Akute Nierenschädigungen (acute kidney injury, AKI) gehören zu den häufigsten und prognostisch relevantesten Komplikationen nach großen operativen Eingriffen. Auch moderate Formen sind mit erhöhter Mortalität, längeren Krankenhausaufenthalten und einem gesteigerten Risiko für eine spätere chronische Nierenerkrankung assoziiert.
Spezifische pharmakologische Therapien fehlen bislang jedoch, sodass der Fokus in der nephrologischen und intensivmedizinischen Praxis auf der Prävention liegt. Leitlinien, darunter die der Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO), raten seit Jahren zu supportiven Maßnahmen. Diese werden bislang jedoch nicht routinemäßig eingesetzt – etwa, weil sie teuer und aufwendig sind und nicht alle Betroffenen im gleichen Maß profitieren.
Die an mehreren europäischen Zentren durchgeführte, randomisierte und prospektive BigpAK-2-Studie mit fast 1.200 Teilnehmenden hat untersucht, ob die Anwendung von KDIGO-Präventionsempfehlungen die Gefahr von moderaten bis schweren AKIs nach größeren chirurgischen Eingriffen senken kann.
Primärer Endpunkt war das Auftreten einer moderaten bis schweren AKI innerhalb von 72 Stunden nach der Operation, basierend auf Serumkreatinin-Werten und ausgeschiedener Urinmenge. Die Ergebnisse der Forschungsgruppe um Prof. Dr. Alexander Zarbock, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie des Universitätsklinikums Münster (UKM), wurden in der renommierten Fachzeitschrift
The Lancet veröffentlicht.¹
Die KDIGO-basierte Präventionsstrategie
Basierend auf den KDIGO-Leitlinien zur AKI-Vermeidung umfasste die Präventionsstrategie mehrere Komponenten:
- eine optimierte hämodynamische Steuerung mit erweiterter Überwachung
- regelmäßige Prüfung der Volumenresponsivität
- Sicherstellung eines ausreichenden mittleren arteriellen Drucks und Herzindex
- konsequente Vermeidung nephrotoxischer Substanzen, darunter ACE-Hemmer, Angiotensin-II-Rezeptor-Blocker (ARB) und bestimmte Antibiotika
- eine engmaschige Blutzuckerkontrolle im Zielbereich von 100–150 mg/dL.
Die Maßnahmen wurden unmittelbar nach Identifizierung des erhöhten Risikos umgesetzt und für mindestens 12 bis 72 Stunden fortgeführt.
Signifikante Reduktion moderater und schwerer AKI
„Wir konnten zeigen, dass ein engmaschiges, koordiniertes Maßnahmenbündel in diesen ersten Stunden wirksam schützt“, freut sich Dr. Thilo von Groote, Koordinator und Letztautor der Studie.² In der Interventionsgruppe entwickelten lediglich 14,4 % der Teilnehmenden innerhalb von 72 Stunden ein moderates oder schweres AKI, verglichen mit 22,3 % in der Kontrollgruppe.¹ Dies entspricht einer relativen Risikoreduktion von 43 % (Odds Ratio [OR] 0,57; 95 %-Konfidenzintervall [KI] 0,40–0,79; p = 0,0002). Die Number Needed to Treat lag bei 12. Der Effekt zeigte sich konsistent über verschiedene chirurgische Disziplinen hinweg.
Konsistenz ohne Sicherheitsbedenken
Auch sekundäre Analysen stützten den Nutzen der Intervention. Zwar zeigte sich bei „jedwedem AKI“ (alle Stadien) nur ein numerischer, nicht signifikant reduzierter Unterschied, doch sowohl bei kreatinin- als auch urinmengenbasierter AKI-Definition profitierten Betroffene von der Präventionsstrategie. Weder die 30- noch die 90-Tage-Mortalität unterschieden sich zwischen den Gruppen, ebenso wenig die Notwendigkeit einer Nierenersatztherapie oder die Rate schwerwiegender Nebenwirkungen. Die Intervention erwies sich damit als sicher.
Explorative Analysen deuteten darauf hin, dass insbesondere die Vermeidung von Hypotonien sowie das Pausieren von ACE-Hemmern und ARBs den größten Beitrag zur Risikoreduktion leisteten.
Fazit
Die BigpAK-2 Studie liefert überzeugende Hinweise, dass eine leitlinienbasierte Präventionsstrategie das Risiko für moderate bis schwere postoperative AKIs signifikant senkt, ohne die Sicherheit für Betroffene zu beeinträchtigen. Die Autorinnen und Autoren der Studie empfehlen, entsprechende Präventivmaßnahmen zumindest bei Personen mit einem erhöhten Risiko für eine AKI anzuwenden.
„Dafür braucht es nicht einmal High-Tech-Ausstattung, sondern eine frühzeitige Identifizierung von Hochrisikopatientinnen und -patienten mittels innovativer Biomarker sowie ein gut koordiniertes Team, das in den ersten Stunden nach einer Operation aufmerksam handelt. All dies ist einfach und kostengünstig in Krankenhäusern weltweit umsetzbar“, so Prof. Zarbock.²