Bei einem fitten 59-jährigen Patienten kommt es 14 Tage nach der Rückkehr von einer Afrikareise und einer Tour auf den Kilimandscharo zu Sehstörungen. Sein Vorhaben, den Kilimandscharo zu besteigen, musste er bei über 5.000 Höhenmetern aufgrund akuter Probleme wie Schwindel, Sehstörungen und Synkope abbrechen. Diese Symptome verbesserten sich jedoch kurz nach Verlassen der Höhe.
Mit den neu aufgetretenen Symptomen überweist ihn der Augenarzt an eine neurologische Klinik. Die dort erhobenen neurologischen, internistischen sowie bildgebenden Befunde sind jedoch unauffällig. Augenärztlich zeigten sich Stauungspapillen beidseitig, links eine Blutung am unteren Papillenrand sowie ein Ausfall des Gesichtsfeldes.
Aufgrund der Anamnese wird eine nicht-arteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie (NAION) diagnostiziert. NAION ist ein Papillenödem, das höhenassoziiert auftreten und Tage bis Wochen nach der Höhenexposition persistierenden kann.
Prof. Dr. Andreas Steinbrecher vom Helios Klinikum Erfurt stellte den Fall auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) 2025 in Berlin vor.1
Der Patient und seine Geschichte
Der 59-jährige Patient stellt sich in der Neurologischen Helios Klinik in Erfurt mit Überweisung durch seinen Augenarzt aufgrund unklarer Stauungspapillen vor. Seit etwa einer Woche hat er auf dem linken Auge eine Gesichtsfeldeinschränkung in der oberen Gesichtshälfte, die fluktuierend ausgeprägt ist. Zudem klagt er über unregelmäßigen, leichten frontalen Kopfschmerz. Laut Aussage des Patienten bestehen keine Vorerkrankungen. Er nimmt keine Medikamente ein sowie keine Noxen.
Vor 2 Wochen kam er von einer Afrikareise zurück. Bei dem Versuch, den Kilimandscharo zu besteigen, musste er das Vorhaben auf 5.080 Höhenmetern aufgrund von diffusem Schwindel, Sehstörungen, Doppelbildern und einer Synkope abbrechen. Nach Verlassen der Höhe verbesserten sich die Symptome, auch die Sehstörungen gingen laut dem Patienten zurück. Die aktuelle beschriebene Symptomatik bestand seit einer Woche.
Befunde
- Pupillo- und Okulomotorik normal, keine Auffälligkeiten
- Guter Allgemeinzustand, Blutdruck im Normbereich (RR 137/88 mmHg, Herzfrequenz 49 Schläge/min, SpO2 97 %, kein Fieber). Normale Befunde.
- Stauungspapillen beidseits
- Visus normal
- keine Exsudate
- rechts keine Blutung, links Blutung am Papillenunterrand
- Links bogenförmiges Skotom im superioren Gesichtsfeld (GF)
Eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns war komplett unauffällig, auch die Untersuchung des Blutes sowie des Liquors waren normal.
Der VEP (visuell evozierte Potenziale)-Test zeigte eine grenzwertige Amplitudenminderung auf der linken Seite. Eine Behandlung mit Kortison wegen Verdachts auf eine entzündliche Genese blieb ohne Erfolg.
Was passiert in der Höhe?
Der O2-Gehalt der Atemluft in der Höhe wird durch den barometrischen Druck beeinflusst. Da dieser in der Höhe abfällt, kommt es zu einer hypobaren Hypoxie mit letztlich voraussehbaren physiologischen Veränderungen, erklärte Steinbrecher.
Über 5.000 Meter beträgt der O2-Partialdruck etwas mehr als 40 mmHg, was zu den Symptomen der Höhenkrankheit führen kann. Dabei spielen die absolute Höhe, die Aufstiegsgeschwindigkeit und eine individuelle Suszeptibilität eine Rolle. Das individuelle Risiko sei letztlich nicht vorhersagbar, so Steinbrecher.
Die Symptomatik umfasst den Höhenkopfschmerz und die akute Höhenkrankheit, die von leichten Kopfschmerzen über Übelkeit und Schwindel bis hin zum Höhenhirnödem oder Höhenlungenödem sehr unterschiedlich verlaufen kann. Das Lungenödem ist dabei die häufigste Todesursache.
Sehstörungen nach Höhenexposition
- Corneaödem (trockenes Auge, unscharfes Sehen, Astigmatismus)
- Netzhaut: Blutungen der Netzhaut können ab ca. 2.700 Höhenmeter auftreten und sind > 5.000 Höhenmeter häufig. Die Symptomatik ist abhängig von der Lokalisation und meist nur symptomatisch, wenn die Makula betroffen ist, sodass diese Blutungen häufig nicht bemerkt würden, sagte Steinbrecher. Mit zunehmender Höhe nehme die Inzidenz der Netzhautblutungen zu.
- Papillenödem: Entstehung vermutlich durch verminderte Liquorresorption aufgrund des erhöhten Blutflusses und erhöhten venösen Drucks. In einer Studie wurde bei Personen mit Höhenexposition die Pupille vermessen. Alle Probanden entwickelten ein Papillenödem, das aber nach Verlassen der Höhe rückläufig war.2
- Nicht-arteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie (NAION), die höhenassoziiert auftreten kann.
Höhenassoziierte (HA)-NAION
Eine NAION sei in Bezug auf Höhenexposition noch nicht lange beschrieben, erklärte Steinbrecher. Die HA-NAION trete wenige Tage nach Exposition einseitig auf und verlaufe in den Tagen nach Beginn noch progredient. Dieses Papillenödem sei nicht reversibel und persistiere über Tage bis Wochen. Typisch dafür seien die altitudinalen GF-Defekte und später eine Atrophie der Nervenfaserschicht, so Steinbrecher.
Er verwies auf
eine retrospektive Analyse, in welcher HA-NAION bei 5 Patientinnen und Patienten mit nicht HA-NAION (n = 28) und gesunden Kontrollpersonen (n = 40) verglichen wurde. Ein Risikofaktor für HA-NAION ist eine obstruktive Schlafapnoe (OSA).
3In der Studie hatten 4 von 5 Erkrankten mit HA-NAION eine OSA, die behandelt wurde. Bei Behandlung aller Risikofaktoren war die Prognose vergleichbar zur nicht HA-NAION. Eine OSA lag bei dem hier beschriebenen Patienten jedoch nicht vor.
Retinale Blutungen und Papillenödem bei Höhenexposition seien sehr häufig und Papillenveränderungen seien in der Regel sofort nach Abstieg rückläufig. Diese Veränderungen waren vermutlich auch bei diesem Patienten für die akuten Sehstörungen verantwortlich. Selten komme es zur HA-NAION mit einem nach Abstieg persistierenden Papillenödem.
Der Beitrag ist im Original auf Univadis.de erschienen.