In der ersten klinischen Studie am Menschen zur robotergestützten Kataraktchirurgie wurden bei 10 Patientinnen und Patienten entsprechende Eingriffe mit guten Ergebnissen durchgeführt – ohne behandlungsbedingte Komplikationen. Dies berichtete der in Los Angeles tätige Arzt Dr. Uday Devgan, der die Operationen in El Salvador vorgenommen hatte. Gegenüber Medscape Medical News sagte er, dass „es ein schöner erster Schritt“, sei, dass „der erste Schritt immer mutig, immer ein wenig beängstigend“ sei und stets ein gewisses Restrisiko bleiben würde.
Die Ergebnisse wurden bislang nicht in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift publiziert, jedoch vom American College of Surgeons sowie von der University of California, Los Angeles (UCLA) öffentlich kommuniziert, an der das Team beheimatet ist, das das robotische System für die Kataraktchirurgie entwickelt hat.1 Laut Dr. Devgan umfasste die Proof-of-Concept-Studie ein breites Spektrum an Katarakteingriffen, mit einer ähnlichen Anzahl männlicher und weiblicher Personen, Operationen am rechten und linken Auge sowie myopen und hyperopen Augen. „Wir hatten das gesamte Spektrum“, so Dr. Devgan. Das System mit dem Namen Polaris der Firma Horizon Surgical Systems ist derzeit in den USA noch nicht zugelassen.
Polaris – so ist es aufgebaut
Die von Dr. Devgan und seinem Kollegen Dr. David Lozano Giral, dem Direktor des Augenverletzungsdienstes am Jules Stein Eye Institute der UCLA, verwendete Polaris-Plattform besteht aus einer chirurgischen Konsole, an welcher die operierende Person sitzt und die Instrumente steuert. Dabei blickt sie auf einen dreidimensionalen Monitor, der die okuläre Anatomie darstellt, aufgenommen mittels eines dreidimensionalen Videosystems sowie einer optischen Kohärenztomografie (OCT) in Echtzeit.
An einem Wagen nahe dem Kopf der Patientin oder des Patienten befestigte robotische Operationsarme verwenden austauschbare mikrochirurgische Instrumente, um kleine korneale Schnitte zu setzen. Über diese Zugänge wird die natürliche, kataraktbedingt getrübte Linse entfernt und anschließend eine Intraokularlinse mit entsprechender Brechkraft implantiert, um eine Sehschärfe von 20/20 wiederherzustellen.
Polaris – kein Ersatz, sondern eine Ergänzung
„Das Ziel des Roboters ist nicht, den Chirurgen zu ersetzen“, betonte Dr. Devgan. „Das Ziel ist es, den Chirurgen zu einer besseren Version seiner selbst zu machen. Der Roboter kann bestimmte Dinge, die der Mensch nicht leisten kann.“ Er erläuterte, dass seine Hand die Spitze eines chirurgischen Instruments mit einer Genauigkeit von etwa 30–40 Mikrometern an das Ziel führen könne, während der Roboter eine Präzision von etwa 5 Mikrometern erreiche. Zum Vergleich: Ein menschliches Haar hat eine Dicke von etwa 50–120 Mikrometern. „Der Roboter kann Daten wesentlich schneller verarbeiten“, so Dr. Devgan. Das menschliche Gehirn verarbeitet etwa 25 Bilder pro Sekunde, während der Roboter etwa 100–200 Bilder pro Sekunde verarbeiten und diese Informationen mit hochauflösenden OCT-Daten in Echtzeit kombinieren kann.
„Der Roboter kann uns helfen, präziser zu arbeiten, schneller zu reagieren und hoffentlich auch die Sicherheit zu erhöhen“, sagte Dr. Devgan. Das robotische System bietet zudem das Potenzial für teleskopische Fernoperationen, fügte er hinzu: „Ich könnte 3 Meter, 3 Kilometer oder 3.000 Kilometer entfernt sein. Wenn man einen außergewöhnlich komplexen Fall hat und ein Chirurg mit entsprechender Expertise an einem anderen Ort verfügbar ist, ließe sich der Eingriff aus der Ferne durchführen.“
Die Vorbereitung der Patientinnen und Patienten für eine robotergestützte Kataraktoperation unterscheide sich nicht von der Standardprozedur, so Dr. Devgan. Allerdings könne der robotische Ansatz zu Kosteneinsparungen führen, da weniger Personal im Operationssaal benötigt werde.
Wie hoch sind die Anschaffungskosten von Polaris?
Dr. Devgan räumte ein, dass die Kosten der robotischen Kataraktchirurgie im Vergleich zur konventionellen Methode bislang nicht genau beziffert seien. „Aber offensichtlich muss zunächst ein Roboter angeschafft werden“, sagte er. Die robotische Chirurgie existiert seit Jahrzehnten; sie wurde ursprünglich für die radikale Prostatektomie entwickelt und später auf andere chirurgische Bereiche wie Kardiologie, Orthopädie, Gynäkologie und Allgemeinchirurgie ausgeweitet. Die Kosten bestehender Plattformen werden laut dem Anbieter R2 Surgical auf etwa 500.000 bis 2,5 Millionen US-Dollar geschätzt.
Nach Angaben der augenheilkundlichen Marktforschungsplattform Market Scope wird das ärztliche Honorar im Rahmen des Medicare-Gebührenplans für eine Standard-Kataraktoperation im Jahr 2026 bei etwa 465 US-Dollar liegen, was einer Reduktion von rund 11 % gegenüber 2025 entspricht. Nach Abzug der Betriebskosten verbleiben dem Chirurgen etwa 200 US-Dollar pro Eingriff, so Dr. Devgan. Horizon Surgical Systems hat bislang keine Angaben zu den potenziellen Kosten des Systems gemacht. „Ein Teil des Problems ist die Frage, wer letztlich dafür bezahlen wird“, sagte Dr. Devgan.
Zukunft der Robotik in der Ophthalmologie
Dr. John Ladas, Direktor von Maryland Eye Consultants and Surgeons in Silver Spring sowie Gründer eines Unternehmens zur Entwicklung von KI- und Machine-Learning-Modellen für den klinischen Einsatz, bezeichnete die Fortschritte von Horizon und Dr. Devgan als „phänomenal“. Er ergänzte: „Sie haben den Sprung vom Labor zur ersten Operation in nur wenigen Jahren geschafft, und bei diesem Tempo erwarte ich in naher Zukunft noch größere Fortschritte.“ Obwohl andere medizinische Fachrichtungen robotische Plattformen bereits seit Jahren nutzen, glaubt Ladas nicht, dass die Augenheilkunde hinterherhinke.
„Die Kataraktchirurgie umfasst eine außergewöhnlich hohe Anzahl von Prozessen auf extrem kleinem Raum, einschließlich der Koordination mehrerer Instrumente und komplexer Flüssigkeitsdynamik“, erklärte er. „Die Technologie benötigte Zeit, um die für einen derart filigranen Eingriff erforderliche Präzision zu erreichen. Besonders in der Ophthalmologie ist es wichtig, zwischen Makro- und Mikroskalen zu unterscheiden, da hier in Mikrometern und nicht in Millimetern gemessen wird.“
Die Studie wurde von Horizon Surgical Systems finanziert. Dr. Devgan gab an, Investor sowie Chief Strategy Adviser von Horizon zu sein. Ladas erklärte, Gründer und Präsident von Advanced Euclidean Solutions zu sein.
Dieser Beitrag erschien im Original auf Medscape.com.