Autoimmun vs. Autoinflammatorisch
„Die Autoinflammation beschreibt eigentlich Entzündungsprozesse im Körper, die unabhängig von den B- und von den T-Zellen ablaufen“, erklärt Prof. Dr. Martin Krusche (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf) anlässlich des Deutschen Rheumatologiekongresses 2025. Damit unterscheiden sie sich grundlegend von überschießenden Autoimmunreaktionen, die T-Zellen gebunden sind. Autoinflammation bezeichnet überwiegend durch Dysregulation des angeborenen Immunsystems verursachte Entzündungsprozesse. Diese können systemisch auftreten (z. B. Fieber, Fatigue) oder gezielt einzelne Organsysteme wie Gelenke, Haut oder das Nervensystem betreffen.
Mittelmeerfieber
Ein klassisches Beispiel ist das genetisch determinierte familiäre Mittelmeerfieber (Fieberschübe kombiniert mit Bauch-, Brust- oder Gelenkschmerzen). An diesem Krankheitsbild zeigt sich auch die massive Unterdiagnostik autoinflammatorischer Erkrankungen. „In Deutschland beträgt die Diagnose-Latenz je nach Herkunft der Patienten noch immer sieben bis zwölf Jahre“, belegt Krusche mit eigenen Erhebungen. Heute sind mehr als 50 genetische Veränderungen bekannt, die autoinflammatorische Prozesse auslösen können. Entscheidend sei, so Krusche, dass die Diagnose nur an spezialisierten Zentren und anhand genetischer Analysen erfolgen kann. Der Eindruck, dass diese Krankheitsbilder derzeit stark zunehmen, sei jedoch falsch: „Ursächlich ist vielmehr die aktuell wesentlich verbesserte Diagnostik.“
Mehr als nur Erbkrankheiten
Autoinflammation ist nicht ausschließlich genetisch bedingt. Auch erworbene Erkrankungen wie die Gicht können das Syndrom triggern. Zudem manifestieren sich manche Krankheitsbilder erst im Erwachsenenalter. Ein aktuelles Beispiel ist das erst vor wenigen Jahren beschriebene VEXAS-Syndrom, das vorwiegend ältere Männer betrifft. Ursache ist eine UBA1-Mutation, die zu einer übermäßigen Aktivierung der Entzündungsreaktion führt. Klinisch zeigen sich rezidivierendes Fieber, Gelenkschmerzen, Hautausschläge, Entzündungen von Nase und Ohr sowie Kurzatmigkeit bei trockenem Husten. Aber auch hämatologische Veränderungen (z. B. makrozytäre Anämie) sind krankheitstypisch.
Bedeutung für Volkskrankheiten
Viele von der Autoinflammation betroffene Patienten zeigen zwar klassische Symptome wie Gelenkschmerzen und Entzündungen. Sie werden aber oft fälschlich als seronegative rheumatoide Arthritis diagnostiziert. Neue Studien weisen darauf hin, dass autoinflammatorische Prozesse auch bei weitverbreiteten Erkrankungen wie Arteriosklerose oder neurodegenerativen Leiden (z. B. Alzheimer) eine Rolle spielen. “Chronisch entzündliche Darmerkrankungen bewegen sich in den pathophysiologischen Prozessen zwischen Autoimmunität und Autoinflammation. Es gibt in diesem Bereich große Überschneidungen“, gibt Krusche zu bedenken. Medikamente, die ursprünglich für seltene rheumatologische Erkrankungen entwickelt wurden, könnten daher künftig auch für Volkskrankheiten von Bedeutung sein. Dazu zählen Interleukin-1-Blocker sowie neue Substanzen, die gezielt das NLRP3-Inflammasom hemmen.
Innovative Therapieansätze
Interleukin-1-Blocker haben sich bereits in Studien bei Autoinflammationssyndromen bewährt. „Nun werden sie auch bei Gefäß- und Nervenerkrankungen getestet“, berichtet Krusche. Parallel dazu rücken NLRP3-Hemmer in den Fokus. „Das Potenzial ist enorm: Erkenntnisse aus der Erforschung seltener Krankheiten werden plötzlich für ein viel breiteres Patientenspektrum relevant“, so Krusche. In diesem Zusammenhang sei auch an ME/CFS (chronisches Erschöpfungssyndrom) zu denken, bei dem ein autoinflammatorischer Mechanismus diskutiert wird.
Neuer Blickwinkel
Das Verständnis autoinflammatorischer Prozesse verändert die Medizin grundlegend. Lange galten sie als Ursache seltener Erkrankungen – inzwischen zeigt sich, dass sie auch bei Volkskrankheiten eine wichtige Rolle spielen. „Die zukünftige Forschung wird sich darauf konzentrieren, gemeinsame Entzündungswege in verschiedenen Krankheitsgruppen aufzuspüren“, fasst Krusche zusammen.
Dr. med. Horst Gross
Dr. med. Horst Gross ist Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin. Er studierte Publizistik und Medizin und kam so zu seiner Nebentätigkeit als schreibender Arzt.