In der Tumortherapie sehen wir derzeit eine rasante Weiterentwicklung hin zu selektiv wirksamen Therapeutika.1 Für die Behandlung diverser hämatologischer Malignome sowie solider Tumore wurden in den letzten Jahren Antikörper-Wirkstoff-Konjugate zugelassen, die ADCs (antibody drug conjugates). Ein ADC, wie Belantamab Mafodotin, enthält ein Immunprotein, das Strukturen auf der Tumorzielzelle erkennt und an sie bindet. In der Regel handelt es sich um einen vollständigen monoklonalen Antikörper, der über einen Linker mit einem hochpotenten zytotoxischen Wirkstoff verbunden ist. Bei den derzeit eingesetzten ADCs sind bis zu acht Wirkstoffe an einen monoklonalen Antikörper gekoppelt.
Zu den häufigeren Nebenwirkungen von ADCs, die je nach Medikament in unterschiedlicher Ausprägung auftreten, zählen Hornhaut-Pathologien der Augen, insbesondere in Form von mikrozystenähnlichen Epithelveränderungen, sogenannten MECs (microcyst like epithelial changes).2 Betroffene bemerken typischerweise eine beidseitige Visusminderung. Auch Trockenheits- und Fremdkörpergefühl sowie Juckreiz aufgrund der Oberflächenproblematik sind häufig. Patientinnen und Patienten sollten daher bereits bei Behandlungsbeginn Tränenersatzmittel erhalten, und zwar unabhängig vom Vorhandensein okulärer Symptome. Kommt es während der Tumortherapie zu MECs, lässt sich durch Dosisreduktion und/oder Intervallverlängerung in der Regel ein Rückgang der Symptome erreichen. Bei besonders schwerer Ausprägung der Visusminderung sowie der Keratopathie kann ein Therapieabbruch erwogen werden.
Unser Gesundheitssystem sei strukturell auf diese Patientinnen und Patienten nicht eingestellt, postulierte Prof. Dr. Philipp Steven (Köln) anlässlich des diesjährigen Kongresses der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG 2025) in Berlin.3 Noch würde eine relativ geringe Anzahl von Patientinnen und Patienten mit ADCs behandelt. In Zukunft sei jedoch mit einem starken Anstieg von derzeit Hunderten auf zukünftig Tausende Betroffene zu rechnen. Um die dringend erforderliche augenärztliche Begleitung der spezifischen Tumortherapie von Anfang an zu gewährleisten, müssten entsprechende „Wege gebahnt werden“, so der Experte. Okuläre Nebenwirkungen, auch solche „die wir bisher nicht gesehen haben“ erforderten dringend eine entsprechende Ausbildung der Ärztinnen und Ärzte und nicht zuletzt eine angemessene Kostenerstattung.