Dieser Beitrag basiert auf dem Vortrag „Schwindel“ von Prof. Dr. Michael Strupp (München) auf dem Neuro-Update 2026. Vier Kernfragen
Zuerst sollten anamnestisch 4 Kernfragen geklärt werden:
1. Zeitlicher Verlauf: Akutes vestibuläres Syndrom (AVS), Episoden, Dauerschwindel (oder Kombination)
2. Formen: Drehschwindel, Schwankschwindel oder Kombination (Unterscheidung weniger wichtig)
3. Spontan oder auslösende/modulierende Faktoren: z.B. Lageänderung, Aktivität, Helligkeit, Tageszeit, Situation, Druckänderung
4. Begleitsymptome: z.B. Hypakusis, Tinnitus, Ohrdruckgefühl, Doppelbilder, Dysarthrie, Hemiparese, Kopfschmerzen, Licht- und Lärmempfindlichkeit, Migräne, Übelkeit/Erbrechen
Vier Formen je nach Zeitachse
1. Episoden: < 1 min: Peripherer paroxysmaler Lagerungsschwindel (PPPV – früher benigner Lagerungsschwindel), Vestibularisparoxysmie oder Syndrom der 3. Mobilen Fenster
Häufig nicht erkannt wird hier das „Syndrom der Mobilen Fenster“, das auf einem knöchernen Defekt des anterioren Bogenganges beruht. Typisch ist eine Autophonie, bei der körpereigene Geräusche außergewöhnlich laut auf der betroffenen Seite gehört werden. Der Schwindel wird hier oft durch Geräusche oder Druckveränderungen ausgelöst. Nicht selten wird das Syndrom als „psychisch“ eingestuft, obwohl eine einfache Operation helfen könnte.
Der PPPV wird nach der neuesten Nomenklatur nicht mehr benigne genannt, da ein erhöhtes Sturzrisiko und eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität damit verbunden sein kann. Die kumulative Rezidivrate ist mit etwa 50 % hoch, und bis zu 70 % aller Betroffenen leiden auch nach der Therapie unter Residualsymptomen.
2. Minuten bis Stunden: Vestibuläre Migräne (5 min bis 72 h) oder M. Menière (20 min – 12 h); AVS (akuter Beginn, Dauer > 24 h z.B. durch akute unilaterale Vestibulopathie/Neuritis vestibularis, Hirnstamm- oder Kleinhirninfarkt)
3. Persistierende Symptome > 3 Monate: bilaterale Vestibulopathie, funktioneller Schwindel, neurodegenerative Erkrankungen (Kleinhirn, Basalganglien)
Bei der bilateralen Vestibulopathie sollten mindestens zwei der folgenden drei Symptome vorliegen: 1. Unsicherheit beim Gehen und Stehen; 2. Bewegungsinduziertes unscharfes Sehen oder Oszillopsien beim Gehen/schnellen Kopfbewegungen; 3. Verschlechterung des Schwankschwindels in der Dunkelheit und/oder auf unebenem Boden. Beim Liegen oder Sitzen treten keine Symptome auf. Therapie ist ein lebenslanges tägliches Balancetraining in Kombination mit Kopfbewegungen und Gangübungen.
4. Kombination von 1, 2 und/oder 3
Klinische Untersuchung
Zur klinischen Untersuchung gehören 4 Tests des vestibulären Systems (Nystagmusbrille, Kopfimpulstest, Lagemanöver und Rombergtest), 4 statische Tests zur Untersuchung der Okulomotorik (Augenposition, Nystagmus, Bewegungsausmaß, Blickhaltefunktion) sowie 4 dynamische Tests (Blickfolgen, Sakkaden, optokinetischer Nystagmus, Fixationssuppression des vestibulookulären Reflexes).
Akutes zentrales vestibuläres Syndrom (AZVS)
Beim AZVS findet man vier zentrale klinische Zeichen:
1. Augenposition (deutliche vestibuläre „Skew Deviation“)
2. Nystagmus (durch Fixation nicht reduzierbar)
3. Blickhaltefunktion (Blickrichtungsnystagmus entgegen Spontannystagmus)
4. VOR-Funktion (Kopfimpulstest normal)
Bei Berücksichtigung dieser klinischen Zeichen ist die Sensitivität relativ hoch. Wenn man nicht sicher ist und keine andere Ursache für den Schwindel ersichtlich ist, sollte immer von einem möglichen Schlaganfall ausgegangen und eine entsprechende Diagnostik eingeleitet werden.