Perspektive

Zulassen, Loslassen, Seinlassen – wie geht das konkret?

Zum Thema Akzeptanz gibt es unzählige Tipps und Tricks: eine ganze Ratgeberliteratur. Doch was hat es mit diesem so oft erwähnten Phänomen auf sich? Barbara Leu und Fabian Kraxner wagen den Versuch einer Erklärung.

10.09.2026Lesedauer: ca. 4 MinutenVon: Fabian Kraxner und Barbara Leu
Loslassen, zulassen, seinlassen - wie gelingt es?

Wer einen großen Verlust erfährt, empfindet gutgemeinte Ratschläge oft als Zurückweisung.

© Getty Images | gorodenkoff

„Du musst nun endlich einfach loslassen!“ Solche Sätze hören Menschen, die einen schweren Verlust erlitten haben, allzu oft. Gerade nach einem Todesfall können solche gut gemeinten Ratschläge sehr schmerzhaft sein. Trauernde fühlen sich dadurch oft zurückgewiesen und unverstanden.
Bei Verlusten kann es darum gehen, einen geliebten Menschen nicht mehr um sich zu haben – sei es durch Tod oder durch Trennung. Ein Verlust kann auch darin bestehen, ein geliebtes Tier nicht mehr in der Nähe haben zu können. Diese Art von Verlust gilt es nicht zu unterschätzen, spenden doch Tiere Menschen Geborgenheit und Halt und schützen vor Einsamkeit. Besonders schmerzlich ist auch der Verlust von Arbeitsplatz oder Wohnung. Ebenfalls kann es darum gehen, den Verlust von Kräften und Fähigkeiten – zum Beispiel durch eine schwere Erkrankung – erfahren zu müssen. 

Muss man tatsächlich loslassen?

Wenn das „Loslassen“ von etwas, das einem wertvoll war, gelingt, umso besser. Häufig ist jedoch die Erfahrung die, dass es zuerst einmal darum geht, zu erkennen oder anzuerkennen, dass etwas Wichtiges in unserem Leben verloren gegangen ist, dass etwas im Leben geschehen ist und es nie mehr so sein wird, wie es war, dass eine „neue Realität“ gestaltet werden muss. Dabei geht es generell darum, anzuerkennen, dass manche Dinge schiefgehen können im Leben, dass das Leben grausam sein kann – letztlich um das Anerkennen, dass wir nicht perfekt sind.

Anerkennung als Voraussetzung zum Zulassen

Durch eine schwere psychische Erkrankung (Depressionen, Angsterkrankungen, Persönlichkeitsstörungen) oder eine nicht mehr zur Heilung führende schwere Erkrankung (z. B. Krebserkrankung) bzw. Einschränkung kommen solche Fragen ins Zentrum, sowohl bei den Betroffenen als auch bei deren Angehörigen. Da stehen viele Unsicherheiten im Raum zum Umgang mit den schmerzlichen Prozessen, dass ich als Mensch nicht mehr so „funktioniere“, wie bisher. 
Eine Patientin meinte kürzlich, das fühle sich an wie der schmerzlichste Liebeskummer. Es geht zudem um Fragen, wie ein Weiterleben mit Verlust von Autonomie und Selbstwirksamkeit objektiv und subjektiv möglich ist. Für die Angehörigen sind diese Prozesse ebenfalls schmerzlich, da sie sich oft ohnmächtig fühlen angesichts der fortschreitenden Erkrankung der Patientin oder des Patienten und einer ungewissen Zukunft. In unserer westlichen Gesellschaft mit Leistungs- und Erfolgsorientierung haben Verletzlichkeit, Schwäche sowie Imperfektion wenig Platz.

Zulassen

Zulassen, dass es so ist, wie es ist, zulassen, dass sich Dinge im Leben von einer Sekunde oder Minute auf die andere komplett verändern können – dabei können vielfältige Emotionen aufkommen. Es geht auch ums Zulassen, dass man als Betroffene wie auch Angehörige „unangenehm“ sein darf und soll. Letztlich geht es darum, zuzulassen, dass die Dinge so sind, wie sie sind.

Seinlassen

In einem weiteren Schritt könnte man dazu übergehen, die Dinge „sein zu lassen“, also in ihrem So-Sein zu lassen – und zwar ohne Bewertung und Beurteilung. Dabei geht es darum, die Dinge phänomenologisch zu benennen, wie sie sind. Vielleicht gelingt es in einem längeren Prozess dann auch, Dinge und Menschen zu akzeptieren, wie sie sind. Das reduziert inneren und äußeren Stress.

Seinlassen durch Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT)

Die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) geht auf den US-amerikanischen Psychologen Steven C. Hayes zurück und wurde in zahlreichen Publikationen weiterentwickelt. Sie führt aus, dass Leiden zum Leben gehört. Es entsteht sogar vielfach dadurch, dass man versucht, es zu kontrollieren und zu beseitigen – und dabei viel Energie verbraucht. Diese Energie kann in Akzeptanz umgeleitet werden.

Existenzielle Haltung

Neben der Akzeptanz- und Commitmenttherapie unterstützt und reduziert Stress auch eine Haltung, die hier "existenzielle Haltung" genannt werden soll. Sie basiert auf den französischen Existenzialphilosophen Jean-Paul Sartre und Albert Camus einerseits, der existenziellen Haltung des US-amerikanischen Psychiaters Irvin D. Yalom und der durch den österreichischen Mediziner und Psychotherapeuten Alfried Längle begründeten Personalen Existenzanalyse anderseits. Es geht dabei um die Akzeptanz der menschlichen Situation – der „condition humaine“ mit allem Schönen und allem Leiden, die diese beinhaltet. Damit einher geht auch, ein Gespür dafür zu entwickeln, wie es mir mit der Situation geht und eine Haltung zu entwickeln, um handlungsfähig und letztlich wieder selbstwirksam zu werden, das heißt, die Regie und Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Diese Selbstwirksamkeit ist für die psychische Gesundheit von zentraler Bedeutung.

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