Neue Optionen in der Akuttherapie
Triptane bleiben die zentralen Medikamente zur Behandlung akuter Migräneattacken. Eine aktuelle Netzwerk-Metaanalyse zeigt, dass Eletriptan die höchste Wirksamkeit aufweist, gefolgt von Rizatriptan und Sumatriptan. Die Kombination von Sumatriptan und Naproxen erwies sich zudem als wirksamer als die Einzelmedikation.
Neu hinzugekommen sind weitere spezifische Wirkstoffe: Lasmiditan, ein Serotonin-1F-Agonist, zeigt in klinischen Studien Wirksamkeit bei akuten Migräneattacken und bietet als nicht vasokonstriktive Substanz eine Behandlungsoption für Patientinnen und Patienten mit kardiovaskulären Kontraindikationen gegen Triptane. Allerdings können zentrale Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Schwindel auftreten, weshalb nach der Einnahme für acht Stunden kein Kraftfahrzeug geführt werden darf. Rimegepant, ein oraler CGRP-Rezeptorantagonist, ist ebenfalls wirksam und gut verträglich, auch wenn die Effektstärke im indirekten Vergleich geringer ist als bei den Triptanen.
Prophylaxe der Migräne
Etwa zehn Prozent der Menschen in Deutschland leiden unter Migräne. „Nicht alle brauchen eine Prophylaxe, aber es sind doch über vier Millionen Patientinnen und Patienten, die eine Indikation dafür haben“, betont Dr. med. Lars Neeb, Präsident der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. (DMKG). Häufig handele es sich um Patientinnen und Patienten zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr, die dadurch deutlich in ihrer Produktivität und sozialen Teilhabe eingeschränkt seien, ergänzt der Neurologe.
Zum Glück sind auch in der Prophylaxe der Migräne wichtige Neuerungen zu verzeichnen. So hat sich gezeigt, dass circa 50 Prozent der Patientinnen und Patienten, die innerhalb der ersten zwölf Wochen nicht auf einen monoklonalen Antikörper gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor ansprechen, im weiteren Verlauf doch noch eine ausreichende Besserung erzielen.
Mit Atogepant und Rimegepant stehen zudem seit 2025 zwei orale CGRP-Rezeptorantagonisten zur Verfügung, die sowohl in der Prophylaxe der episodischen (Rimegepant und Atogepant) als auch der chronischen Migräne (Atogepant) wirksam sind. Rimegepant ist in Europa das erste Medikament, das sowohl für die Prophylaxe als auch für die Akuttherapie der Migräne zugelassen ist. In der Prophylaxe zeigte es in einer Vergleichsstudie eine ähnliche Wirksamkeit wie der CGRP-Antikörper Galcanezumab.
Clusterkopfschmerz: Keine wirksame Therapie verfügbar
„Wo Licht ist, ist aber auch Schatten: Beim Clusterkopfschmerz und anderen wichtigen Kopfschmerzerkrankungen wurde gerade eine Studie aus der Berliner Arbeitsgruppe veröffentlicht, die noch einmal bestätigt hat, dass CGRP-Antikörper nicht prophylaktisch beim Clusterkopfschmerz wirksam sind“, betont Dr. Neeb. So konnte in einer kürzlich veröffentlichten Studie mit Erenumab keine Wirksamkeit der CGRP-Antikörper nachgewiesen werden. Beim Clusterkopfschmerz sei man also weiterhin auf der Suche nach passenden Therapien, die dringend benötigt werden, so der Experte weiter.
Nichtmedikamentöse Ansätze
„Viel hängt davon ab, wie man mit seinem Schmerz umgeht“, erklärt der Psychologe Dr.phil. Thomas Dresler, der an der Klinik für allgemeine Psychiatrie und Psychotherapie mit Poliklinik am Universitätsklinikum Tübingen tätig ist. In den aktuellen Leitlinien zur Kopfschmerztherapie spiele die psychologische Begleitung von Patientinnen und Patienten eine zentrale Rolle. Entscheidend sei, Menschen Strategien an die Hand zu geben, um Schmerzen nicht nur zu ertragen, sondern aktiv zu beeinflussen.
Dabei gehe es, so Dresler, nicht ausschließlich um psychologische Interventionen, sondern um ein ganzes Spektrum nicht medikamentöser Ansätze, die in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen haben. „Ein Beispiel ist die sogenannte Remote Electrical Neuromodulation – also eine elektrische Stimulation über ein Wearable am Arm. Studien zeigen, dass sie sowohl in der Akutbehandlung als auch in der Prophylaxe wirksam ist“, sagt er. Damit stehe erstmals eine moderne, medikamentenfreie Behandlungsoption zur Verfügung, die Betroffene im Alltag nutzen können.
Auch im digitalen Bereich gibt es Fortschritte. „Im DiGA-Verzeichnis ist beispielsweise die App SinCephalea gelistet“, erläutert Dr. Dresler. „Sie kombiniert Blutzuckermessungen mit einem Ernährungstagebuch und erstellt daraus individuelle Ernährungsprofile. Gleichzeitig vermittelt sie edukative Inhalte – etwa zu Entspannung, Schlafhygiene und Alltagsstrukturierung.“
Die App verknüpft also Ernährung, Lebensstil und verhaltenstherapeutische Ansätze zu einem Gesamtkonzept, das den Betroffenen hilft, Zusammenhänge zwischen Lebensgewohnheiten und Kopfschmerzfrequenz besser zu verstehen und selbst Einfluss zu nehmen.
Zudem ist nach wie vor Bewegung und vor allem Ausdauersport zu empfehlen, die laut Dresler „eine einfache, aber sehr wirksame Komponente“ darstellen. Bewegung, Aufklärung und Entspannung – das seien die Grundpfeiler, die allen Kopfschmerz- und Migränepatientinnen und -patienten empfohlen werden sollten.
Multimodale Therapie: Umsetzbar im normalen Versorgungsalltag?
„Bei den Expertinnen und Experten der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) ist der multimodale Ansatz längst etabliert“, berichtet Dresler. „Aber in der Breite der Versorgung sieht es anders aus.“
Dr. Neeb beschreibt die Herausforderungen deutlich: „Selbst in einer Stadt wie Berlin ist es schwierig, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit Schmerzerfahrung zu finden. Im ländlichen Raum ist es nahezu unmöglich.“ Das sei ein großes Hindernis für die Umsetzung der empfohlenen multimodalen Konzepte. Die stationäre Schmerzmedizin müsse auf jeden Fall erhalten bleiben, „damit schwer betroffene Patientinnen und Patienten weiterhin Zugang zu multimodalen Konzepten haben“.
Trotz aller Hürden zeigen sich die beiden Experten optimistisch. „Den meisten Kolleginnen und Kollegen, die mit Kopfschmerzpatienten arbeiten, ist bewusst, dass es nicht reicht, nur Medikamente zu verschreiben“, betont Dr. Neeb. „Man braucht Aufklärung, psychologische Unterstützung und Strategien zur Selbststeuerung.“