Praktische Tipps für mehr Wir-Gefühl im klinischen Alltag
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Zum Ende des Jahres veranstaltet coliquio regelmäßig eine besondere Fortbildungsreihe: das MentalSPEZIAL. In der aktuellen Folge ging es um das Thema Teamentwicklung in der ärztlichen Praxis. Von Dr. med. Nicola Fritz moderiert, sprachen Prof. Dr. Felix Brodbeck und Diplom-Kauffrau Ulrike Ploder über die psychologische Theorie hinter der Arbeit im Team und gaben praktische Tipps, wie trotz des anspruchsvollen Arbeitsalltags ein starkes Praxisteam entstehen kann.
Die Theorie: Wie bildet sich ein Team?
Kleine wie große Teams müssen sich im Praxisalltag aufeinander verlassen können, wobei Faktoren wie Altersunterschiede, verschiedene Kenntnisstände, Zeitmangel, bürokratischer Aufwand sowie Ansprüche der Patientinnen und Patienten das Zusammenspiel manchmal erschweren – so der Einstieg von Dr. Fritz in die Fortbildung. Kommt Ihnen das bekannt vor? Umso wichtiger, sich mit den Themen Teambuilding und Führungskompetenz auseinanderzusetzen, damit es allen Beteiligten gut geht.
Prof. Brodbeck gab zunächst einen Überblick über die theoretischen Grundlagen der Teamentwicklung. Damit gemeinsames Handeln stattfindet, haben Menschen ein Faible für sozial geteilte Kognitionen entwickelt, nämlich:
Normen: Geteilte Erwartungen an alle Gruppenmitglieder, die Orientierung bieten.
Rollen: Erwartungen, die mit einer bestimmten Position in der Gruppe einhergehen.
Status: Bestimmt die Position einer Person in Relation zu den Positionen der anderen.
Führung: Richtung geben durch soziale Einflussnahme auf andere.
Was genau es mit den jeweiligen Bereichen auf sich hat und weshalb Nicht-Führen die schlimmste Art des Führens ist, erklärte Prof. Brodbeck ausführlich.
Psychologische Sicherheit als Grundbaustein
Um beim Thema Führung zu bleiben, ging der Forscher genauer auf die Modelle „shared leadership“ (Geteiltes Führen) und „leadership clarity“ (Klares Führen) ein – beide von großer Relevanz für die ärztliche Praxis.
Teams, so Prof. Brodbeck, sind nicht einfach nur eine Gruppe. Sie dienen auch als Ressource für ihre Mitglieder. Denn evolutionär bedingt biete allein die Zugehörigkeit zu einer Gruppe ein Gefühl von Sicherheit. Trauen sich Menschen, Risiken ohne Angst vor negativen Folgen einzugehen, entsteht solch eine psychologische Sicherheit. Diese ist in hohem Maße wichtig für die Arbeit im Team. Empirische Studien zeigten, dass eine entsprechende Teamkultur zu mehr Leistung, Motivation und Kreativität bei den Mitgliedern führt.
Im weiteren Verlauf seines Vortrags sprach Prof. Brodbeck auch über die Phasen, die ein Team während der Entwicklung durchläuft. Die Gruppenmitglieder klären dabei wiederholt Rollen, Normen und Status, zum Beispiel, wenn neue Mitarbeitende oder externe Probleme hinzukommen. Sprechen alle die Strategien und Prozesse offen an, besteht bereits ein hohes Maß an Teamreflexivität – Voraussetzung dafür sei aber die bereits erwähnte psychologische Sicherheit, schloss Prof. Brodbeck den Bogen.
Von der Theorie in die Praxis: Fragen an sich selbst
Um die Theorie in die Praxis zu übersetzen, sprach die unter anderem als Teamcoach tätige Dipl.-Kffr. Ulrike Ploder über konkrete Schritte, die Ärztinnen und Ärzte umsetzen können.
"Die Stimmung am Empfang beeinflusst das ganze System."
Dipl.-Kffr. Ulrike Ploder, Systemischer Coach, Organisationsentwicklerin und Systemische Beraterin
Wenn die Stimmung im Team gut ist, überträgt sich das auf die Patientinnen und Patienten – und umgekehrt eben auch, hielt Dipl.-Kffr. Ploder fest. Ursächlich dafür sind mitunter die von Prof. Brodbeck und Dr. Fritz angesprochenen Faktoren wie eine unklare Rollenverteilung, unzureichende Führung, Zeitmangel und permanente Veränderungen im System. Eine gute Teamkultur entsteht dabei nicht von selbst, sondern muss durch einzelne kleine Schritte gestaltet werden. Dafür warf Dipl.-Kffr. Ploder einige Fragen in den Raum, die ärztliche Führungskräfte einmal für sich überprüfen können:
Dürfen Teammitglieder in der Praxis Fragen stellen, ohne abgewertet zu werden?
Darf man anderer Meinung sein, ohne dass es Konsequenzen hat?
Werden Fehler im Team ohne Angst vor Schuldzuweisung angesprochen?
Werden Fähigkeiten und Talente der Teammitglieder anerkannt?
Oder kurz gesagt: Wie hoch ist das Maß an psychologischer Sicherheit?
Konkrete Sofort-Maßnahmen für die Praxis
Doch wie lässt sich überhaupt feststellen, ob psychologische Sicherheit besteht und wie kann ein Praxisteam diese herstellen? Dafür stellte die Vortragende das Common Ground-Modell vor, das wie eine Pyramide aufgebaut ist (siehe Abb. 1). Auf der untersten Ebene befinden sich dabei die Beziehungen und die Zusammenarbeit. Wie ausgeprägt diese sind, lässt sich anhand einer Skala bewerten, mit der das Team verschiedene Aspekte einschätzen kann. Gemeinsam lässt sich dann erarbeiten, was benötigt wird, um die Skalenwerte zu erhöhen und weitere Stufen auf der Pyramide zu erklimmen.
Abb. 1: Das Common Ground-Modell: Basis sind gute Beziehungen
Dipl.-Kffr. Ploder sprach außerdem über Do’s und Don’ts der Kommunikation in der Praxis. Statt zum Beispiel nach dem „Warum?“ eines Problems zu fragen, ist es hilfreicher, nach der Motivation oder der Absicht einer Person zu fragen.
Abschließend gab sie 6 sofort umsetzbare Tipps für die Praxis, 2 davon lauteten:
Täglich Rollen klären: Wer ist wofür verantwortlich?
Wochen-Check-Out: Was lief diese Woche gut?
Fazit: Realistisches Teambuilding braucht nicht viel Zeit
Sich zusätzlich zu den täglich anfallenden Aufgaben und zur Patientinnen- und Patientenzufriedenheit auch noch um eine gute Teamkultur zu bemühen, klingt zunächst nach sehr viel zusätzlicher Arbeit. Dipl.-Kffr. Ploder fasste daher in der abschließenden Diskussion zusammen, dass es bereits hilfreich sei, jeden Tag an einer kleinen Verhaltensstellschraube zu drehen. Größere Interventionen wie ein Team-Tag, an dem zum Beispiel das Common Ground-Modell angewendet wird, würden ungefähr einmal in einem halben Jahr ausreichen.
Zuletzt gingen die Vortragenden auf die konkreten Fragen der an der Fortbildung teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte ein – zum Beispiel, was zu tun ist, wenn eine medizinische Fachangestellte ständig ihre privaten Probleme mit in die Praxis bringt oder wenn ältere männliche Ärzte auf eine jüngere weibliche Ärztin herabschauen. Den Beitrag zu den Fragen und Antworten können Sie hier nachlesen.
Praktische Tipps für mehr Wir-Gefühl im klinischen Alltag
Ein Team, das sich gegenseitig stärkt und zusammenhält, ist eine wichtige Ressource im Chaos des Praxisalltags. Bei der jährlichen MentalSPEZIAL-Fortbildung ging es diesmal um die Theorie und Praxis von Teambuilding – inklusive sofort umsetzbarer Tipps.1
20.01.2026Lesedauer: ca. 4 MinutenVon: Carolin Hellerich