Billionen von Mikroorganismen besiedeln unseren Körper und werden in Ihrer Gesamtheit als Mikrobiom bezeichnet. Mit über 30.000 Publikationen jährlich hat die Forschung im Bereich dieser Organismen, ihrer Gene, Stoffwechselprodukte und Wechselwirkungen mit unserem Körper in den letzten Jahren exponentiell zugenommen. Nicht die Organismen per se gelten als krankmachend, sondern eine Störung des Gleichgewichts unter Ihnen – eine sogenannte Dysbiose. Die Ursachen sind vielfältig und beinhalten unausgewogene Ernährungsweise, chronischen Stress, Medikamenteneinnahme und diverse Erkrankungen. Welche gesundheitlichen Folgen kann eine solche Dysbiose des Darms haben?
Eine vermehrte Durchlässigkeit der Darmwand kann Folge einer Darm-Dysbiose sein – umgangssprachlich auch als „leaky gut“ bezeichnet. Unter solchen Bedingungen können Bakterienbestandteile und proentzündliche Moleküle aus dem Darm in den Blutkreislauf gelangen und systemische Entzündung fördern. Diese Prozesse wurden bereits bei verschiedenen Erkrankungen beschrieben, darunter Diabetes mellitus Typ 2, Adipositas, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und neurodegenerative Erkrankungen wie die Alzheimer-Demenz. Vor diesem Hintergrund ist in den letzten Jahren auch die sogenannte Darm-Retina-Achse in den Fokus der Forschung gerückt, also die Fragestellung, wie das Darm-Mikrobiom an der Entstehung von Augenerkrankungen und insbesondere der AMD beteiligt sein könnte. Antworten präsentierte Priv.-Doz. Dr. Dr. Petra P. Larsen (Bonn) anlässlich des diesjährigen Kongresses der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG 2025) in Berlin.1
Trotz intensiver Forschung ist die Pathogenese der AMD nicht vollständig geklärt. Folgende Einflussfaktoren gelten jedoch als gesichert: genetische Faktoren, höheres Lebensalter, Umweltfaktoren, Rauchen, chronische Entzündungen, oxidative Zellschäden sowie Fehlregulationen des Immunsystems. All diese Mechanismen werden ebenfalls mit einer Dysbiose des Darm-Mikrobioms in Verbindung gebracht. Tatsächlich zeigen AMD-Patientinnen und -Patienten signifikante Unterschiede ihrer Darm-Mikrobiome im Vergleich zu gesunden Probanden. Larsen gibt allerdings zu bedenken, dass nicht auszuschließen sei, dass es sich hier um eine adaptive Reaktion handele. Zudem gebe es bisher keine etablierte „Bakteriensignatur“ bei AMD. Eigene Untersuchungen hätten gezeigt, dass bestimmte Bakterienbestandteile in die Blutbahn gelangten und mit der Entstehung früher AMD-Formen korrelierten.
In der Mikrobiom-Forschung fehle es insbesondere an großen, methodisch einheitlichen, Langzeitdaten. Zudem beobachte man derzeit ausschließlich Assoziationen, die Kausalität sei also nicht gesichert. Das größte Potenzial bei der zukünftigen Erforschung des Mikrobioms hinsichtlich eines therapeutischen Nutzens sieht Larsen in der einfachen und nicht invasiven Beeinflussbarkeit. Die Forscherin nennt beispielsweise Ernährungsumstellung, Präbiotika und Postbiotika als zukünftige Angriffspunkte, die allerdings noch nicht in klinischer Reife vorhanden seien, um konkrete Empfehlungen zu geben.