Schlaganfall: Alle Folgen im Blick haben
Zum Hintergrund: Der Schlaganfall zählt weltweit zu den häufigsten schweren Erkrankungen. Er ist die zweithäufigste Todesursache und die dritthäufigste Ursache für den Verlust gesunder Lebensjahre durch Behinderung. Schätzungen zufolge wird etwa jeder 6. Mensch im Laufe seines Lebens einen Schlaganfall erleiden.
Zu den bekanntesten Folgen gehören Sprachstörungen, Bewegungseinschränkungen und der Verlust der Selbstständigkeit. Weniger offensichtlich, aber für viele Betroffene ebenso belastend, sind Veränderungen der Sexualität. Studien zeigen, dass bis zu 75 % der Überlebenden eines Schlaganfalls im weiteren Verlauf eine sexuelle Funktionsstörung entwickeln.
Trotz dieser hohen Prävalenz wird das Thema Sexualität von Ärztinnen und Ärzten bei Schlaganfallpatientinnen und -patienten selten angesprochen. Viele betrachten die sexuelle Funktion nicht als Thema der Rehabilitation, obwohl sexuelle Zufriedenheit maßgeblich zur Lebensqualität beiträgt. Entsprechend berichten viele Patientinnen und Patienten, dass sie nach einem Schlaganfall nur wenig Unterstützung bei sexuellen Problemen erhalten und während der Reha kaum Informationen zu diesem Thema bekommen.
Ursachen sexueller Funktionsstörungen nach Schlaganfall
Sexuelle Probleme nach einem Schlaganfall können unterschiedliche Gründe haben. Zu den häufigsten Ursachen zählen neurologische und körperliche Folgen, beispielsweise Hemiparesen, Spastizität, sensorische Störungen oder Aphasie. Auch Begleiterkrankungen wie Depression, Bluthochdruck oder andere chronische Erkrankungen können die Sexualfunktion negativ beeinflussen. Hinzu kommen mögliche Nebenwirkungen von Medikamenten, die bereits vor dem Schlaganfall oder im Anschluss daran verordnet wurden.
Neben diesen direkten körperlichen Auswirkungen spielen auch indirekte Faktoren eine wichtige Rolle. Sie betreffen vor allem Veränderungen in den einzelnen Phasen der sexuellen Reaktion. Im klassischen Modell der sexuellen Reaktion nach Masters und Johnson werden 4 Phasen unterschieden: Erregung, Plateauphase, Orgasmus und Auflösung.
Dieses lineare Modell beschreibt die weibliche Sexualität nur eingeschränkt, weshalb in der Forschung inzwischen auch integrativere und dynamischere Modelle diskutiert werden.
Sexualität als Bestandteil der Rehabilitation
Vor diesem Hintergrund gewinnt eine strukturierte sexualmedizinische Begleitung bei der Rehabilitation an Bedeutung. Alles beginnt mit der Aufklärung über die neue Situation: Patientinnen und Patienten müssen verstehen, welche Veränderungen ihre Sexualität betreffen können und welche körperlichen oder emotionalen Einschränkungen es möglicherweise gibt. Dabei spielt auch die Stärkung des Selbstwertgefühls eine Rolle.
Im nächsten Schritt geht es um die bisherige sexuelle und partnerschaftliche Situation. Wichtig sind Informationen über das frühere Sexualleben, die Beziehung zur Partnerin oder zum Partner, mögliche Ängste, Erwartungen und die Zufriedenheit. Auf dieser Grundlage lassen sich realistische Ziele formulieren und Wege finden, die Sexualität an die veränderte funktionelle Situation anzupassen.
Anschließend können Ärztinnen und Ärzte mit Patientinnen und Patienten gemeinsam Verhaltensstrategien erarbeiten. Zu Beginn erfolgt dies häufig ohne technische Hilfsmittel. Ziel ist es, das sexuelle Verlangen schrittweise zu fördern und die Reaktionen bekannter erogener Zonen neu zu erkunden. Gleichzeitig kann daran gearbeitet werden, Intimität zu stärken, Ängste zu verringern und neue Körperempfindungen wahrzunehmen.
Es geht ebenfalls darum, neue erogene Zonen oder Formen der Stimulation zu entdecken. Körperbereiche wie der Nacken bzw. der Rücken können eine größere Rolle spielen als zuvor. Auch gemeinsame Fantasien oder spielerische Formen von Intimität tragen dazu bei, die emotionale Verbindung innerhalb der Partnerschaft zu stärken.
Darüber hinaus können medizinische und technische Hilfsmittel eingesetzt werden, etwa Pharmaka, Vakuumpumpen, spezielle Lagerungskissen oder externe Stimulationsgeräte, die funktionellen Einschränkungen teilweise ausgleichen.
Ein integraler Bestandteil der Versorgung
Das Fazit: Sexualität nach einem Schlaganfall sollte nicht als Randthema abgetan werden, sondern ein fester Bestandteil der umfassenden Rehabilitation werden. Da sexuelle Funktionsstörungen meist durch ein Zusammenspiel körperlicher, psychischer und partnerschaftlicher Faktoren entstehen, erfordert ihre Behandlung einen interdisziplinären und individuell angepassten Ansatz.
Eine Aufklärung ohne Scham, eine sensible Begleitung und konkrete Anpassungsstrategien tragen nicht nur dazu bei, die sexuellen Funktionen wieder herzustellen. Sie stärken auch das Selbstwertgefühl, verbessern die partnerschaftliche Beziehung und erhöhen letztlich die Lebensqualität der Betroffenen.
Der Beitrag ist im Original auf Medscape.de erschienen.