Eine Diabetes-Diagnose kann überwältigend sein, bringt sie doch viele Veränderungen im Alltag mit: Neben der regelmäßigen Blutzuckerkontrolle gilt es auch, ernsthafte künftige Gesundheitskomplikationen zu verhindern. Dazu zählt die diabetische Retinopathie, die bei einem unbehandelten Diabetes eine der Hauptursachen für Sehverlust ist.
Wichtige Früherkennung
Frühe, umfassende Augenuntersuchungen sind entscheidend, um subtile Veränderungen lange vor dem Auftreten von Symptomen zu erkennen. Dabei spielen Hausärztinnen und Hausärzte eine wichtige Rolle, indem sie die Bedeutung dieser oft unterschätzten Untersuchungen gegenüber ihren Patientinnen und Patienten betonen und sicherstellen, dass sie zeitnah überwiesen werden. So können sie die langfristige Augengesundheit und Lebensqualität erheblich beeinflussen.
„Es ist ein langsamer Prozess — Menschen nehmen an Gewicht zu und ein Prädiabetes entwickelt sich zum Diabetes“, erklärt Dr. Thomas Gardner, Ophthalmologe und Forscher für diabetische Retinopathie an der University of Michigan in Ann Arbor, Michigan. „Es ist nicht so, wie wenn man sich den Arm bricht, wo man genau weiß, wann es passiert ist.“ Er betont, dass manche Betroffene bereits seit Jahren an mildem, unerkanntem Diabetes erkrankt sein können.
Diese verlängerte, subklinische Phase kann die Augen dennoch beeinträchtigen: Etwa
7 % der Menschen mit Prädiabetes zeigen bereits Anzeichen einer Retinopathie.
1 Die diabetische Retinopathie bleibt weltweit die
Hauptursache für Sehverlust bei Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter.
2Sehverlust ist häufig vermeidbar
„Die Früherkennung ist entscheidend, weil sie es uns ermöglicht, Patientinnen und Patienten zu identifizieren, die ein höheres Risiko dafür haben, dass sich ihre Retinopathie schnell verschlechtert“, sagt Dr. Jennifer Sun, Leiterin des Zentrums für Klinische Augenforschung und Studien am Beetham Eye Institute des Joslin Diabetes Centers in Boston.
Eine rechtzeitige Diagnose erlaubt zudem Überwachungs- und Behandlungspläne individuell anzupassen und proaktiv die Aufklärung der Patientinnen und Patienten zu fördern, um das Sehvermögen zu erhalten.
Vorsorge: Praktische Herausforderungen und Risikostratifizierung
Viele Erkrankte sind bereits jahrelang unerkannt hyperglykämisch. Somit besteht bereits vor Symptombeginn ein Risiko für Netzhautschäden. empfehlen so bald wie möglich nach der Typ-2-Diabetes-Diagnose eine umfassende, dilatative Augenuntersuchung. Bei Patientinnen und Patienten mit Typ-1-Diabetes sollte die Vorsorge innerhalb von nach Diagnosestellung beginnen.
Die Rolle der Primärversorgung: Früherkennung, Intervention und Kommunikation
Regelmäßige Augenuntersuchungen sind unerlässlich, um diabetische Netzhauterkrankungen zu erkennen, bevor Symptome auftreten, und um Sehverlust zu verhindern. „Eine frühzeitige Erkennung hilft uns, Diabetes zu behandeln und das Risiko einer Verschlechterung der Retinopathie zu verringern“, sagt Dr. Sun. Dies führt auch zu einer besseren Diabetesbehandlung. „Patientinnen und Patienten fühlen sich bei leicht erhöhten Blutzuckerwerten möglicherweise wohl. Ärztliche Fachkräfte gehen dann möglicherweise weniger aggressiv vor, aber wenn frühzeitig Nerven-, Nieren- oder Augenprobleme festgestellt werden, können sie proaktiver mit Medikamenten und der Empfehlung von Lebensstiländerungen reagieren“, sagt Dr. Gardner.
Hausärztliche Fachkräfte spielen eine wichtige Rolle bei der Aufklärung über Augengesundheit und der Überweisung an fachärztliche Praxen. Dr. Sun empfiehlt das DRCR Retina Network, das ein Verzeichnis von Kliniken nach Bundesstaaten bietet.
Dank groß angelegter medizinischer Studien sind die Behandlungsmöglichkeiten für diabetische Netzhauterkrankungen gut etabliert. Und obwohl neue Technologien wie die Netzhautbildgebung per Smartphone und künstliche Intelligenz vielversprechend sind, mahnt Dr. Sun, dass ärztliche Fachkräfte die Wirksamkeit dieser Verfahren zunächst überprüfen sollten, bevor sie sie in die Routineuntersuchungen aufnehmen.
Vorteile regelmäßiger Untersuchungen kommunizieren
Was die Kommunikation mit Patientinnen und Patienten angeht, kann der Verlust des Sehvermögens ein starker Motivator sein. Studien zeigen, dass sie den Verlust ihres Sehvermögens mehr fürchten als Krebs, Schlaganfall, Herzerkrankungen oder die Amputation von Gliedmaßen. „Wir wollen unsere Patientinnen und Patienten nicht erschrecken, aber es kann ein sehr starker Motivator sein, den Blutzuckerspiegel besser zu kontrollieren“, so Dr. Sun. „Ich betone immer, dass die Grundlage für die Pflege der Augen eine systemische Kontrolle ist – Blutzucker, Blutdruck und Cholesterin.“
Sie ermutigt die ärztlichen Fachkräfte ihren Patientinnen und Patienten auch Hoffnung zu geben: Viele behalten dank Früherkennung und modernen Behandlungsmethoden eine ausgezeichnete Sehkraft – und das über Jahre oder sogar Jahrzehnte hinweg. „Das Ziel ist die lebenslange Erhaltung der Sehkraft ohne Beeinträchtigungen durch Diabetes“, sagt sie.
Dieser Beitrag erschien im Original auf Medscape.com.