, bis die Diagnose erfolgt und die genaue Entstehung der Verletzung bleibt unklar.
Im Profifußball gilt: Spitzensport trifft Spitzenmedizin.
Dr. med. Patric Behr, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Welche Möglichkeiten gibt es, Verletzungen vorzubeugen?
Behr: Im Präventionsbereich gibt es ebenfalls Unterschiede zwischen Hobby- und Profisport, wo individuell auf Verletzungsmuster und Vorverletzungen eingegangen wird. Es gibt aber gute Standardmodelle, z.B. FIFA-11+, ein Athletikprogramm speziell für den Fußball entwickelt. Insgesamt ist es so, dass Knieverletzungen zunehmen, Sprunggelenksverletzungen eher seltener werden. Es gibt ein spezielles Programm mit Blick auf Vorbeugung von Kreuzbandverletzungen, Stop X. Außerdem gibt es noch das Prevent injury and enhance performance Programm (PEP). All diese Programme sind öffentlich zugänglich und können auch im Amateurbereich genutzt werden, in dem häufig das Athletiktraining vernachlässigt wird.
Gab es wichtige sportmedizinische Entwicklungen in den vergangenen Jahren?
Behr: Im Profifußball trifft Spitzensport auf Spitzenmedizin. Es gibt viele Entwicklungen, so sind Kreuzbandoperationen viel besser geworden, man hat die Möglichkeit Knorpel regenerativ, konservativ und operativ zu behandeln. Auch in der schnelleren Diagnostik gibt es Entwicklungen, mit schnell verfügbarem MRT als Standard und Ultraschall am Spielfeldrand. Dadurch werden bessere Behandlungen ermöglicht. Man hat auch viel über Rehabilitation und Physiotherapie gelernt.
Doch auch bei schnelleren Rückkehrzeiten muss gesehen werden, dass es hohe Raten an erneuten oder wiederkehrende Verletzungen gibt. Die Behandlung hat also auch Schattenseiten, die dazu führen können, dass der Spieler langfristig nicht mehr in der Leistungsklasse spielen kann oder den Sport aufgeben muss.
Gibt es noch immer Verletzungen, die ein Karriereende bedeuten?
Behr: Schwer und häufig betroffen ist das (vordere) Kreuzband. Es bedeutet eine lange Ausfallzeit. Knieverletzungen sind im Fußball am dramatischsten, mit Blick auf häufigere Verletzungen. Seltener sind schwere Knochenbrüche, die auch ein Karriereaus bedeuten können. Gerade im Frauenfußball gibt es ein Problem mit Kreuzbandverletzungen.
Knieverletzungen sind beim Fußball am dramatischsten.
Dr. med. Patric Behr, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Gibt es Unterschiede zwischen Männer- und Frauenfußball mit Blick auf die Verletzungen?
Behr: Knieverletzungen sind bei Frauen noch häufiger als bei Männern. Das liegt an verschiedenen anatomischen Bedingungen, etwa einer instabileren Beinachse oder eines weniger stabilen Bandapparats. Auch in dieser Hinsicht wurde das Stop X-Programm entwickelt.
Haben sich Verletzungsmuster im Vergleich zu vorherigen Jahrzehnten verändert?
Behr: Am Beispiel von Lamine Yamal zeigt sich, wie weit der Profisport in den Jugendsport hineinreicht. Mit dem 17. Lebensjahr kann man Profi werden. Bei heranwachsenden Jugendlichen sieht man andere Verletzungsmuster als bei Erwachsenen, etwa durch Überlastungsschäden an den Wachstumsfugen. Das verschiebt sich etwas, da der Profisport immer jünger wird.
Dieser Beitrag wurde erstmals im Juni 2024 veröffentlicht.
Fußball ist ein verletzungsanfälliger Sport und Muskelverletzungen spielen dabei eine dominante Rolle. Sportmediziner Dr. med. Patric Behr hat uns die wichtigsten Fakten und sportmedizinischen Erkenntnisse rund um Verletzungen beim Amateur- und Profi-Fußball erläutert.
19.02.2026Lesedauer: ca. 4 MinutenVon: Christoph Renninger
Beim Blick auf die Lokalisation kommen beim Fußball vor allem Verletzungen an den unteren Extremitäten vor.