Koffein und Polyphenole könnten durch die Reduktion von oxidativem Stress und Neuroinflammation zur Neuroprotektion beitragen. In experimentellen Studien zeigte sich, dass eine chronische Koffeinexposition auch für Alzheimer-Demenz relevante Prozesse wie Amyloid-und TAU-Stoffwechselwege beeinflussen kann. Zudem könnte Koffein die Insulinsensitivität erhöhen und vaskuläre Funktionen verbessern.
Kohortenstudien mit über 130.000 Teilnehmenden
Mehrere prospektive Studien zum Zusammenhang zwischen Koffeinkonsum und kognitiver Gesundheit haben aber bisher kein einheitliches Ergebnis erbracht. Für die aktuelle Analyse verwendeten Dong D. Wang vom Brigham and Women’s Hospital in Boston und sein Team Daten aus der US-amerikanischen Nurses’ Health Study (NHS) und der Health Professionals Follow-up Study (HPFS). Eingeschlossen waren in die aktuelle Analyse 86.606 weibliche Teilnehmerinnen der NHS-Kohorte (von 1980 bis 2023) und 45.215 männliche Teilnehmer der HPFS-Kohorte (1986 bis 2023), die alle regelmäßig Fragebögen zur Ernährung ausfüllten und zu Studienbeginn weder an Demenz, M. Parkinson oder Krebs erkrankt waren. Primärer Endpunkt war das Auftreten einer Demenz, sekundärer Endpunkt die in neuropsychologischen Tests ermittelte kognitive Funktion.
18 % weniger Demenzfälle bei hohem Kaffeekonsum
Im Nachbeobachtungszeitraum von durchschnittlich 36,8 Jahren wurden 11.003 Fälle von Demenz neu diagnostiziert. Nach Berücksichtigung verschiedener Einflussfaktoren wie Alter, Alkoholkonsum, Rauchen und Energieaufnahme war ein höherer Konsum von koffeinhaltigem Kaffee signifikant mit einem geringeren Demenzrisiko assoziiert (41 versus 330 Fälle pro 100.000 Personenjahre im Vergleich des höchsten Quartils des Kaffeekonsums zum niedrigsten Quartil). Dies entspricht einer Risikoreduktion von 18 %. In der NHS-Kohorte zeigte sich zudem ein Zusammenhang zwischen einem höheren Konsum von koffeinhaltigem Kaffee und einer besseren objektiven kognitiven Leistungsfähigkeit. Eine Dosis-Wirkungs-Analyse zeigte einen nichtlinearen inversen Zusammenhang zwischen dem Konsum von koffeinhaltigem Kaffee und dem Demenzrisiko sowie dem subjektiven kognitiven Verfall. Die ausgeprägtesten Unterschiede wurden bei einem Konsum von etwa zwei bis drei Tassen koffeinhaltigem Kaffee pro Tag beobachtet – bei höherem Kaffeekonsum nahmen die protektiven Effekte nicht weiter zu.
Entkoffeinierter Kaffee zeigt keinen Effekt
Ähnliche Zusammenhänge mit der kognitiven Leistungsfähigkeit und dem Demenzrisiko zeigten sich beim Konsum von koffeinhaltigem Tee, wie Schwarz- oder Matcha-Tee, wenn auch deutlich weniger ausgeprägt. Der größte Unterschied bestand hier bei einem Konsum von ein bis zwei Tassen Tee pro Tag. Der Konsum von entkoffeiniertem Kaffee war nicht mit einem geringeren Demenzrisiko oder höheren kognitiven Leistungsfähigkeit assoziiert, was nach Aussage des Autorenteams dafür spricht, dass Koffein hier die entscheidende Komponente ist.
Zahlreiche Wirkmechanismen denkbar
Mehrere protektive Wirkmechanismen von Koffein sind denkbar. So moduliert Koffein durch seine antagonistische Wirkung an den Adenosin-A1- und -A2-Rezeptoren die synaptische Übertragung und könnte dadurch die Aβ-Akkumulation reduzieren. Dazu weisen die Forschenden auf experimentelle Studien hin, in denen Koffein den Aβ-Spiegel gesenkt, die β- und γ-Sekretaseaktivität unterdrückt, die neuronale Plastizität verbessert und die Mitochondrienfunktion sowie pro-überlebensfördernde Signalwege stimuliert hat.
Ein weiterer denkbarer Mechanismus ist die Reduktion proinflammatorischer Zytokine im Gehirn und damit die Abmilderung der Neuroinflammation, die ein entscheidender Faktor bei der Entstehung von kognitiven Einbußen und Alzheimer-Demenz ist. Zudem kann Koffein die Insulinsensitivität verbessern und das Risiko für Typ-2-Diabetes reduzieren – ebenfalls ein wichtiger Risikofaktor für die Entstehung einer Demenz. Weitere Inhaltsstoffe von Kaffee und Tee, wie Polyphenole, Chlorogensäure und Catechine, reduzieren oxidativen Stress im Gehirn und könnten zusätzlich die cerebrovaskuläre Funktion verbessern.
Auch mit dieser Studie lässt sich ein kausaler Zusammenhang zwischen Koffeinkonsum und geistiger Gesundheit nicht beweisen, hierzu wären laut dem Forscherteam weitere Studien erforderlich. Eine zusätzliche Limitation könnte sein, dass alle Teilnehmenden der beiden Studien im Gesundheitsbereich arbeiteten und sich die Ergebnisse möglicherweise nicht eins zu eins auf die Gesamtbevölkerung übertragen lassen.