In der kürzlich veröffentlichten
Pilotstudie LATTICE wurde erstmals Lithiumcarbonat bei Menschen mit milden kognitiven Einschränkungen (MCI) untersucht.
2 Lithiumcarbonat wird in höheren Konzentrationen auch zur Therapie bei bipolarer Störung eingesetzt. In der Studie waren alle co-primären und kognitionsbezogenen Studienendpunkte negativ.
Warum es trotzdem Hoffnung für die Lithiumtherapie bei Alzheimerdemenz (AD) gibt, erklärte Dr. Johannes Scholl, Gründer und Leiter der Dr. Scholl Prevention First GmbH, Rüdesheim, in der von der Deutschen Akademie für Präventiv-Medizin (DAPV) e.V. ausgerichteten Sitzung im Rahmen des 132. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) 2026 in Wiesbaden.3
Lithiummangel bei MCI und Demenz
In der im Jahr
2025 in Nature veröffentlichten Studie konnten die Forschenden um Dr. Liviu Aron von der Harvard Medical School, Boston, USA, zeigen, dass Lithium als einziges Metall im Gehirn bei Personen mit MCI und AD vermindert war. Sie hatten die Gehirne dieser Personen nach deren Tod hinsichtlich Metallkonzentrationen untersucht. Lithium war bei gesunden Probanden vermehrt im Cortex zu finden, bei MCI-/AD-Erkrankten lag es in signifikant geringerer Konzentration vor.
Lithium sammele sich außerhalb der Nervenzellen in den β-Amyloid-Plaques an, erklärte Scholl. „Die Plaques fressen dem Gehirn das Lithium weg“, ergänzte er. In der gleichen Studie untersuchte das Forschungsteam die Auswirkungen einer lithiumarmen Diät bei einem AD-Mausmodell. Ablagerung des β-Amyloid und die Akkumulation von phosphoryliertem Tau nahmen deutlich zu, wenn das endogene kortikale Lithium in den Mäusen um etwa 50 % verringert war.1
Pilotstudie untersuchte erstmals Lithiumtherapie bei MCI
In der Pilotstudie LATTICE, die aktuell in JAMA Neurology veröffentlicht wurde, untersuchten Prof. Dr. Ariel G. Gildengers, University of Pittsburgh, Pittsburgh, USA, und Team erstmalig bei älteren Erwachsenen mit MCI, ob die tägliche Gabe von niedrig dosiertem Lithiumcarbonat den kognitiven Abbau verzögern kann.2
Die randomisierte, doppel-verblindete und Placebo-kontrollierte Studie schloss 80 Patientinnen und Patienten ab 60 Jahren mit einem Durchschnittsalter von 73 Jahren (Lithium-Gruppe) bzw. 71 Jahren (Placebogruppe) ein; 56 % waren weiblich.
Die Erkrankten litten an MCI ohne psychiatrische oder neurologische Erkrankungen und hatten keine Kontraindikationen für Lithium. Sie erhielten täglich niedrig-dosiertes Lithiumcarbonat oder Placebo über einen Zeitraum von 2 Jahren.
Das Forscherteam bewertete Machbarkeit und Sicherheit der Lithiumtherapie und untersuchte den Effekt auf folgende sechs vordefinierte co-primäre Endpunkte:
- Kognitive Leistungsfähigkeit – verzögertes Abrufen (California Verbal Learning Test-II [CVLT-II]
- Brief Visuospatial Memory Test-Revised
- Präklinischer Alzheimer-Kognitionsindex
- Hippocampusvolumen
- Volumen der kortikalen grauen Substanz
- Neurotropher Faktor aus dem Gehirn stammend
Alle co-primären Endpunkte waren negativ
Keiner der vordefinierten co-primären Endpunkte erreichte statistische Signifikanz. Die mittleren CVLT-II-Werte betrugen 7,95 für Lithium und 7,90 für Placebo; die Werte sanken jährlich um 1,42 Punkte in der Placebo-Gruppe gegenüber 0,73 Punkten in der Lithium-Gruppe (Differenz: 0,69 Punkte/Jahr; 95 %-Konfidenzintervall: 0,01–1,37; p = 0,05). Das Volumen des Hippocampus und der Hirnrinde nahm in beiden Gruppen im Laufe der Zeit ab.
Lithium war insgesamt sicher und gut verträglich. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse traten bei 12 von 41 (29 %) Personen in der Lithium-Gruppe und bei 9 von 39 (23 %) Personen in der Placebo-Gruppe ohne eindeutigen Zusammenhang mit der Behandlung auf. Unter Lithiumtherapie kam es unter anderem zu erhöhten Kreatininwerten, Durchfall oder Müdigkeit.
Möglicherweise Lithiumorotat wirksamer als Carbonat
Dass die Lithiumtherapie nicht wirksam war, könne möglicherweise an dem verwendeten Lithiumcarbonat liegen, erklärte Scholl. In Mausmodellen hatte das Team um Aron gezeigt, dass sich Lithiumcarbonat, welches die stärkste Leitfähigkeit aufweist, im Vergleich zu Lithiumorotat, der Verbindung mit der geringsten Leitfähigkeit, unterschiedlich auf die Entwicklung und Verzögerung der AD in den Mausmodellen auswirkte.1
Erhielten die Mäuse nach der lithiumarmen Diät Lithiumorotat, verhinderte dies pathologische Veränderungen und einen Gedächtnisverlust in AD-Mausmodellen und in Kontrollmäusen. Behandelten die Forschenden die Mäuse hingegen mit Lithium-Carbonat, entwickelten sich β-Amyloid-Plaques und phosphoryliertes Tau.
„Lithiumorotat verlangsamte die AD-Entwicklung erheblich“, erklärte Scholl. Da die Forschenden um Gildengers die Studie bereits vor etwa 15 Jahren starteten, hätten sie dieses Wissen damals noch nicht gehabt, erklärte Scholl.
Privat finanzierte Studie mit organischem Lithiumorotat?
Zu Lithiumorotat sagte Scholl: „Wir wissen noch nicht, welche Dosis beim Menschen nötig ist, es gibt noch keine randomisierten, kontrollierten Studien. Das kuriose ist, es kostet überhaupt nichts, damit ist auch kein Geld zu verdienen.“
Die Lithiumtherapie könnte bei AD eine kostengünstige und wirksame Alternative sein, eine Therapieentwicklung für Unternehmen jedoch womöglich nicht lohnenswert. Daher gäbe es Pläne, privat finanzierte, randomisiert-kontrollierte Studien mit Lithiumorotat bei Alzheimer-Erkrankten durchzuführen.
Dieser Beitrag ist im Original bei Univadis.de erschienen, Teil des Medscape Professional Network.