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Psychische Gesundheit: 15 Mythen im Check

Psychische Erkrankungen sind heute kein Tabuthema mehr – dabei kursieren einige irreführende Behauptungen. Psychiater Fabian Kraxner führt uns durch 15 Mythen und prüft, wie belastbar diese sind.

21.05.2026Lesedauer: ca. 5 MinutenVon: Fabian Kraxner | Redaktion: Nathalie Haidlauf
Psychische Gesundheit: 15 Mythen im Check

Musik, Bewegung, gesunde Ernährung –  was hilft nachweislich dabei, mentale Stärke aufzubauen? 

© Getty Images | Halfpoint Images

Psychische Störungen haben sich in Deutschland längst zu einer zentralen Volkskrankheit entwickelt. Wie aktuelle Erhebungen zeigen, sind jährlich fast 28 Prozent der Erwachsenen von einer psychischen Erkrankung betroffen. Gleichzeitig leben Schätzungen zufolge rund ein Fünftel aller Kinder und Jugendlichen mit einer psychischen Erkrankung. Zu den häufigsten Diagnosen in dieser Altersgruppe zählen Ängste, ADHS, Lernstörungen, Depressionen sowie Sucht- und Essstörungen. Eine Auswertung des Statistischen Bundesamtes verdeutlicht die gravierenden Folgen für die Betroffenen: Bei den 10- bis 19-Jährigen sind psychische Erkrankungen mittlerweile die häufigste Ursache für stationäre Krankenhausaufenthalte. Angesichts dieser alarmierenden Zahlen wächst das gesellschaftliche Bewusstsein, doch gleichzeitig kursieren nach wie vor unzählige Mythen, Vorurteile und Halbwahrheiten rund um das Thema mentale Gesundheit. Fabian Kraxner, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie im Kanton Zürich, prüft 15 weitverbreitete Thesen auf ihren Wahrheitsgehalt.

15 Mythen im Faktencheck

1. Einmal psychisch krank – immer psychisch krank 

Nein, so pauschal lässt sich das nicht sagen. Viele psychisch Erkrankte werden wieder vollständig gesund. Sie achten stärker darauf, was ihnen guttut und was nicht und lernen, wie sich mentale Widerstandskraft aufbauen lässt. Entscheidend ist, dass psychische Erkrankungen ernst genommen und frühzeitig therapiert werden. Aus soziopsychologischer Sicht ist außerdem nützlich zu wissen: Menschen reagieren empathischer und hilfsbereiter, wenn sie wissen, dass die gesundheitliche Krise eines Mitmenschen vorübergehend ist. Und dieses Verständnis hilft wiederum den Betroffenen selbst. 

2. Ein optimistisches Gemüt und soziale Einbindung verlängern das Leben

Erfreulicherweise ja. Wer optimistisch durchs Leben geht, ist motivierter und gelassener, was das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senkt. Ein stabiles soziales Umfeld stärkt zudem das Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit. Tiefgehende zwischenmenschliche Beziehungen fördern das Lachen und die Lebensfreude, was wie ein natürlicher Booster für unser Immunsystem wirkt. Ebenso sinkt das Risiko für stressbedingte Erkrankungen.

3. Stress schadet der Psyche 

Jein, ganz so simpel ist es nicht. Stress hat nicht nur negative Seiten – die Dosis ist entscheidend. Ein anstehendes Projekt, ein erstes Date oder ein sportlicher Wettkampf können Vorfreude und Motivation wecken. Dieser kurzzeitige „Eustress“ (positiver Stress) treibt uns zu Höchstleistungen an. Gefährlich wird es erst bei Dauerstress, dem sogenannten „Distress“. Er fördert Erschöpfung, Frust und Ängste. Ein gesundes Stressmanagement besteht also darin, Eustress zu nutzen und Distress zu minimieren.

4. Lachen ist ein Workout für die Seele 

Das stimmt voll und ganz. Lachen hat erwiesenermaßen einen enormen gesundheitlichen Nutzen: Es baut Ängste, Ärger und Stress ab, verbindet Menschen, schüttet Glückshormone aus und steigert die geistige Fitness. Diese positive Grundhaltung fördert unsere psychische Widerstandskraft, also unsere Resilienz. Die wahren Meister darin sind übrigens Kinder, die bis zu 400-mal am Tag lachen. Erwachsene kommen im Schnitt nur noch auf 20-mal. Hier können wir uns an Kindern ein Beispiel nehmen. 

5. Weinen ist eine zusätzliche Belastung

Nein, das Gegenteil ist der Fall. Weinen wirkt stark entlastend. Durch die Tränen werden Stresshormone abgebaut, während sich Atmung und Puls wieder beruhigen. Zudem schüttet der Körper beim Weinen Oxytocin und Endorphine aus – Botenstoffe, die die Stimmung aufhellen und das Wohlbefinden steigern.

6. Krisen bieten Chancen zur persönlichen Weiterentwicklung

Das stimmt. Wer psychische Hürden meistert, erlebt oft ein starkes persönliches Wachstum und gewinnt tiefe Einsichten. Prioritäten ordnen sich neu, das Selbstbewusstsein und die eigene Reflexionsfähigkeit werden neu definiert. Das Überwinden einer Krise kann Perspektiven eröffnen, die das Leben langfristig bereichern und künftige Krisen leichter bewältigen lassen.

7. Psychische Erkrankungen sind reine Veranlagung 

So einfach ist es nicht. Die genetische Prädisposition spielt eine Rolle, ist jedoch in der Regel nicht der ausschlaggebende Faktor. Das individuelle Zusammenspiel zwischen Veranlagung und Umweltfaktoren sowie den individuellen Bewältigungsmechanismen ist entscheidend dafür, ob und wie eine Erkrankung entsteht. 

8. Sport ist genauso effektiv wie Antidepressiva oder Psychotherapie

Ja, hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Intensive Sportprogramme können eine vergleichbar hohe Effektivität wie Psychotherapie oder die Einnahme von Antidepressiva aufweisen. Verschiedene aktuelle Studien deuten darauf hin, dass Sport als Stimmungsaufheller wirkt. Sie haben dazu geführt, dass Bewegungsinterventionen heute als Teil der Depressionsbehandlung empfohlen werden. 

9. Social Media am Abend ist harmlos

Nein. Untersuchungen zeigen: Wer abends in sozialen Netzwerken unterwegs ist, ist häufiger von Schlaflosigkeit, wiederholtem Aufwachen und Tagesmüdigkeit betroffen. Die Gründe sind vielschichtig. Nicht nur die erhöhte Blaulicht-Exposition und die Hirnüberstimulation durch die Informationsfülle stören den Schlaf. Das Scrollen durch soziale Netzwerke begünstigt außerdem übermäßige Vergleiche mit anderen, was das eigene Selbstwertgefühl in der Folge häufig senkt. Für die meisten Menschen gilt: Wer sich häufig vergleicht, verliert an Selbstwert. 

10. Tanzen ist Kraftfutter für Gehirn und Körper

Tanzen bündelt drei verschiedene gesundheitliche Vorteile: Es ist eine effektive Kombination aus Musik, Bewegung und sozialem Miteinander. Auf diese Weise fördert Tanzen die Bildung neuer Nervenzellen bis ins hohe Alter. Auf diese Weise kann das Demenzrisiko gesenkt oder das Fortschreiten einer Demenz verlangsamt werden. 

11. Omega-3-Fettsäuren verbessern die Gehirnleistung 

Richtig. Als sogenanntes „Brainfood“ unterstützen Omega-3-Fettsäuren die optimale Funktion des Gehirns. Enthalten sind sie unter anderem in Nüssen, Rapsöl, Fisch, Algen, Soja und Leinsamen. Generell spielt eine ausgewogene Ernährung – reich an Mineralstoffen, Vitaminen, Probiotika, mit wenig Zucker und ausreichend Flüssigkeit – eine tragende Rolle für unsere psychische Gesundheit.

12. Ausreichend Wasser trinken ist gut für das Gehirn

Korrekt. Wasser ist essenziell für die Durchblutung des Gehirns und stellt sicher, dass es mit genügend Nährstoffen und Sauerstoff versorgt wird. Wer genug trinkt, profitiert nicht nur von einer besseren Gedächtnis-, Lern- und Konzentrationsleistung. Auch die eigene Fähigkeit, mit Stress umzugehen, verbessert sich. 

13. Der Klimawandel beeinträchtigt die mentale Gesundheit 

Ja, hier gibt es einen Zusammenhang. Hohe Temperaturen beeinträchtigen die Schlafqualität und bergen Risiken für die psychische Gesundheit. Statistiken zeigen, dass an heißen Tagen mehr Kriminalität und Gewalt verzeichnet werden. Auch Umweltkatastrophen, allgemeine Unsicherheit und die sogenannte Klimaangst („Eco-Anxiety“) wirken sich spürbar auf unser Verhalten und unsere Stimmung aus.

14. Haustiere sind gut für die Seele 

Da ist was dran. Tiere haben auf viele Menschen eine beruhigende und entschleunigende Wirkung. Sie fördern das emotionale Wohlbefinden und damit die psychische Gesundheit. Insbesondere bei depressiven Symptomen und Unruhezuständen können tiergestützte Therapien sinnvoll sein. 

15. Was dem einen hilft, hilft auch dem anderen

Ganz klares Nein. Unsere psychische Gesundheit ist so einzigartig wie ein Fingerabdruck. Was dem einen guttut, kann beim nächsten völlig ins Leere laufen. Deshalb lautet die wichtigste Empfehlung für Fachpersonen und Patientinnen und Patienten gleichermaßen: Der Blick muss immer auf die persönlichen Erfahrungen, Bedürfnisse und Lebensumstände gerichtet sein, um passende Präventionsmaßnahmen und Therapieansätze zu finden.

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