In den vergangenen Jahren hat sich die wissenschaftliche Evidenz deutlich verdichtet. Zahlreiche Studien zeigen, dass regelmäßiges Gehen bei wiederkehrenden Lumbalgien helfen kann. Allerdings ist Gehen nicht für alle Patienten gleichermaßen geeignet, und in bestimmten Situationen kann es die Beschwerden sogar verstärken. Ein Blick in die Literatur.
Gehen zur Vorbeugung von Kreuzschmerz-Rezidiven
Die WalkBack-Studie, veröffentlicht in
The Lancet, untersuchte ein individualisiertes, schrittweise gesteigertes Gehprogramm bei Erwachsenen, die sich gerade von einer Episode unspezifischer Kreuzschmerzen erholt hatten. Die Intervention war bewusst praxisnah angelegt: Ziel war eine progressive Steigerung auf mehrere Geheinheiten pro Woche, häufig orientiert an einem in der Literatur genannten Richtwert von etwa 130 Minuten wöchentlich. Ergänzend erhielten die Teilnehmer Schulungen, um Strategien zum Selbstmanagement zu entwickeln.
Die Ergebnisse waren klinisch relevant: Teilnehmer des Gehprogramms erlitten seltener erneut eine funktionseinschränkende Lumbalgie. Zudem verlängerte sich der Zeitraum bis zu einem neuen Schmerzereignis deutlich. Auch erwies sich das Programm als kosteneffektiv.
Für die Praxis wichtig bleibt jedoch der Blick auf mögliche Nebenwirkungen: Insgesamt war die Zahl unerwünschter Ereignisse in beiden Gruppen ähnlich, im Geh-Arm traten jedoch häufiger Beschwerden der unteren Extremitäten auf. Das spricht dafür, dass die Belastung von Fuß über Sprunggelenk und Knie bis zur Hüfte insbesondere bei Patienten mit fragiler Biomechanik problematisch sein kann.
Warum Gehen bei manchen Patienten besonders gut wirkt
Dass Gehen bei bestimmten Patienten eine bemerkenswert gute Wirkung entfalten kann, ist nicht neu. Es beeinflusst das kardiovaskuläre, metabolische, immunologische und psychische System positiv. Zudem findet Gehen häufig im Freien statt, oft bei Tageslicht und in naturnaher Umgebung – Faktoren, die sich wiederum günstig auf Stimmung, Stressniveau und das allgemeine Wohlbefinden auswirken.
Der belgische Chiropraktiker Bert Ameloot
beschreibt auf
MediQuality.net mehrere plausible Mechanismen. Demnach führt Gehen zu einer graduellen Belastungssteigerung mit Anpassung der Gewebe, etwa durch verbesserte muskuläre Ausdauer, eine höhere Belastbarkeit von Sehnen und Bändern sowie eine gesteigerte Tragfähigkeit der paraspinalen Strukturen. Gleichzeitig kann der rhythmische Bewegungsablauf neuromodulatorische Effekte entfalten und Stress reduzieren, auch durch positive Einflüsse auf Aufmerksamkeit und Schlaf. Hinzu kommt der verhaltensbezogene Aspekt: Gehen lässt sich leicht in den Alltag integrieren und fördert die Selbstständigkeit der Patienten.
Eine australische
Befragung zur Förderung körperlicher Aktivität zeigt außerdem, dass ein großer Teil der Befragten Bewegung grundsätzlich empfiehlt. Gehgruppen und Walking-Clubs gelten dabei als praktikable Optionen für die Bevölkerung. Gleichzeitig wurden Unterschiede im Wissen über Leitlinien sowie in der systematischen Beratung und im Screening deutlich. Das unterstreicht, dass Gehen zwar häufig Bestandteil der ärztlichen Betreuung ist. Wichtig ist aber auch, Patienten zu identifizieren, denen diese Art der Belastung schaden könnte.
Gehen ist keine biomechanisch neutrale Belastung
Trotz der Vorteile kann Gehen auch zu unerwünschten Effekten führen. Es handelt sich um eine repetitive Bewegung mit wiederkehrenden Impulsen, Rotationsanteilen und asymmetrischer Belastung entlang der Kette von Fuß, Sprunggelenk, Knie, Hüfte, Becken bis zur Lendenwirbelsäule. In bestimmten Situationen kann diese Belastung ungünstig sein und Beschwerden sogar verstärken.
In solchen Fällen sind andere Bewegungsformen besser geeignet. Radfahren, insbesondere mit leichter Lendenflexion, verringert beispielsweise die axiale Stoßbelastung und wird bei bestimmten Beschwerdebildern besser toleriert. Auch Schwimmen oder Aquatherapie können Vorteile bieten, weil der Auftrieb des Wassers die mechanische Belastung reduziert und dennoch ein aerobes Training ermöglicht.
Klinische Entscheidung: Wann welcher Sport sinnvoll ist
Gehen eignet sich vor allem als Erstlinientherapie bei unspezifischer Lumbalgie, insbesondere bei wiederkehrenden Episoden. Voraussetzung sind eine gute Belastbarkeit von Fuß und Sprunggelenk sowie das Fehlen neurologischer Defizite oder einer belastungsabhängigen Claudicatio bei spinaler Stenose.
Radfahren kann jedoch die bessere Option sein, wenn eine lumbale Spinalkanalstenose oder eine neurogene Claudicatio vorliegt, da die Flexionshaltung die Symptome häufig lindert. Auch bei Schmerzen in Hüfte, Knie, Fuß oder Sprunggelenk, die sich durch Stoßbelastung verschlechtern, wird Radfahren oft besser vertragen. Gleiches gilt bei deutlicher Beinlängendifferenz oder asymmetrischen Beschwerden, die durch Gehen verstärkt werden, sowie bei ausgeprägter Adipositas.
Schwimmen oder Aquatherapie sind vor allem sinnvoll, wenn eine geringe Schmerztoleranz besteht, Arthrose oder Übergewicht vorliegen oder eine Kombination aus Lumbalgie und peripherer beziehungsweise neurologischer Instabilität gegeben ist. Diese Trainingsformen ermöglichen eine aerobe Belastung, ohne Schmerzen zu provozieren.
Fazit: Gehen ist eine Therapie, kein Wundermittel
Gehen ist eine einfache, wirksame und gut belegte Maßnahme zur Vorbeugung wiederkehrender Lumbalgien – aber keine universelle Therapie. Entscheidend ist die individuelle biomechanische und klinische Situation des Patienten. Während viele Betroffene deutlich profitieren, kann Gehen in bestimmten Konstellationen Beschwerden verstärken oder andere Strukturen überlasten.
Eine differenzierte Auswahl der Bewegungsform sowie ein langsamer, kontrollierter Belastungsaufbau sind daher entscheidend, um den therapeutischen Nutzen zu maximieren und Risiken zu vermeiden.
Dieser Beitrag ist im Original bei Medscape.com erschienen.