Für die Praxis bedeutet das: Die Mistel ist keine antitumorale Standardtherapie, kann aber im Einzelfall als ergänzende Maßnahme erwogen werden – vorausgesetzt, Nutzen und Grenzen sowie mögliche Wechselwirkungen und Nebenwirkungen werden realistisch eingeordnet.
Eine unüberblickbare Vielfalt an Zubereitungen
Ein Blick auf die Details: Meist kommen
Extrakte aus Viscum album zum Einsatz, die in unterschiedlichen Präparaten, Dosierungen und Applikationsformen verabreicht werden. Am häufigsten erfolgt die Anwendung subkutan, doch auch andere Applikationswege sind erhältlich.
Gerade diese Vielfalt ist eines der zentralen Probleme: Unter dem Begriff „Misteltherapie“ werden in Studien häufig sehr unterschiedliche Produkte zusammengefasst, die sich pharmakologisch und klinisch deutlich unterscheiden. Präparate, Dosierungen und Behandlungsregime variieren teilweise erheblich, was direkte Vergleiche zwischen Studien erschwert und klare Schlussfolgerungen kompliziert macht.
Biologische Plausibilität: Effekte nur in präklinischen Studien
Aus
biologischer Sicht ist ein möglicher Effekt durchaus plausibel. In präklinischen Studien zeigen Mistelextrakte und einzelne Inhaltsstoffe wie Mistellektine, Viscotoxine und verschiedene Polyphenole durchaus Wirkung.
In Zellkultur- und Tiermodellen wurden beispielsweise immunmodulatorische Effekte, eine Förderung der Apoptose sowie antiproliferative Eigenschaften beobachtet. Darüber hinaus berichten Reviews über eine Aktivierung sowohl der angeborenen als auch der adaptiven Immunantwort. Dazu gehören unter anderem Veränderungen der Zytokinproduktion und Hinweise auf eine gesteigerte Immunüberwachung gegenüber Tumorzellen.
Solche Arbeiten sind wissenschaftlich relevant und liefern mögliche Ansatzpunkte für weitere Forschung. Allerdings darf die Bedeutung präklinischer Daten nicht überschätzt werden. Der Sprung von biologischer Aktivität im Labor zu einem nachweisbaren klinischen Nutzen für Patienten ist groß.
Was die klinische Datenlage hergibt
Am ehesten lässt sich ein möglicher Nutzen bei Endpunkten aus Patientensicht erkennen. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse aus dem Jahr 2020
fand beispielsweise einen signifikanten Effekt mittlerer Größe auf die Lebensqualität von Krebspatienten. Auch einzelne Subbereiche wie Schmerz, Übelkeit oder allgemeines Wohlbefinden hatten sich in mehreren Arbeiten verbessert.
Gleichzeitig weisen die Autoren der Analyse auf Einschränkungen hin. Die eingeschlossenen Studien unterscheiden sich stark hinsichtlich Design, Qualität und verwendeter Präparate. Auch besteht in vielen Arbeiten ein erhöhtes Risiko für Bias. Ein statistisches Signal für eine Symptomverbesserung ist nicht gleichbedeutend mit einem robusten Wirksamkeitsnachweis.
Noch deutlicher werden die Schwächen beim Blick auf das Gesamtüberleben. Eine
Analyse aus dem Jahr 2024 untersuchte den Einfluss der Studienqualität auf die Ergebnisse verschiedener Metaanalysen. Dabei zeigte sich, dass vermeintliche Überlebensvorteile stark von Studien mit niedriger methodischer Qualität geprägt waren. In der Subgruppe hochwertiger randomisierter Studien ließ sich kein signifikanter Überlebensvorteil nachweisen.
Aufschlussreich ist auch die randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte
MISTRAL-Studie bei Patienten mit fortgeschrittenem Pankreaskarzinom. In dieser Untersuchung erhielten Teilnehmer zusätzlich zur onkologischen bzw. palliativen Versorgung entweder Mistel oder Placebo. Das Ergebnis fiel ernüchternd aus: Weder beim Gesamtüberleben noch bei der globalen gesundheitsbezogenen Lebensqualität zeigte sich ein klinisch relevanter Vorteil der Misteltherapie.
Daneben gibt es
Beobachtungsdaten, etwa bei Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC), die mit PD-1- oder PD-L1-Inhibitoren behandelt wurden. In einer Real-World-Datenanalyse war eine zusätzliche Misteltherapie mit einem längeren Überleben assoziiert. Solche Ergebnisse liefern interessante Hinweise, müssen aber in größeren, methodisch hochwertigeren Arbeiten bestätigt werden. Nicht-randomisierte Studien sind grundsätzlich anfällig für Verzerrungen.
Ein Blick in die Leitlinien
Doch was heißt das jetzt für Ärzte? Experten haben mit der
S3-Leitlinie „Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen Patienten“ evidenzbasierte Empfehlungen zusammengestellt. Grundsätzlich unterscheidet die Leitlinie zwischen 2 möglichen Zielsetzungen der Behandlung: einer tumorhemmenden beziehungsweise lebensverlängernden Wirkung und einer Verbesserung der Lebensqualität.
Bezogen auf das Gesamtüberleben sind die Autoren zurückhaltend: Aufgrund der heterogenen Datenlage sehen sie keine ausreichende Grundlage für eine klare Bewertung. Die subkutane Gabe eines Mistelgesamtextrakts könne jedoch zur Verbesserung der Lebensqualität in Erwägung gezogen werden, heißt es weiter.
Wechselwirkungen sind schlecht untersucht
In der täglichen Praxis stellt sich für Ärzte aber auch die Frage nach möglichen Wechselwirkungen mit Krebstherapien. Die vorhandenen
Daten geben zumindest teilweise Entwarnung. Für klassische pharmakokinetische Wechselwirkungen haben Forscher bislang keine Hinweise auf ein relevantes Risiko über Cytochrom-P450-Enzyme gefunden. In-vitro-Untersuchungen mit standardisierten Mistelprodukten zeigten weder eine relevante Hemmung zentraler CYP-Isoenzyme noch eine deutliche Abschwächung der Wirkung gängiger Zytostatika.
Besondere
Aufmerksamkeit erfordert die Kombination mit Immuncheckpoint-Inhibitoren. Da Mistelextrakte immunologisch aktiv sind, könnten sie theoretisch sowohl erwünschte als auch unerwünschte Immunreaktionen beeinflussen. Eine kleine Beobachtungsstudie aus dem Jahr 2017 fand zwar keine erhöhte Nebenwirkungsrate bei kombinierter Anwendung. Gleichzeitig betonten die Autoren, dass immunologische Wechselwirkungen nicht ausgeschlossen werden können.
Nebenwirkungen: Meist lokal und grippeähnlich, selten relevant schwer
Das Nebenwirkungsprofil der Misteltherapie gilt insgesamt als beherrschbar. Laut
NCI-PDQ gehören lokale Reaktionen an der Injektionsstelle zu den häufigsten unerwünschten Wirkungen. Hinzu kommen grippeähnliche Symptome wie Fieber, Kopfschmerzen und Schüttelfrost. Auch Müdigkeit sowie leichte gastrointestinale Beschwerden wurden beschrieben.
Selten, aber klinisch relevant sind allergische Reaktionen bis hin zum anaphylaktischen Schock. Darüber hinaus berichtet der NCI-PDQ über einzelne Fälle von Thrombophlebitis und Lymphknotenschwellungen. Bei hohen Dosen rekombinanter Mistellektine wurde zudem eine reversible Hepatotoxizität beobachtet.
Besondere
Vorsicht ist bei intravenösen Anwendungen geboten. Eine Phase-I-Studie mit intravenösem Mistel-Extrakt bei vorbehandelten Patienten mit soliden Tumoren zeigte behandlungsbedingte Nebenwirkungen bei etwa 62% der Teilnehmer. Am häufigsten traten Fatigue, Übelkeit und Schüttelfrost auf. Schwerwiegende therapieassoziierte Ereignisse vom Grad 3 oder höher wurden bei knapp 15% beobachtet.
Was Ärzte Patienten realistisch sagen können
Bleibt als Fazit: Ein möglicher Nutzen der Misteltherapie liegt – sofern überhaupt vorhanden – eher im Bereich der unterstützenden Behandlung als in einer direkten Kontrolle des Tumorwachstums. Diskutiert werden vor allem mögliche Verbesserungen bei Fatigue, beim allgemeinen Befinden, bei Übelkeit und Schmerzen sowie bei der Lebensqualität.
Dieser Beitrag erschien im Original bei Medscape.