Neuer Erklärungsansatz nach Jahrzehnten Forschung
Seit rund 50 Jahren zeigen epidemiologische und klinische Daten, dass ASS das Wachstum bestimmter Tumoren hemmen oder deren Ausbreitung verlangsamen kann. Besonders häufig wurde dieser Zusammenhang für Krebserkrankungen des Verdauungstrakts beschrieben, darunter Magen- und Darmkrebs. Trotz der Vielzahl an Studien blieb jedoch unklar, welche molekularen Mechanismen hinter dem schützenden Effekt stehen.
Einen wichtigen Impuls lieferte eine in Nature publizierte Arbeit. Forscher konnten zeigen, dass ASS die Tumorprogression nicht nur über klassische entzündungshemmende Signalwege beeinflusst, sondern über einen Mechanismus, der unmittelbar mit Thrombozyten zusammenhängt.2 Genau hier setzt ASS pharmakologisch an: Es hemmt die Aktivierung der Thrombozyten und verhindert dadurch die Freisetzung bestimmter Botenstoffe, die im Körper weitreichende Folgen haben.
TXA2, ARHGEF1 und die Rolle der T-Zellen
Besonders bedeutsam ist die Rolle des Moleküls Thromboxan A2 (TXA2), das von aktivierten Blutplättchen produziert wird. Im Modell wirkt TXA2 wie ein negatives Signal an das Immunsystem. Es veranlasst bestimmte Abwehrzellen, vor allem T-Lymphozyten, ihre Aktivität zurückzufahren. Genau diese T-Zellen sind jedoch entscheidend dafür, Krebszellen zu erkennen und zu eliminieren. Wird ihr Angriff durch TXA2 abgeschwächt, kann der Tumor leichter entkommen und Metastasen werden wahrscheinlicher.
Im Zentrum dieser pro-metastatischen Signale steht eine Proteinstruktur namens ARHGEF1, die in den T-Zellen aktiviert wird, sobald TXA2 als Signal aus dem Thrombozytensystem präsent ist. Dadurch entsteht eine Art immunologischer „Rückzugsschalter“: T-Zellen werden funktionell gebremst und ziehen sich aus dem Tumorkontext zurück. ASS blockiert die TXA2-Produktion – und nimmt dem Tumor damit einen Schutzmechanismus gegenüber der Immunabwehr.
Wie überzeugend dieser Zusammenhang ist, zeigen Tierexperimente aus der Nature-Publikation. Die Gabe eines TXA2-Analogons namens U46619 erhöhte in Mausmodellen das Risiko für Metastasen deutlich. Umgekehrt senkte ASS im Trinkwasser in pharmakologisch relevanten Dosierungen das Metastasenrisiko bei Kontrolltieren klar. Interessanterweise verschwand dieser schützende Effekt jedoch bei Mäusen, bei denen ARHGEF1 in T-Zellen gezielt ausgeschaltet war. Das spricht dafür, dass die anti-metastatische Wirkung nicht unspezifisch ist, sondern über genau diesen immunologischen Pfad vermittelt wird.
ASS zur Prävention und in der personalisierten Medizin
In der NEJM-Übersichtsarbeit ist von einem echten Paradigmenwechsel die Rede.1 Ruth Langley (University College London) und Sir John Burn (University of Newcastle) betonen, dass erstmals ein plausibler biologischer Link zwischen dem bekannten Effekt einer täglichen, niedrig dosierten ASS-Einnahme und der Fähigkeit des Immunsystems, Tumorzellen effektiver zu eliminieren, hergestellt worden sei.
Besonders spannend sind Implikationen für die personalisierte Onkologie und die Prävention. Der neu beschriebene Zusammenhang zwischen ASS und dem Immunsystem über T-Zellen legt nahe, dass vor allem immunogene Tumoren, also Tumoren, die eine starke Immunantwort provozieren, auf die Medikation reagieren. Langley und Burn berichten über Hinweise aus Langzeitstudien, in denen ASS gerade bei hochimmunogenen Tumoren mit Defekten in der DNA-Mismatch-Reparatur eine präventive Wirkung entfalten konnte, unter anderem bei Patienten mit dem Lynch-Syndrom.
Immunologische Marker könnten Ärzten helfen, den Nutzen von ASS individuell zu prognostizieren. In einer großen
Kohortenstudie haben Forscher Effekte der ASS-Einnahme nach Resektion eines kolorektalen Karzinoms untersucht. Sie fanden heraus, dass beispielsweise die Expression von HLA-Klasse-I-Molekülen im Primärtumor mit einem verbesserten Gesamtüberleben assoziiert war – allerdings nur bei Patienten, die ASS erhielten.
Weitere Hinweise kommen aus der Studie
ALASSCA: Hier zeigte sich eine signifikant geringere Rezidivrate unter ASS im Vergleich zu Placebo. Das galt für Patienten, deren Tumoren Mutationen in Genen des PI3K-Signalwegs aufwiesen: ein weiterer Hinweis, dass Ärzte ASS künftig stärker zur zielgerichteten Prävention einsetzen könnten – nicht für alle Patienten, aber für klar definierte Subgruppen.
Nutzen ja – aber nicht ohne Risiko
Langley und Burn sehen noch einen weiteren Vorteil: Die globale Krebsinzidenz nimmt zu, besonders in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, in denen der Zugang zu innovativen Krebstherapien oft schlecht ist. ASS ist ein preiswertes Generikum. Sein Einsatz bei neuen Indikationen („Repurposing“) wäre eine große Chance für die Onkologie.
Nur wird kaum ein pharmazeutisches Unternehmen großes Interesse haben, Studien zur Primärprävention oder Metastasenprävention zu finanzieren und eine Zulassungserweiterung anzustreben. Deshalb könnte der klinische Einsatz trotz potenzieller Vorteile begrenzt bleiben, spekulieren Langley und Burn. Zudem müsse berücksichtigt werden, dass ASS das Blutungsrisiko erhöhe. Die regelmäßige Einnahme zur Krebsprävention sollte nicht ohne ärztliche Beratung begonnen werden.
Der Beitrag ist im Original erschienen auf Medcape.fr.