Vergessene Stimmen

Warum Angehörige in der Psychiatrie mehr Gehör brauchen

Psychische Erkrankungen sind selten ein individuelles Phänomen. Denn meistens ist das Umfeld mitbetroffen, insbesondere die Angehörigen. Diese begleiten die Betroffenen oft über Jahre hinweg in Krisen, leisten Unterstützung und stoßen gleichzeitig selber an ihre Grenzen. Doch im Klinikalltag bleiben sie zu häufig außen vor.

10.10.2025Lesedauer: ca. 1 MinuteAutoren: Maria Senatore-Thomet, Dr. Fabian Kraxner
Psychiatrie: die vergessenen Stimmen der Angehörigen

Angehörige können helfen, Rückfälle früh zu erkennen, Sicherheit zu geben und tragfähige Lösungen mitzutragen

© Getty Images | Galina Zhigalova

Vergessene Stimmen

Angehörige sind die Ersten, die Veränderungen im Verhalten ihrer nahestehenden Menschen bemerken. Sie begleiten psychische Krisen oft über Jahre, manchmal Jahrzehnte, und leisten immense emotionale, organisatorische und nicht selten auch finanzielle Unterstützung. Und doch erleben sie sich in der psychiatrischen Versorgung wiederholt als ignoriert, abgewiesen oder mit allgemeinen Floskeln vertröstet.

Angehörige sind Teil der Lösung

Angehörige kennen nicht nur den Alltag der Betroffenen, sondern auch deren Ressourcen, Ängste und Rückzugsmuster. Sie können helfen, Rückfälle früh zu erkennen, Sicherheit zu geben und tragfähige Lösungen mitzutragen. Ihr Wissen und ihre Erfahrung sind ein Schatz, der in vielen psychiatrischen Behandlungen ungenutzt bleibt.

Nach der Klinik beginnt der Alltag – aber oft allein

Psychiatrie endet nicht an der Kliniktür – und genau das beschäftigt besonders: Die professionelle Hilfe endet häufig mit der Entlassung. Das Kliniksystem ist auf akute Krisen ausgerichtet – aber das eigentliche Leben beginnt danach. Und genau dort sind Angehörige und Familien oft auf sich allein gestellt. Das ist nicht nur menschlich schwierig, sondern birgt auch Risiken für Rückfälle, Überforderung und chronische Belastungen.

Was es konkret braucht

Eine längerfristige Begleitung – idealerweise systemisch angelegt – würde Angehörige enorm entlasten. Dazu gehören konkret:
•    Aufsuchende Nachsorge durch Experten durch Erfahrung, sogenannten Peers, die auch das Familiensystem miteinbezieht
•    Angebote für Kinder psychisch erkrankter Eltern
•    Regelmäßige Gespräche mit Angehörigen durch Peers – nicht als Ausnahme, sondern als Standard und längerfristig

Proaktiv statt reaktiv

Es braucht einen Kulturwandel. Psychiatrische Teams sollten Angehörige nicht als zeitaufwändige Belastung sehen, sondern als potenzielle Partner. Wir wünschen uns eine Psychiatrie, die nicht nur individualisiert behandelt, sondern auch systemisch denkt – eine Psychiatrie, in der Angehörige nicht erst dann gefragt werden, wenn alles eskaliert ist.
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Maria Senatore-Thomet
Autorin
ausgebildete Angehörigenbegleiterin
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Dr. Fabian Kraxner
Autor
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

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