Dr. med. Matthias Rengsberger (Klinikum Naumburg) erläuterte auf dem DGS-Kongress 2026, dass die diagnostische Latenz oft durch ein falsches Ursachenmodell (Regelschmerzen) verlängert wird. Tatsächlich handelt es sich um eine chronisch-entzündliche Erkrankung, die eng mit einer neuronalen Fehlverarbeitung verknüpft ist. Entscheidend ist für ihn deshalb, dass weniger die Bildgebung als vielmehr das Erkennen typischer klinischer Muster den Ausschlag gibt. Immerhin sei die unerkannte Endometriose eine der häufigsten Ursachen chronischer Unterbauchschmerzen bei Frauen. In Deutschland sind schätzungsweise 1,5–2 Millionen Frauen betroffen.
Viele Patientinnen berichten über jahrelange Beschwerden und wiederholte, erfolglose Arztkontakte. Diese könnten zur Chronifizierung beitragen. Etwa jede zehnte Frau im reproduktionsfähigen Alter sei betroffen. Die Diagnose bleibe schwierig, da sich die Erkrankung in sehr unterschiedlichen Beschwerdebildern zeige. Rengsberger wies darauf hin, dass Schmerzintensität und das Ausmaß der Läsionen oft nicht korrelieren. Er erklärt dies mit dem Modell des „Predictive Coding“: Schmerz entsteht im Gehirn „Top-down“ durch eine negative Vorhersage basierend auf Vorerfahrungen und Ängsten. Ein unauffälliger Ultraschall darf daher nicht beruhigen, wenn die Patientin unter einer gesteigerten Schmerzempfindlichkeit leidet. Die rein morphologische Suche nach Herden greift zu kurz, da das Gehirn Reize aus dem Becken bereits als Schmerz „modelliert“, bevor sie bewusst werden.
Ein unauffälliger Ultraschall dürfe deshalb nicht beruhigen, wenn die Patientin über deutliche Einschränkungen klage, so der Experte. In solchen Fällen komme dem klinischen Eindruck größeres Gewicht zu als der Bildgebung. Grundlage bleibe eine strukturierte Anamnese. Wiederholte nozizeptive Reize könnten Chronifizierungsprozesse anstoßen. Der Schmerz löse sich dabei vom ursprünglichen Auslöser und könne auch nach operativer Entfernung von Läsionen fortbestehen. Hinweise auf eine solche Entwicklung seien eine Ausdehnung der Beschwerden auf Blase oder Darm sowie eine gesteigerte Schmerzempfindlichkeit. Eine frühe Überweisung in ein zertifiziertes Endometriosezentrum ermöglicht eine rasche interdisziplinäre Abklärung und verhindert Chronifizierung. Die histologische Sicherung der Diagnose erfolgt weiterhin per Laparoskopie, wobei die klinische Verdachtsdiagnose oft für einen Therapiebeginn ausreicht.
Als pragmatisches Warnsignal nannte der Naumburger Gynäkologe die ausbleibende Wirkung von NSAR während der Menstruation. Ein weiteres Leitsymptom sei eine ausgeprägte Dysmenorrhö mit relevanter Einschränkung im Alltag. Auch zyklische Beschwerden beim Wasserlassen oder Stuhlgang könnten richtungsweisend sein. Eine frühe Einordnung ermögliche es, Chronifizierung entgegenzuwirken, indem psychosoziale Faktoren berücksichtigt oder schmerzmedizinische Mitbehandlungen eingeleitet werden. Neben zyklusabhängigen Schmerzen kann Endometriose auch zu unerfülltem Kinderwunsch führen. Deshalb ist eine frühe Abklärung sinnvoll.
In der Therapie bleibt die Operation bei tief infiltrierender Endometriose oder Kinderwunsch zentral. Ringsberger sieht sie jedoch primär auch als „Window of Opportunity“: Die chirurgische Entfernung der biologischen Reizquelle (Noduli, Entzündungsherde) schafft ein günstiges Zeitfenster, um das Schmerzgedächtnis zu „resetten“. Ohne eine begleitende Umprogrammierung des Mindsets kehren Beschwerden oft trotz sauberer Resektion zurück, da die neurobiologische Erwartung erhalten bleibt. Die Operation steht deshalb nicht mehr im alleinigen Mittelpunkt. Hormonelle und multimodale Maßnahmen haben gleichrangige Bedeutung. So können etwa Gestagene im Langzeitzyklus (keine intermittierende 7-Tage-Pause) frühzeitig für Entlastung sorgen.
Multimodale Konzepte gewinnen daher an Bedeutung. Rengsberger verwies auf die Rolle von Physiotherapie, psychosomatischer Unterstützung und Patientenschulung. Ergänzend könnten Lebensstilfaktoren einbezogen werden. Bei neuropathischen Schmerzanteilen komme auch der Einsatz von Ko-Analgetika in Betracht. Entscheidend seien die abgestimmte Kombination der Maßnahmen sowie eine suffiziente Aufklärung, die den Patientinnen ein Verständnis ihrer Krankheit vermittelt und ihnen die Angst vor einer bösartigen Erkrankung oder unerkannter Organschädigung nimmt. Denn Endometriose ist zwar chronisch, aber in den allermeisten Fällen gut behandelbar.